BERLIN, im September. Ein Mann kommt aus dem Fahrstuhl. Er geht eine Treppe hinauf und öffnet eine weiße Tür. Er trägt weiße Turnschuhe, eine schwarze Lederhose und ein Kapuzen-Shirt. Als die Tür offen ist, fällt der Blick in eine leere Wohnung. Für kurze Zeit ist der Mann im Profil zu sehen, mit seinen engen Augen, die ein wenig schräg stehen. Es sind die Augen von Horst Buchholz. Der Mann schließt die Tür und steht in der Wohnung und schaut sich um. Horst Buchholz lebt nicht mehr. Ins Bild kommt eine zweisitzige Couch mit weißen Kissen.Das ist der Anfang. "Horst Buchholz...mein Papa" heißt der Dokumentarfilm, den sein Sohn Christopher Buchholz gedreht hat. Er ist der Mann, der die weiße Tür aufschloss. Dahinter hat sein Vater in Berlin gelebt. Es war der Ort, wo er in den weißen Kissen hing, auf dieser zweisitzigen Couch. Wo er sich Wodka eingoss und schwieg, nur wenig aß und voller Überdruss ertrug, wie die Zeit verging.Im Film sagt er: "Wenn ich nicht drehe, lebe ich so vor mich hin. Schaue mir den Quatsch im Fernsehen an. Ich lese kaum noch etwas." Dann gibt es eine lange Pause, in der die Kamera auf sein entrücktes Gesicht gerichtet ist.Christopher Buchholz ist 43 und ebenfalls Schauspieler. Wie sein Vater es war und auch seine Mutter, Myriam Bru, die heute als Künstleragentin in Paris lebt. Er spricht vier Sprachen, auch Deutsch fast perfekt, aber mit einem Akzent, der offenbar aus den anderen drei Sprachen gemischt ist. Da ist noch Italienisch. Mit seinem Vater hat er Englisch gesprochen, mit der französischen Mutter Französisch und mit der deutschen Köchin und der deutschen Großmutter halt Deutsch. Er lebt in Paris, aber auch anderswo, und in Berlin ist er wegen der Premiere zum Filmstart in der kommenden Woche nur zu Besuch. "Ich bin so ein Zigeuner halt", sagt er, "und ich gehe immer dahin, wo es für mich Arbeit gibt."Christopher Buchholz spricht sanft. Er erscheint entspannt und überlegt, wie jemand, für den nichts mehr offen ist. Aber vielleicht scheint es auch nur so. Sein Vater war Berliner, aufgewachsen im Prenzlauer Berg, Sodtkestraße 11. Nach vielen Jahren in Los Angeles und Paris war Horst Buchholz zurückgekommen und im Berliner Westen gestorben. "Berlin ist seine Heimat gewesen", sagt sein Sohn, "sie ist es immer geblieben, und er war von dieser Stadt sehr geprägt."Er selbst kann mit Berlin nicht viel anfangen. Sie ist ihm zu großflächig, so wie Los Angeles. Er ist hier nur zu Besuch. Trotzdem sieht Buchholz, wie sich die Stadt verändert hat. Als die Mauer noch stand, waren sie öfter im Ostteil, sie hatten dort Verwandte. Das hat ihn sehr beeindruckt. Und erschreckt hat es ihn auch. "Denn die Leute hatten nichts. Aber sie hatten etwas, was ich toll fand. Sie waren sich sehr nah." Das, glaubt er, ist nun auch im Osten vorbei, und er wundert sich über den Zustand dieses Landes, das sich so protestantisch und moralisch sehe.Christopher Buchholz wird wieder wegfahren und Berlin hinter sich lassen, wenn wahrscheinlich auch nicht die Bilder aus der Wohnung seines Vaters am Kurfürstendamm. Er hatte nie an einen Film gedacht, erst dann als klar war, dass Horst Buchholz nicht über sein Leben schreiben würde."Er saß zu Hause, und ich sagte, wenn du nicht drehst, dann kannst du doch deine Autobiografie schreiben. Du hast so unglaublich viel erlebt, und zu schreiben ist doch besser, als auf der Couch vor dem Fernseher zu sitzen."Aber Horst Buchholz wollte nicht schreiben. Vielleicht konnte er es auch nicht mehr. Er hätte erzählen können, wie bei den Dreharbeiten zu den "Glorreichen Sieben" Steve McQueen erst Yul Brunner als Hauptkonkurrenten betrachtete und dann auf diesen jungen Typen aus Berlin in Deutschland eifersüchtig wurde. Was Billy Wilder in Hollywood sagte, als er zum ersten Mal in sein Büro kam. Oder dass er bei Visconti für "Rocco und seine Brüder" absagte und später auch für den "Leopard". Stattdessen kam Alain Delon mit beiden Filmen groß heraus.Irgendwann hat Horst Buchholz doch zu schreiben begonnen, aber sehr weit kam er nicht. Er ließ es einfach wieder sein. So endete der Versuch einer Autobiografie. Und in gewisser Weise begann so der Film zu entstehen."Horst hat ja nie viel von sich erzählt", sagt sein Sohn, das sei immer so gewesen, immer, und dass er in den letzten Jahren große Probleme gehabt habe. Er nennt ihn jetzt Horst, nicht mehr Papa, wie bis zu seinem Tod. Papa wäre ihm zu intim für ein Interview. Aber Christopher Buchholz wollte, dass etwas bleibt, dass mehr als Erinnerungen bleiben von dem schweigsamen Mann hinter der weißen Tür. Eines Tages schlug er ihm vor, komm', wir setzen uns zusammen, wir sprechen, und ich lasse ein Band mitlaufen. Nach der vierten Kassette merkte er, dass aus den Gesprächen mehr werden könnte. Deshalb besorgte er eine Kamera. Vor der sitzt er dann im Film. Hotte, wie ihn die Berliner nannten, der ehemalige junge Held aus den "Glorreichen Sieben" und den "Halbstarken". Er sitzt da in seinen weißen Kissen, raucht, trinkt einen Schluck, erzählt ein bisschen und schweigt auch lange. Manchmal scheint er nicht mehr von dieser Welt. Horst Buchholz sagt: "Alles ist vorbei und gegessen." Er lächelt nicht oft, nur vor seinem alten Haus in der Sodtkestraße, da lächelt er, als er von der Zeit erzählt, in der er jung war. Manchmal soll er, als es dunkel war, vom Kurfürstendamm hinüber in seine alte Straße gefahren sein, in den Berliner Osten.Über zwei Jahre haben sich Vater und Sohn unterhalten, mit großen Pausen. Je nach den Dreharbeiten, die sie hatten. Oder wie Horst Buchholz drauf war. Sie haben in Berlin gedreht, in seinem Haus in der Schweiz und bei Myriam Bru in Paris, mit der er immer noch verheiratet war. Christopher Buchholz sagt erst, dass es ihm nicht darum ging, seinen Vater besser kennen zu lernen. Dann sagt er: "Doch, vielleicht wollte ich es doch. Es kann ja eine diffizile Sache sein, jemanden besser kennen zu lernen. Und, ja, es hat mich interessiert, wenn ich auch oft zwischen seinen Sätzen lesen musste." Es scheint schön für ihn gewesen zu sein. Weil sie über Stunden zusammen waren. Allein. Da stand nur noch die Kamera auf dem Stativ.Horst Buchholz war in den letzten zehn Jahren depressiv. Sein Sohn hat ihm nicht nur einfache Fragen gestellt. Er fragt, was ist los, warum bist du depressiv? Oder er sagt, du bist ziemlich asozial irgendwie, du gehst nicht gern raus, warum nicht? Nicht auf alles hat er eine richtige Antwort bekommen.Stimmt der Eindruck, Herr Buchholz, dass es nicht ganz leicht gewesen ist?"Es war nicht schwer, denn man macht so was aus Liebe, und das ist leicht."Es gab nichts, was Ihnen sehr nah ging?"Na ja. Manchmal war es während der Gespräche auch schwer. Es machte mir keine Freude, meinen Vater in eine Ecke zu drängen. Er war schwach. Das waren die schweren Momente, weil man auch zeigen will, wie jemand kaputt ist. Ich denke es ist wichtig, dass auch solche Dinge angesprochen werden."Horst Buchholz hatte Anfang der achtziger Jahre die Familie in Paris verlassen, um in Berlin oder in der Schweiz mit einem Mann zusammenzuleben.Christopher Buchholz fragt seinen Vater vor der Kamera: "Warum Männer?""Das ist sehr viel, was du mich da fragst", sagt er und schweigt. Dann zitiert er aus seiner Rolle des Felix Krull von Thomas Mann: "Liebe die Welt, und die Welt wird dich lieben." Diese Freiheit habe er sich immer genommen. "Ich habe die Welt geliebt und liebe sie noch und das beinhaltet alles." Das war die Antwort.Auf andere Fragen gab es keine Antwort. Horst Buchholz war Alkoholiker. Er hatte immer wieder Unfälle, weil er betrunken war, und sein Sohn erinnert sich daran, wie oft sie auf der Straße gingen, "und er war besoffen". Jetzt will er etwas darüber wissen. Zum Beispiel wie es in der Klinik war. Sein Vater erzählt, dass er dort zunehmen wollte. Der Sohn sagt, dass es doch um's Trinken und nicht um's Zunehmen ging. Der Vater sagt: "Nein." Der Sohn fragt, "warum verarschst du mich? Du willst es nicht vor der Kamera sagen? Der Vater antwortet: "Ja."Christopher Buchholz wollte keine Hommage machen, und es ist keine Hommage geworden. Er wollte keinen Vatermord inszenieren, und auch das ist der Film nicht. "Wenn es eine Hommage geworden ist, dann an meine Mutter", sagt er. Als er gerade geboren war, hatte sie sich über ihn gebeugt und gesagt: "Wie schön Sie sind, Christopher." Myriam Bru hat auch ihren Mann Horst Buchholz immer gesiezt, so ist sie erzogen worden. Einmal sagt sie in die Kamera, wohl aus Versehen: "Was wollen Sie noch wissen, mein geliebter Sohn?"Am Anfang hatte sich Christopher Buchholz gefragt, ob er so einen Film machen darf, wo etwa im Irak jeden Tag viel schrecklichere und wichtigere Dinge geschehen. Er gab sich die Antwort, dass auch solche Geschichten wichtig sind, weil jeder Vater und Mutter hat "Eigentlich wollte ich einen Film über eine Familie machen", sagt er. "Und ich träume davon, dass sich Familien diesen Film zusammen ansehen. Wenn sie rausgehen, wird es hoffentlich Diskussionen geben."Er glaubt, dass er den Film allein nicht hätte fertig stellen können. Sein Vater war tot, aber sein Vater war auch immer noch da, weil er ihn praktisch jeden Tag im Zusammenhang mit dem Film sehen konnte. "Das war eine schwierige Zeit. Ich war immer ganz nah an ihm dran, obwohl er schon gestorben war." Christopher Buchholz hat dann mit der Dokumentarfilmerin Sandra Hacker zusammengearbeitet, weil er jemanden brauchte, der objektiv sein konnte.Horst Buchholz wurde 69. Er ist vor zwei Jahren gestorben, am 3. März 2003. Gegen Ende des Films umarmen sich Vater und Sohn.Danach fragt der Sohn seine Mutter, wie es war, als er gestorben ist? Und wie jetzt, nach seinem Tod?"Ich will nicht sprechen", sagt sie, und für einen kurzen Moment beißt sie sich auf die Lippen.Zum Schluss geht Christopher Buchholz aus der leeren Wohnung seines Vaters. Die weiße Tür fällt ins Schloss.Irgendwann im Film hatte sein Vater gesagt: "Ich heiße Horst, die Zeit von Hotte ist vorbei."------------------------------"Ich sehe niemanden in Deutschland, der sein Niveau hat oder sein Charisma."Christopher Buchholz über seinen Vater------------------------------Foto : Horst Buchholz in seinen letzten Jahren. Mit seinem Sohn Christopher (r.) unterhielt er sich viele Stunden vor der Kamera über sein Leben.

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