Als sie den Thron besteigt, liegt das Empire am Boden: Der Krieg gegen die Franzosen, von ihrer Halbschwester und Vorgängerin "Bloody Mary" angezettelt, hat den Staatsetat zerrüttet. Der größte Teil der Landbevölkerung lebt in bitterer Armut. Wer himmlischen Beistand sucht, verliert im Glaubenskampf zwischen Katholiken und Protestanten die Orientierung.Der jungen Königin, von Geburt an eine Enttäuschung, eben weil sie "nur" ein Mädchen war und nicht der ersehnte männliche Nachkomme, verhalf vor allem eine Charaktereigenschaft zur Krone: Beharrlichkeit. Die gleiche der eines Mannes, lobte einer ihrer Erzieher, und setzte noch einen drauf: "Ihr Verstand hat keine weibliche Schwäche."Beim Regieren verlässt sie sich jedoch mehr auf Intuition: Sie beendet den kostspieligen Krieg gegen Frankreich und fährt eine versöhnliche Religionspolitik, indem sie zwar die reformierte Anglikanische als Staatskirche einführt, katholische Traditionen aber zulässt. Erst als Papst Pius V. sie exkommuniziert, wird ihr Verhalten gegenüber den Katholiken schärfer.Der Konflikt mit Rom hat noch tiefere Ursachen: Die eigenwillige Herrscherin weigert sich standhaft zu heiraten. Allen Bewerben erteilt sie höflich, aber bestimmt eine Absage. Worauf der spanische Gesandte, ein Bischof, genervt notiert: "Diese Frau hat Hunderttausend Teufel im Leib. Alles an ihr ist Falschheit und Eitelkeit." Statt sich, wie von der europäischen Diplomatie gefordert, um ein geschicktes Ehebündnis und, wie von der hauseigenen Entourage verlangt, um einen legitimen Thronerben zu kümmern, vertreibt sich die Königin ihre Zeit lieber mit ihrem Oberhofstallmeister. Sie nennt ihn "meinen süßen Robin". Er sollte nicht ihre einzige Affäre bleiben. Kritiker weist sie selbstbewusst in die Schranken: "Hätte ich je die Absicht zu einem unehrenhaften Leben gehabt oder Freude an ihm gefunden, wovor mich Gott behüten möge - ich wüsste keinen, der es mir verbieten könnte!"Trotz der ihr nachgesagten Prunksucht - ihren Hofdamen schreibt sie einfache, unauffällige Kleidung vor, im Kontrast zu ihrer eigenen, extravaganten - bleibt ihre Popularität beim "einfachen Volk" ungebrochen. Jeden Sommer reist sie mit dem gesamten Tross (und vor allem: mit dem eigenen Bett) durchs Land, entweder im offenen Wagen oder auf dem Pferd, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Bekannt ist ihre Freude an derben Späßen. Zu ihrer Beliebtheit trägt sicher auch der gewaltige wirtschaftliche Aufschwung, der sich während ihrer Regentschaft einstellt, nicht unwesentlich bei. Dass diese konjunkturelle Blüte hauptsächlich auf die Raub- und Beutezüge ihrer staatlich lizenzierten Piraten zurückzuführen ist, kümmert die Leute wenig. Das frische Gold in der Haushaltskasse fließt auch in die Förderung von Wissenschaft und Kultur. Gegen den erbitterten Widerstand der Puritaner führt die Königin das Volkstheater ein.In den letzten Jahren ihrer Herrschaft beginnt ihr Ruhm jedoch allmählich zu bröckeln. Sie verzettelt sich in einem zermürbenden Krieg gegen die nach Unabhängigkeit strebenden Iren und in immer wieder aufflammenden Scharmützeln gegen die Spanier, die um ihre Vorherrschaft auf den Weltmeeren ringen. Müde ist die Königin geworden, einsam und misstrauisch. Mit ihrem Tod geht eine Ära zu Ende, die später ihren Namen tragen wird. - Wessen?Thomas Maxeiner