An der Seite des Papstes war 24 Jahre lang sein Platz. Nach dem Tod von Johannes Paul II. wird Joseph Kardinal Ratzinger dafür sorgen müssen, dass die Katholische Kirche einen Nachfolger findet. Sein Amt als Dekan des Kardinalskollegiums sieht das so vor. Dass Johannes Paul II. dem Deutschen diese wichtige Aufgabe übertragen hat, war eines von vielen Zeichen des Vertrauens. Der visionäre Pole, der sich zeitlebens gerne über Spielregeln hinweggesetzt hat, holte den vorsichtigen Theologen schon 1981 von München nach Rom. Die Aufgabe war undankbar. Ratzinger war als Bremser engagiert, als bedächtiges Gegengewicht zum dynamischen Papst. Bald galt er vielen als finsterer Reaktionär.Kein Wunder, dass der Bayer aus Marktl am Inn gerne mit seinem 75. Geburtstag die Leitung der Kongregation für die Glaubenslehre abgegeben hätte. Der Papst aber wollte im letzten Abschnitt seines Pontifikats auf den erfahrenen Berater nicht mehr verzichten. Kardinal Ratzinger war zum wichtigsten Mann in der Regierung Karol Wojtylas geworden, auch wenn der Hüter der reinen Lehre rein protokollarisch erst an dritter Stelle in der Hierarchie des Vatikans steht. Vor ihm listet das päpstliche Jahrbuch noch den Kardinalstaatssekretär auf, den Regierungschef. Während des Interregnums aber steht Sodano hinter dem Deutschen.Die Bedeutung der Aufgabe, die auf Ratzinger zukommt, kann man schwer überschätzen. Rein äußerlich betrachtet geht es lediglich um Organisation. Zunächst muss der Dekan die tägliche Kardinalsversammlung leiten, die während der Sedisvakanz die Geschäfte der Kirche führt und die Wahl vorbereitet. An den Versammlungen dürfen auch die über achtzigjährigen Purpurträger teilnehmen, die von der Wahl des Papstes ausgeschlossen sind.Erst zwei oder drei Wochen nach dem Tod des Papstes geleitet Ratzinger seine Kollegen dann in die Sixtinische Kapelle. Hier wird er die Wahl des Nachfolgers leiten - und wohl auch ein bisschen steuern. Die lange Frist wurde eingeführt als Flugzeug und Telefon noch unbekannt waren. So konnte auch der entfernteste Kardinal rechtzeitig nach Rom kommen. Die Pause gibt heute Gelegenheit, gründlich nach einem geeigneten Kandidaten zu suchen, Mehrheiten zu sondieren.Gute Vorbereitung ist deshalb so wichtig, weil die Wahlordnung die Kür des Papstes mit einfacher Mehrheit erlaubt. Nach zwölf Tagen und 33 Wahlgängen, die keine Zweidrittel-Mehrheit zu Stande bringen, kann die Mehrheit der Kardinäle beschließen, den Nachfolger Petri mit absoluter Mehrheit zu küren. Im Fall einer verfahrenen Pattstellung zwischen zwei Kandidaten müsste die stärkere Fraktion nur abwarten. Polarisierungen zu verhindern wird also bald Ratzingers wichtigste Aufgabe sein.------------------------------Foto: Joseph Ratzinger, Kardinal, Organisator der Nachfolger-Wahl