Enge Bande zwischen Finden und Erfinden hat der als Dokumentarfilmer eingeführte Österreicher Ulrich Seidl von Anfang an geknüpft. Nach Studien aus der österreichischen Provinz über die Spießigkeit von Abschlussbällen oder die Witwereinsamkeit in Grenzbezirken hat sich Seidl bald dem Wiener Alltag der kleinen Leute mit ihren tierischen oder sonst wie eigentümlichen Vorlieben zugewandt. Die freiwillige Selbstdarstellung seiner Probanden erreichte mit der ungeniert vor der Kamera praktizierten "Tierischen Liebe" einen ersten Höhepunkt. In "Models", Seidls letzten Film, berichten drei junge Frauen aus der Posierbranche von ihrem selbst zerstörerischen Leben mit Bulimie, Kokain und Silicon. Sie lassen sich vor laufender Kamera so allerlei einfallen, um ihre triste Existenz auf "spielerische" Art ins Bodenlose zu stürzen.Beide Filme nehmen sich wie Vorstudien zu "Hundstage" aus, Seidls neuer Regiearbeit, die er ausdrücklich zum Spielfilm erklärt hat. "Hundstage" beginnt friedlich auf dem Herrenklo, der Film kündigt die Urinier-Gemeinschaft jedoch schnell auf, um schwelender Gewalt freien Lauf zu lassen. Wie schnell bei den Männern Freundschaft in Konkurrenz, Liebe in Verachtung und Spaß in Brutalität umschlagen, gibt nur einen Vorgeschmack auf die kommenden "Hundstage". Noch bevor der Filmtitel auf der Leinwand erscheint und die Sonne vom wolkenlosen Himmel herab über den kleinen Menschengestalten am Bildrand brütet, hat Ulrich Seidl die Eskalation von Gefühlen ein erstes Mal durchgespielt. Seidls heißes Wochenende (von Freitagnacht bis Sonntagabend) könnte überall stattfinden: in Australien, Amerika, aber eben auch in der Wiener Vorstadt. Die drückende Hitze - gedreht wurde nur bei einer Mindesttemperatur von 37° - soll den Ausnahmezustand ausrufen, die seelische Nabelschau herauskitzeln. So fügen sich sechs Geschichten über die unterschiedlichsten Vorstadtbewohner zu einem Bild. Geschichten über einen Witwer, der den unablässig schnarrenden Rasenmäher als Waffe gegen seine streitenden Nachbarn einsetzt und seine Zugehfrau zum Striptease auffordert. Über ein Paar, das keine Verletzung auslässt: sie beispielsweise empfängt ihren "Masseur" zu Hause. Über einen Vertreter, der Hunde vergiftet (und nicht nur das), um Alarmanlagen zu verkaufen. Über eine geistig gestörte Anhalterin, die mit losen Reden die Autofahrer drangsaliert. Über eine Lehrerin, die sich bei einem Saufgelage aus Liebe demütigen und aufs Schlimmste malträtieren lässt.Dass die Protagonisten dieser Alltagsgeschichten auf der Suche nach dem Glück sind, darauf besteht Ulrich Seidl. Aber sie haben vor lauter Einsamkeit, sexueller Frustration und Überdruss schon lange vergessen, was das eigentlich bedeutet. Der Regisseur hält unserer Zeit den Spiegel vor, und das Zerrbild, das uns da entgegenstarrt, ist keiner wilden Fantasie, sondern der Wirklichkeit einer seelischen Verwahrlosung geschuldet. So führt Seidl uns mit seinem Theater der Grausamkeit den Menschen im Zustand selbst verschuldeter Regression vor, der auch eine Art Naturzustand ist: wo der Mensch des Menschen Wolf ist, unbarmherzig.Man muss sich davor hüten, diese Figuren, deren Tun nur durch schwärzesten Humor gelegentlich erträglich wird, in der Kältezone anzusiedeln. Der Gesellschaftskritiker Seidl wartet immer auf den Augenblick, in dem wieder Kommunikation entsteht - auf den Moment etwa, wo das Ehepaar auf der Schaukel im Garten sitzt und gemeinsam sein totes Kind beschwört. Seidl hält sich nicht an die Kältezonen eines Michael Haneke, sondern wartet auf den humanen Augenblick. Allerdings oft vergeblich. So sieht sich Seidl auch als Frauenfreund. Er hält mit der Kamera auf das zerschundene Gesicht der Lehrerin, während der Täter erzählt, wie ihm die Frauen im Leben zugesetzt hätten. Man muss, obwohl es meist wehtut, genau hinsehen, um zu erkennen, was hier eigentlich gezeigt wird. Dass hier kein falsches Mitleid verteilt wird. Wenn am Ende mit brennender Kerze im Hinterteil die österreichische Hymne gesungen wird, gilt diese Aktion einem Kulturland, das sich mit Zeilen wie "Heimat bist Du großer Söhne, voll begnadet für das Schöne" in die Ewigkeit wiegt. Bei der Fernsehausstrahlung werde diese Szene herausgeschnitten, berichtet Seidl. Doch der Filmemacher kennt ja keine Grenzen - welches Land soll er da eigentlich verraten.Hundstage // Österreich 2001.121 Minuten, Farbe.Regie: Ulrich Seidl, Drehbuch: Ulrich Seidl, Veronika Franz, Darsteller: Laiendarsteller sowie Maria Hofstätter und Georg Friedrich.Weitere Filmrezensionen und ein Interview mit Ulrich Seidl lesen Sie auf den Seiten 2 bis 4 des Kulturkalenders.Foto: ALAMODE FILM Der Witwer lässt seine Putzfrau strippen: die Wirklichkeit in Ulrich Seidls neuem Film.