Zwölf sein ist ohnehin schon Mist. Dazu noch geschiedene Eltern haben, der Hackblock für die Klassenkameraden sein und den Winter in einer schwedischen Trabantenstadt verbringen - mehr braucht's eigentlich nicht für einen Horrorfilm. Oskar steht nackt in seinem Kinderzimmer vor der Fensterscheibe und kämpft gegen sein eigenes Spiegelbild, weil er niemand anderen hat, an den er die Demütigungen aus der Schule weiterreichen kann. Unten auf dem gutgemeinten, aber nutzlosen Klettergerüst der Wohnanlage trifft er Eli, genau so alt wie er, gerade erst eingezogen mit einem Mann, der etwas zu alt ist, um umstandslos als ihr Vater zu gelten. Sie trägt kurze Sachen, läuft barfuß durch den Schnee und warnt als erstes davor, sich mit ihr anzufreunden. Nur hilft das nicht viel, wenn das Schicksal zuschlägt: Oskar ist komisch, Eli ist komisch, beide sind einsam - das sind starke Gemeinsamkeiten.Nun ist aber Eli nicht wegen einer vorübergehenden Hormonumstellung komisch, sondern weil sie einen etwas absonderlichen Appetit hat. Ihr Vater oder Opa geht nicht zum Brötchenverdienen aus dem Haus, sondern um Menschen zu schächten, das auslaufende Blut im Plastikkanister nach Hause zu tragen und dort zum Abendessen zu servieren. Eli ist ein Vampir. Oskar, ein eifriger Sammler von Horrorgeschichten, ob von Stephen King oder aus der Tageszeitung, entdeckt das bald, akzeptiert es und will mit ihr zusammen sein - was jedoch aufgrund ihrer Ernährungsgewohnheiten nicht so einfach ist.In "So finster die Nacht" hat der schwedische Regisseur Tomas Alfredson einen Roman seines Landsmannes John Ajvide Lindqvist adaptiert. Wohl springen die Vampirromanzen, Stephenie Meyer sei verflucht, gerade wie die Pilze aus dem Boden, aber "So finster die Nacht" ist doch ganz anders verfasst, anders gedacht als dieser pseudogotische und stets mindestens dreiteilige Fantasyschmutz für Heulsusen. Denn Eli wird eben nicht über Gebühr individualpsychologisch aufgeschlüsselt, sondern ist, ganz wie im klassischen Genre, eine Verfluchte mit tendenziell unsicherem Realitätsstatus, schwankend zwischen Person und Symbol. Oskar entdeckt im Zusammensein mit ihr seine eigenen Kräfte. Und die Bewohner dieser schwedischen Schlafstadt brauchen keinen Vampir, um draufzugehen, sie verrecken ohnehin bei lebendigem Leibe in ihren Wohnkisten.Immer wieder rückt die Kamera von Hoyte van Hoytema diese schnell hochgezogenen Siedlungen beeindruckend düster und horizontverstellend ins Bild, Häuser, Kaufhallen und öffentliche Gebäude scheinen aus dem Schnee herauszuwachsen: Die desillusionierte Kälte der späten 70er- und frühen 80er-Jahre ist selten derart bedrängend eingefangen worden wie in diesen geheimnislosen Draufsichten auf eine ausweglose Architektur.Die blutleeren Toten, die man im Verlauf der Geschichte unter Brücken und in Gewässern findet, setzen eine schleppende Verfolgung in Gang, denn die da nach ihren verschwundenen oder ermordeten Freunden suchen, sind Arbeitslose, Alkoholiker, Aussortierte. Vitaler sind da Oskars Schulkameraden, die schreckliche Rache nehmen wollen, als er beginnt, sich gegen ihre Schikane zu wehren. Da hilft ihm Eli ein letztes Mal, in einer Szene, die das Grausige und das Anrührende auf einzigartige Weise mischt und in ihrer inszenatorischen Raffinesse lange im Gedächtnis bleibt."So finster die Nacht" ist ein langsamer Film. Er zeigt auf's Schönste, was Horror auch sein kann: Eine Meditation über das Dunkle in uns und im Leben mit den anderen. Davon erzählt der Film noch klarer und schlackenloser als der bemerkenswerte, aber auch an mancher Thriller-Konvention schwer tragende Roman. Zwölf sein ist ohnehin schon Mist. Wer es, wie Oskar, wie der Autor des Romans oder auch der Autor dieses Textes, in den frühen 80er-Jahren war, wird diesen Film lieben.------------------------------So finster die Nacht (Lat den rätte komma in) Schweden 2008. Regie: Tomas Alfredson, Buch: John Ajvide Lindqvist nach seinem gleichnamigen Roman, Darsteller: Kare Hedebrant, Lina Leandersson, Per Ragnar, Henrik Dahl u. a., 114 Minuten, Farbe.------------------------------Foto: Die Bewohner dieser schwedischen Schlafstadt brauchen keinen Vampir, um draufzugehen. Hitziges Gestikulieren reicht.Foto: Und hier die schwedische Antwort auf Monty Pythons "Wie mache ich eine Katze konfus" - mit Polarpudel. Bitte achten Sie auf die flüchtende Oma (l.).