HR Giger, Horst Janssen, Guido Sieber: Die Zitadelle zeigt drei Künstler und ihre Abgründe: Düstere Träume, echte Warzen

Liebe, Leidenschaft und der Glaube an die göttliche Macht waren für Künstler seit jeher ein unerschöpflicher Quell der Inspiration. Doch gleich der hellen, leuchtenden Kraft der Begehrlichkeiten und religiöser Ehrfurcht haben Ängste und Schrecken stets eine morbide Faszination auf ihre geschundenen, weil zum inneren Disput verdammten Seelen ausgeübt. Eine Faszination, die sich wie ein rot glühender Faden durch die gesamte Kunstgeschichte zieht. Diese dunkle Seite beleuchtet die ungewöhnliche Ausstellung "Abgründe" in der Zitadelle Spandau. Sie blickt auf die Tiefen menschlicher Grausamkeit, auf ästhetische, sexuelle und gesellschaftliche Verwerfungen.Mit HR Giger, Horst Janssen und Guido Sieber führte Christian Melzer, Kurator und Initiator der Schau, drei sehr unterschiedliche Künstler zusammen. Die Schau ist auch als künstlerisches Begleitprogramm zum diesjährigen Citadel Music Festival gedacht, Berlins größtem Open-Air-Festival, zu dem auch Angst und Schrecken verbreitende Krachmacher wie Rage Against The Machine, Motörhead und Iggy Pop eingeladen wurden.Mit mehr als 150 Werken, großformatigen Skulpturen und Möbel von Giger, selten gezeigten Radierungen und Plakatentwürfen Janssens und eigens für die Ausstellung gemalten Acrylbildern von Sieber, sind die "Abgründe" eine gelungene Überraschung des Berliner Kunstsommers.Als Kunst-Headliner auf der Zitadelle dürfte wohl der weltberühmte HR Giger, Oscar-prämierter Schöpfer des "Alien" und Prophet einer apokalyptischen Science-Fiction-Kunst fungieren. Es ist Gigers erste größere Ausstellung in Berlin überhaupt und damit auch die Möglichkeit für den Schweizer, sich verstärkt als Künstler zu präsentieren. Denn gemeinhin gilt er als erfolgreicher Gestalter von Plattencovern, als Setdesigner für Großproduktionen in Hollywood wie "Dune", "Poltergeist II" und eben die "Alien"-Reihe.In der Zitadelle beginnt der Blick auf Gigers Werk aber schon in den frühen Sechzigern, als der Apothekersohn noch an der Zürcher Kunstgewerbeschule studierte. Die Tuschzeichnung eines weiblichen Torsos, aus dem Sprungfedern hinausquellen, lässt nur im Rückblick die späteren "biomechanoiden" Frauenwesen erahnen. Auch vom mephistoartigen Radfahrer aus dem Jahr 1961, der verschmitzt einen Sarg hinter sich herzieht, ist noch ein langer Weg zu den Furcht erregenden Babysoldaten und widderköpfigen Weltraummonstern.Den ergänzenden Kontrast zu Giger bietet das Werk des 1995 verstorbenen deutschen Zeichners Horst Janssen. Ein wahrer Genius seines Fachs, den Henri Nannen "einen der begabtesten Zeichner des Landes" nannte. Und Rudolf Augstein gestand dem "Mordskerl, Monstrum, Mann" ein "gewaltiges und bizarres Oeuvre" zu. Janssen erlebte in seinem Leben so manchen persönlichen Abgrund. In den frühen Fünfzigern wurde er wegen versuchten Mordes an seiner damaligen Lebensgefährtin angeklagt; das Tatmotiv lautete Eifersucht. Es folgten Krisen, Scheidungen und 1990 der tragische Unfall, als der damals 61-jährige Künstler mit dem Balkon seines Hauses abstürzte und sich schwer verletzte.Auch davon zeugen seine Radierungen, sie zeigen absonderlich verzerrte Welten, in denen gequälte Menschenwesen ein finsteres Dasein fristen. Sie wirken wie eine Verfeinerung von Gigers Kopfgeburten. Bei Janssen steht der einzelne Mensch im verzweifelten wie ausweglosen Kampf mit sich selbst, bei Giger begegnen sich der universelle Mensch und die seelenlose Maschine in einer unheiligen, düsteren Symbiose aus der sie sich monumental über Zeit und Raum erheben. Beide Künstler sind zumindest teilweise von Freuds Traumdeutungen wie auch vom Surrealismus geprägt, der der Kunst einst den Weg ins Unbewusste öffnete und so erst die von dunkler Erotik aufgeladenen Schreckensbilder Gigers und Janssens möglich machte.Der Dritte im Bunde ist der Berliner Maler Guido Sieber. Neben Illustrationen für Bücher von Stanislaw Lem, Hermann Hesse und Wladimir Sorokin präsentierte Sieber erst kürzlich in einer Ausstellung mit dem viel sagenden Titel "Gangsterballaden - Das Entertainment des Verbrechens" in der Galerie Friedmann-Hahn seine groteske Sichtweise auf menschliche Abgründe. Wie Otto Dix in der Weimarer Republik porträtiert Sieber die hässliche Fratze der Gesellschaft, in der er lebt. Schonungslos zeigt er Krampfadern, Falten, Eiterpickel und behaarte Warzen. Er zeigt die realen, alltäglichen Abgründe der Hässlichkeit, der Verrohung und Vergänglichkeit und ist damit vielleicht grausamer als Janssen und Giger zusammen. Denn der furchtbarste Abgrund ist schließlich immer in einem selbst.------------------------------Zitadelle Spandau, bis 14. September. Täglich 10-17 Uhr.------------------------------Foto (3) :Berühmt wurde HR Giger (links) durch Hollywood-Fantasy. Man sieht es. Rechts "Au Backe!", ein quälendes Paranoia-Selbstporträt von Horst Janssen.Wahlverwandter Otto Dix': Schonungslos zeigt Guido Sieber den Menschen mit all seinen Details.