Hoppegartens Publikumsliebling arbeitet nun als Trainer in einem Dresdner Galopp-Rennstall: Lutz Pyritz kehrt als Sachse zurück

Erstmals kommt er als Gast. Lutz Pyritz, mehr als ein Jahrzehnt lang d e r Lokalmatador Hoppegartens, dreimaliger Sieger des DDR-Galoppderbys (1983, 1985 und 1990), viermaliger Champion in den 80er Jahren, fünfmaliger Gewinner des Holsten-Cups, der Trophäe, die in den 90ern alljährlich dem auf der Traditionsbahn im Osten Berlins erfolgreichsten Jockey verliehen wird. Pyritz, lebendiges Symbol Hoppegartens, nach der Wende Hoffnungsträger der Berlin-Brandenburgischen Turffans bei den für die einheimischen Starter angesichts der überlegenen westdeutschen Konkurrenz wenig erfolgverheißenden Aufeinandertreffen. Ortswechsel, der weh tut Der 40jährige wird nicht mehr für die Farben der Hoppegartener Besitzer reiten. Nach Lage der Dinge wird er im Rennen überhaupt nicht mehr reiten. Pyritz hat Mitte März völlig überraschend die Reitstiefel an den berühmten Nagel gehängt. Aus dem Jockey wird ein Trainer. In Dresden. Der Ortswechsel tue ihm sehr weh. "Mein Leben ist mit Hoppegarten verbunden, hier kenne ich jeden Grashalm auf der Bahn", sagt Pyritz. Von 1974 bis 1976 hatte er bei Egon Czaplewski gelernt. Viel gelernt. Es folgten "unheimlich schöne Jahre". Jahre, in denen er zum gefeierten Publikumsliebling wurde. Gleich nach der Wende hatte das renommierte Gestüt Röttgen den besten ostdeutschen Jockey verpflichten wollen. Pyritz lehnte ab. Aus Heimatverbundenheit. Aber nicht nur. "Ich hatte damals in der Zeit der Euphorie den vielen Versprechungen vom schnellen Aufschwung in Hoppegarten geglaubt", bereut er nun mitunter die damalige Entscheidung. Denn noch heute stünden die besten Pferde in den westdeutschen Trainingsquartieren. "Und ohne sehr gute Galopper kannst du auch als Jockey kaum für Schlagzeilen sorgen."Es sei denn für negative. Mehrfach wurde er wegen "Nichtwahrnehmens der Siegchance" bestraft. So am 6. Mai 1995 in Magdeburg, wo er laut Urteilsspruch des Direktoriums für Vollblutzucht und -rennen "grob fahrlässig" die Gewinnaussichten der Stute Shalimara nicht wahrgenommen haben soll. So auch am 13. April 1996, an dem er in Halle/Saale die Stute Charlottka nicht so unterstützt haben soll, wie es erforderlich gewesen wäre. Pyritz sah es ganz anders und nicht nur er. "Lutz Pyritz hielt sich an meine Order, mit Shalimara am Ende des Feldes zu reiten und erst auf der Zielgeraden nach vorn zu stoßen", hatte der Trainer 1995 den Jockey nach dem angeblichen Vergehen, das erst nachträglich beim Studium der Videoaufzeichnungen in der Kölner Zentrale festgestellt worden war, verteidigt. Es half nichts. Pyritz mußte eine dreimonatige Sperre absitzen, wurde vorübergehend arbeitslos. Auch gegen die Entscheidung von Halle 1996, die ihn erneut für einen Monat aus dem Rennsattel verbannte, protestierte er heftig: "Charlottka galoppierte lustlos, wäre nie und nimmer für einen vorderen Platz in Frage gekommen, da ließ ich sie in Ruhe." Wie auch immer: Das Image des einst von der Woge der Sympathie in den neuen Ländern gestützten Strahlemannes hat Schrammen davongetragen. Zumal Pyritz alles andere als ein Diplomat ist. "Ich sag immer, was ich denke", verteidigt er die mitunter schroffe, Kompromisse kaum ermöglichende Offenheit. Sogar mit einigen Hoppegartener Trainern hatte er sich quergelegt. Selbst mit Martin Rölke, der ihm im Vorjahr die Chance gegeben hatte, als sogenannter Freelancer Freiberufler für ihn zu arbeiten.Zuletzt war ihm nur die Flucht ins "Exil" geblieben. Dresdner, Hallenser und Magdeburger Trainer setzten nach wie vor auf ihn. In Hoppegarten hatte er 1997 erst am neunten Renntag seinen ersten Erfolg buchen können. Mit dem Hengst Westfalenstürmer war er am 18. Juli als Sieger ins Ziel gestürmt. Die Erlösung nach 41 erfolglosen Ritten auf der Heimatbahn. Schon im Spätherbst des Vorjahres reiften Gedanken, nach Dresden zu gehen. Als Jockey. Besitzer Wolfgang Müller glaubte an ihn und seine Reitkunst. Aber dann verunglückte der Großspediteur bei einem Autounfall im November tödlich. Ein schwerer Schlag für Pyritz. Doch Müller hatte vorgesorgt. Die Erben kommen seinem testamentarisch gesicherten Wunsch nach, den Pferdesport weiterzuführen. Die nächste Hiobsbotschaft zwang Pyritz dann allerdings zur einscheidenden beruflichen Konsequenz. Trainer Frank Breuß hatte in Dresden nur mit einer Sondergenehmigung des Dachverbandes des Galopprennsports gearbeitet. Diese wurde für die beginnende Saison nicht verlängert. "Was blieb mir anderes übrig, als selbst das Traineramt zu übernehmen", begründet Pyritz, der 1996 vorausschauend für "viel, viel später" die Prüfung absolviert hatte, den überraschenden Schritt. Ein Abschied aus dem Sattel nach 864 Siegen. Mit viel Wehmut. "Ich wollte unbedingt noch in den ,Club der 1000 aufsteigen, das wird nichts mehr.""Nun kann er zeigen, daß es alles viel besser geht", begrüßt Hoppegartens Martin Rölke den neuen Mann in der Trainergilde. Pyritz hat den Ehrgeiz. Und auch einige vielversprechende Pferde. Mit den vierjährigen Jever und El Morton, zwei seiner besten, kommt er am Sonntag nach Hoppegarten.