TREPTOW"ich will respekt". Soeben hat Huw Ross diese drei Worte auf den Bildschirm geschrieben. Sein Vater Douglas freut sich über diesen Satz. Und es ist ihm völlig egal, daß alles klein geschrieben ist. Hauptsache, Huw kann anderen etwas mitteilen, denkt der Vater. Denn Huw ist Autist.Unsicher schwebt der rechte Zeigefinger des jungen Mannes über der Tastatur. "ich brauche hil" - weiter kommt Huw nicht. Er senkt den Kopf, seine dunklen, dichten Haare fallen ihm ins Gesicht. Huw wackelt unruhig hin und her, er brummt ein paar Mal, als ob es ihm unangenehm ist, das Fremde beim Schreiben zuschauen. Doch nach wenigen Sekunden sitzt er wieder konzentriert vor dem Gerät. Ganz fest drückt er auf die Buchstaben f und e und beendet den Satz. Sein Vater hat ihm dabei leicht den Arm gestützt, so wie es jeden Vormittag Huws Erzieherin macht.Seit fast zwei Jahren besucht der 21jährige Huw, der in England geboren wurde, fünfmal pro Woche seine "Schule" in der Südostalle 134. Zwölf junge Autisten werden dort von zwölf ausgebildeten Fachleuten betreut.Der Verein Eltern für Integration führt das bislang in Berlin einmalige Projekt "Gestützte Kommunikation" durch. Den Autisten wird mit Hilfe von Computern Schreiben beigebracht. Ziel ist es, sie in das gesellschaftliche Leben einzubeziehen. Ihnen die Möglichkeit geben, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Denn auf Grund der Behinderung lebten die Autisten bislang isoliert und zurückgezogen.Keine Reaktion Seit Huws zweitem Lebensjahr wissen seine Eltern, daß ihr Sohn Autist ist. Er versteht zwar alles, was um ihn herum geschieht, doch er kann selbst nicht sprechen. Es fällt ihm schwer, seine Bewegungen zu koordinieren. Manchmal zeigt er überhaupt keine Reaktion. Und so ist es früher oft zu Mißverständnissen gekommen. Huw fühlte sich unverstanden und zog sich zurück. Nach der Schule - er besuchte eine Integrationseinrichtung - saß er oft stundenlang in seinem Zimmer. Ohne sich zu bewegen. Oder er ließ seinen Frust heraus, in dem er lauthals schrie. Ein anderes Mal drückte er seine Gefühle durch Malen aus: Verpaßte seinem Vater auf einem Bild riesige Haifischzähne. Manchmal nahm er sich auch ein Buch vor. Doch die Eltern wußten damals nicht, daß er das Gedruckte wirklich versteht.Vor sechs Jahren veränderte sich das Leben der Familie. Vater Douglas hatte von einer Methode aus den USA erfahren, bei der Autisten mit Hilfe von Computern "sprechen" lernen. Seitdem kann Huw mit anderen Menschen kommunizieren."ich will arbeiten wie jeder andere", tippt Huw auf die Tastatur. "ich weiß noch nicht vielleicht kann ich einen abschluß machen", fügt er hinzu. Liebevoll streicht ihm sein Vater die Wange. Er ist stolz auf seinen Sohn, der in den vergangenen Jahren selbstbewußt geworden ist, wie Douglas Ross sagt. Und er hat viel über Huw erfahren, seitdem sie sich mit Hilfe des Computers unterhalten. Zum Beispiel, daß er sich für Politik interessiert und für Bach. Auch klären sich im Nachhinein viele Dinge auf. Huw "spricht" über Gefühle die er als Kind empfand und erklärt seine Reaktionen. Daß er tot unglücklich war, weil ihn niemand verstanden hat. Und daß er immer alles verstanden habe.Frühstück mit Laptop Mehrere Computer gehören inzwischen zur Familie. Auch beim Frühstück steht ein Mini-Laptop auf dem Tisch, damit sich Vater und Sohn "unterhalten" können. Noch ist Huw allerdings beim "Sprechen" auf Hilfe angewiesen. Doch eines Tages will er den Computer allein bedienen können: Damit er sich auch mal ganz privat mit seinen Freunden unterhalten kann. Derzeit liest die Erzieherin ob sie will oder nicht, jeden Buchstaben mit. Doch Huw ist schlagfertig. Als ihn neulich ein Kumpel während des Unterrichts fragte, ob er eine Freundin hat, antwortete er: "sag ich nicht."Das Projekt an der Südostallee ­ Douglas Ross ist Mitglied des Vereins ­ wird durch Sponsoren und Vereinsgelder finanziert. Es gibt auch Verbindungen zu ähnlichen Organisationen im Ausland.Die Autisten sollen in Treptow auf ein Berufsleben vorbereitet werden. Auch Praktika in Gärtnereien und Tischlereien sind vorgesehen. Und Vater Ross hat einen Traum: Er möchte, daß sein Sohn einen Beruf erlernt und selbstständig leben kann, so wie jeder gesunde Mensch.Steffi Bey Der Verein Eltern für Integration e.V. ist unter der Telefonnummer: 6 31 06 12 zu erreichen.