In unserer Kolonie gibt es neuerdings vier Bienenstöcke. Ein freundlicher Imker hat sie an einen Hang gestellt, vier weitere kommen bald dazu. Ein Anschlag im Glaskasten am Kolonieeingang informiert über seine Handynummer und bittet darum, die Insekten nicht zu nerven. Es handele sich um "ruhige, sanftmütige, tüchtige und winterfeste" Bienen der Rasse "Carnica". Trotz dieser beruhigenden Worte hielt ich ein paar Meter Abstand, als ich sie das erste Mal besuchte und ihnen beim Herein- und Herausfliegen zusah. Als ich später versonnen vor meinen Beeten stand, summten sie um die Rosen. Ich nehme an, es waren die "neuen", denn so viele waren es im Juni noch nie.Ein tolles Thema für die Kolumne, dachte ich mir, bis ich nach wenigen Minuten der Recherche wusste, dass ich offenbar die einzige bin, die noch nichts über Stadtbienen geschrieben hat. Von National Geographik über die Zeit bis zur Berliner Zeitung kreisen alle um die sympathischen Insekten, die offenbar viel lieber in der Stadt leben als auf dem Land. Hier ist es wärmer, statt insektizidgetränkter Monokulturen gibt es Lindenalleen, Balkonkästen und Gärten. Stadtbienen sind gesünder als ihre massenhaft vom Bienensterben dahingerafften Kolleginnen im Grünen und produzieren deutlich mehr Honig. Neuerdings wohnen sie nicht nur in unserer Kolonie, auf Mietshausdächern, in Gemeinschaftsgärten oder auf dem Tempelhofer Feld, sondern auch auf dem Preußischen Landtag, dem Berliner Dom oder dem Haus der Kulturen der Welt. Dank der Initiative "Berlin summt", die diese und andere prominente Adressen vermittelte und es außerdem schafft, Wowereits Berlin-Werbung einen gewissen Pepp zu verleihen: Bee Berlin!Kurz darauf traf ich unseren Kolonie-Imker, er heißt Jonas Hörning und hat sein Metier in Frankreich gelernt. Er überzeugte mich davon, dass ich seinen Bienen gefahrlos nahe treten kann und zeigte mir, wo eine Glasscheibe Einblick ins Innere der Kästen gewährt. Dort sah ich die Carnicas emsig Waben bauen, denn in ihrem französischen Warré-Bienenkasten haben sie noch richtig was zu tun. Anders als in vielen anderen Modellen bekommen sie keine Rahmen mit vorgeprägten Wachsplatten ins Zuhause gestellt, sondern dürfen ihren Honig und ihre Brut unterbringen, wie sie wollen. Sie bauen sozusagen individuell, wenn man das bei Bienen überhaupt so sagen kann. Als einzige Vorgabe gibt es Holzleisten, an denen acht Waben aufgehängt werden können. So viele bauen Bienen aber sowieso, wenn man sie lässt. Gestört werden sie nur zweimal im Jahr - nach dem Winter und bei der Honigernte. Öfter ist das bei dieser Art der Imkerei nur in Notfällen vorgesehen. Alles andere würde die Tiere nur stressen, meint mein neuer Bekannter.Auch sonst ist er nett zu den Bienen. Er lässt ihnen für den Winter ungefähr 12 Kilo Honig. Alles wegzunehmen und den Bienen dafür Zucker vorzusetzen, wie viele Imker es tun, hält er für Unfug. So kommen bei uns also echte Berliner, genauer Tempelhofer Bienen (von einem Imker dort stammen die Völker), in den Genuss französisch inspirierter, naturnaher Lebensart. Das freut mich, denn die Vorstellung, dass wir ihnen ihre ganzen Vorräte wegessen, finde ich bedrückend. Nun warte ich auf den Kolonie-Honig, den ich mit besserem Gewissen aufs Brot schmieren kann und überlege, wie ich zu einer guten Ernte beitragen kann. Die Forsythien, die im Frühling überall in der Kolonie blühten, mögen die Bienen zum Beispiel nicht, erfahre ich von Jonas. Dafür lieben sie Ahorn, Weiden und natürlich Wildblumen. Also: Noch weniger jäten!Und was die wilden, oft vom Aussterben bedrohten Verwandten der Honigbienen betrifft, so habe ich längst zwei "Insektenhotels" aufgehängt. Auch wenn ich für die Kästen voller hohler Halme, angebohrter Holzscheiben und durchlöcherter Backsteine schon milde belächelt wurde (sie erinnern sehr an die Ära der Batik-Kurse und Jutetaschen, ich weiß auch nicht warum), so ist ihr Nutzen für die Insektenwelt unbestritten. Der NABU verkauft sogar welche mit gläsernen Niströhrchen, da könnte ich genau beobachten, wie sich der Wildbienen-Nachwuchs entwickelt. Ein echter Warré-Kasten mit eigener Honigproduktion würde natürlich mehr hermachen, aber sobald ich an die Ernte denke, und sei sie auch nur einmal im Jahr, überlasse ich den dann doch lieber dem Experten.