Der Verbandsrat des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) hat am vergangenen Freitag Berlin als offiziellen deutschen Bewerber um die Weltmeisterschaft 2005 benannt. Bei der Abstimmung unterlagen Stuttgart und München. Der DLV muss nun bis Ende Februar die Bewerbungsunterlagen beim Weltverband IAAF einreichen. Das IAAF-Council bestimmt Mitte April in Nairobi den WM-Gastgeber 2005. Neben Berlin haben Rom, Brüssel, Helsinki, Budapest und Moskau Interesse angemeldet. Über die Chancen und Risiken der Berliner WM-Bewerbung äußert sich IAAF-Vizepräsident und Marketingchef Helmut Digel am Rande der Olympischen Winterspiele in Salt Lake City.Herr Digel, wie bewerten Sie die Entscheidung des DLV zugunsten von Berlin?Es ist eine sinnvolle und sportpolitisch kluge Entscheidung des DLV, sich für die Bundeshauptstadt zu engagieren. Da die IAAF zu Recht verlangt, dass jeder Bewerber die Finanzgarantie einer staatlichen Institution einzubringen hat, war Berlin lange Zeit in einer schwierigen Position. Aber der neue Senat hat schnell Einigkeit demonstriert, das finde ich bemerkenswert. Trotz der notwendigen Sparpolitik ist es ganz wichtig, dass man der Bevölkerung auch das eine oder andere Highlight präsentiert.Hat Berlin international tatsächlich bessere Chancen als Stuttgart oder München?Es ist dumm, anzunehmen, die IAAF würde mit der WM nicht an Orte gehen, wo sie schon einmal war. Wir gehen an Orte, wo wir ökonomisch und fernsehpolitisch die höchste Präsenz erreichen können. Eine Leichtathletik-WM ist zunächst einmal ein ökonomisches Ereignis. Wenn ich viele Zuschauer habe und die Einschaltquoten stimmen, sind meine Partner zufrieden. Das dritte Kriterium ist ein modernes Stadion. In diesen drei Bereichen hat die Berliner Bewerbung den besten Eindruck gemacht.Verfolgt die IAAF noch die Politik, mit der Weltmeisterschaft nur in Metropolen zu gehen? Dann wären beispielsweise Brüssel und Helsinki aus dem Rennen.Das war die Politik des verstorbenen Präsidenten Primo Nebiolo. Sein Nachfolger Lamine Diack ist zwar immer davon ausgegangen, dass Deutschland sich mit Berlin bewirbt, es wäre aber auch jede andere deutsche Bewerbung willkommen gewesen. Deutschland ist ein hervorragender Markt, das sehen unsere Partner EBU (Fernsehen) und Dentsu (Marketing) genauso.Wie schätzen Sie Berlins WM-Chancen ein?Berlin steht mit dem ausgebauten Olympiastadion sehr stark da. Wenn jetzt aber jemand überheblich vorgehen sollte und seine Hausaufgaben nicht macht, würde das sofort bestraft. 27 Council-Mitglieder entscheiden im April in geheimer Abstimmung. Wir wissen ja, dass diese Entscheidungen oft sehr irrational sind. Ich kann da nur immer wieder meine sachlichen Argumente in Bezug auf Fernsehen und Marketing vorbringen.Aus dieser Sicht müsste Deutschland den Zuschlag bekommen?Dazu sage ich nichts. Da kann jedes Wort schädlich sein, das wird doch von allen anderen Bewerbern überall aufmerksam verfolgt. Das ist eine hochbrisante sportpolitische Angelegenheit. Ich kann nur sagen, dass die Leichtathletik eine erfolgreiche WM im Jahre 2005 braucht, um überleben zu können.Was sind Berlins Schwachpunkte?Das ist kein primäres Problem der Stadt, sondern eines der deutschen Gesetzgebung. Ein großer Nachteil dieser Bewerbung könnte das Problem der 25-prozentigen Quellensteuer sein, die in Deutschland erhoben wird. Das Thema wurde ja vor drei Jahren auch im Zusammenhang mit der Fußball-WM 2006 diskutiert. Am Ende hat die Bundesregierung den Forderungen des Fußball-Weltverbandes Fifa nachgegeben und eine Befreiung von der Quellensteuer erteilt. Für die IAAF ist das ebenfalls ein ganz entscheidendes Thema. Wir haben in Deutschland beim Grand-Prix-Finale in München schon einmal Probleme gehabt. Das hat man in der IAAF nicht vergessen. Ich hoffe, dass die Bundesregierung eine Lösung herbeiführt.Durch die bestehenden Sponsoren-Verträge der IAAF sind dem Organisationskomitee in der Vermarktung deutliche Grenzen gesetzt. Kann ein Ausrichter mit einer Leichtathletik-WM Geld verdienen?Man kann eine WM sicher auch unter den bestehenden Regelungen ohne finanzielle Verluste organisieren. Wenn man ein Plus erwirtschaften will, hängt alles vom Ticketverkauf ab, von der Promotion und einer kreativen Kommunikationspolitik. Da muss man sich in Berlin einiges einfallen lassen. Man kann in dieser Stadt ja nicht gerade auf ein besonders leidenschaftliches Leichtathletik-Publikum zurückgreifen. Die Arbeit muss deshalb sofort beginnen, um 2005 an jedem Tag ein volles Stadion zu haben.Wie stark sind die Mitbewerber?Moskau wird ganz stark vom russischen Präsidenten Wladimir Putin unterstützt. Auch in Budapest unternimmt man große Anstrengungen, wenngleich es für die IAAF wohl kaum Sinn machen dürfte, 2004 die Hallen-WM in Budapest auszutragen und im Jahr darauf noch die Freiluft-WM. Helsinki hat ebenfalls eine sehr starke Bewerbung. Schwierigkeiten gibt es dagegen in Rom und in Brüssel.Der einflussreiche IAAF-Generalsekretär Istvan Guylai stammt aus Ungarn. Ist das ein Problem?Herr Guylai gehört nicht zu Evaluierungs-Kommission, die jetzt alle WM-Bewerber prüft. Ich gehöre ihr auch nicht an. Das ist richtig so, weil wir in gewisser Weise befangen sind. Ich gehe davon aus, dass Lamine Diack den Bewerbungsprozess selbst steuern wird. Das ist Sache des Präsidenten.Hat Berlin die geeigneten Persönlichkeiten für die operative Arbeit in einem WM-Organisationskomitee?In der aktuellen Bewerbungsphase ist das noch nicht so wichtig. Da muss vor allem das Pflichtenheft erfüllt werden. Sollte Berlin die WM bekommen, dann braucht es aber eine unbelastete, starke Führungsfigur an der Spitze des OK. Senator Böger hat mir vor kurzem eine überzeugende Lösung versprochen.Im Gespräch sind auch ehemalige Verantwortliche der jämmerlich gescheiterten Olympia GmbH, wie etwa der frühere Olympia-Marketingchef Nikolaus Fuchs.Mir ist klar, dass es da in Berlin einige Vorbehalte gibt. Es kommt ja auch nicht jeder in Frage, der beim Istaf eine tragende Rolle gespielt hat. Da wurden einfach zu viele Altlasten hinterlassen. Es wäre hervorragend, wenn der Kandidat im Sport verwurzelt ist.Was ist mit Christoph Kopp, dem Präsidenten des Berliner Leichtathletik-Verbandes?Er wäre ein kompetenter Mann.Sie haben das Istaf angesprochen. Ist das Meeting ein Vorteil für Berlin - oder könnte es ein Nachteil sein, weil die Istaf GmbH Schulden in sechsstelliger Höhe mit sich herumschleppt?Das spielt für die WM-Vergabe zunächst keine wichtige Rolle. Darüber hinaus aber schon. Derzeit kämpft das Istaf um seine Existenz. Es wird in diesem Jahr noch schwieriger als 2001. Und es wird schwer, einen festen Platz unter den künftig nur noch fünf Meetings der Golden League zu erhalten. Ich hoffe, dass sich die Berliner Wirtschaft beim Istaf mehr engagiert. Schließlich besteht zwischen Istaf und der WM eine Wechselwirkung. Ein starkes Istaf wäre die beste Werbung für eine WM.Gespräch: Jens Weinreich"Man kann eine WM sicher auch unter den bestehenden Regelungen ohne finanzielle Verluste organisieren. Da muss man sich einiges einfallen lassen. " Helmut Digel.DDP Computer-Simulation des neuen Berliner Olympiastadions, in dem die Leichtathletik-WM 2005 und das Finale der Fußball-WM 2006 stattfinden sollen.