ATHEN, 16. August. Für die einen war es ein Abend, an dem sie Zeuge wurden bei einem zum "Rennen des Jahrhunderts" erklärten Freistilfinale - an dem sie Spaß haben durften. Für die anderen war es ein Abend des Missbehagens, an dem sich die Fragen häuften und die Erinnerung an die Spiele 2000 in Sydney größer wurde. Bei letzteren handelte es sich um die Deutschen. Doch zunächst zum ganz großen Sport, den 200 Meter Kraul im Olympic Aquatic Centre: Ian Thorpe gegen Pieter van den Hoogenband gegen Michael Phelps gegen Grant Heckett. Vier Weltrekordler gegeneinander. Vier Weltmeister. Vier Olympiasieger. Es wurde tatsächlich ein episches Rennen, sogar ein historisches. Denn es gewann nicht der Amerikaner Phelps - und damit bleibt dessen Landsmann Mark Spitz, der sich 1972 in München sieben Goldmedaillen gesichert hatte, an der Spitze der olympischen Bestenlisten. Phelps wurde Dritter, womit er seine Sammlung in Athen auf eine Medaille in jeder Tönung erweiterte. Das ist auch recht hübsch für einen Neunzehnjährigen, selbst wenn sich um einen sehr hungrigen Neunzehnjährigen handelt. Diesmal revanchierte sich Ian Thorpe gegen Pieter van den Hoogenband für die Niederlage von Sydney. Der Holländer legte ein fast außerirdisches Tempo vor. Nach der Hälfte der Distanz lag er mehr als eine Sekunde unter dem Weltrekord, der Thorpe im Jahr 2001 in Fukuoka gelungen war. Es ist ja immer die selbe Frage, wenn sich zwei duellieren, die unterschiedliche Ausgangspositionen haben: Der eine kommt eher aus dem Sprintbereich, der andere von den längeren Strecken. Konnte van den Hoogenband dieses mörderische Tempo halten? Thorpe kam näher und näher, nach etwa 170 Meter lag er gleichauf, und hier war klar, dass nur er der Gewinner sein konnte. 1:44,71 Minuten und die zweite Goldmedaille in Athen für Ian Thorpe - nur er selbst war zweimal schneller. Rang zwei für van den Hoogenband. Platz drei für Phelps, der seinen persönlichen Rekord um mehr als eine halbe Sekunde verbesserte und danach artig in Richtung der Älteren anmerkte: "Das hat wirklich Spaß gemacht, Teil einer solchen Show gewesen zu sein."Das also waren die großen Momente. Ein Schauspiel von ähnlicher Qualität konnten die Deutschen nicht bieten. Dabei hatte der DSV einige Finalisten: Stefan Driesen und Marco di Carli über die 100 Meter Rücken. Siebter und Achter wurden sie und blieben weit von ihren Bestzeiten entfernt. Darf man noch einmal daran erinnern, welches Motto Teamchef Ralf Beckmann für das Olympiajahr ausgegeben hatte? "Bestzeit im Finale." Am Montagabend formulierte Beckmann traurig und leise: "Keiner lässt den Kopf hängen." Er sagte das, nachdem zwei weitere potenzielle Medaillenanwärter ihr Ziele verfehlt hatten: Antje Buschschulte, Weltmeisterin über 100 Meter Rücken, und die aus Südafrika eingebürgerte Brustschwimmerin Sara Poewe, ebenfalls über 100 Meter.Sarah Poewe wurde Fünfte in 1:07,53 Minuten, fünf Hundertstel über ihrem im Halbfinale markierten Deutschen Rekord. Antje Buschschulte schlug als Sechste an (1:01,39), sie war mehr als eine Sekunde langsamer als bei ihrem WM-Sieg. Geweint hat sie schon beim ersten Interview nach diesem bitteren Resultat. "Es war alles so wellig", stammelte sie, "ich weiß nicht, was los war, ich habe mich so gut gefühlt." Dann sagte sie einen Satz, der ihre ganze Verzweiflung bündelte: "Vier Jahre Training, einfach so weg."Traurige Erinnerung an 2000Drei Bronzemedaillen hatten die deutschen Schwimmer in Sydney gewonnen. Nur drei. Danach blieb im Verband kein Stein auf dem anderen. Sie hatten sich gut gewappnet gefühlt für diese Spiele, nach den stolzen Auftritten bei zwei Weltmeisterschaften und einer EM seit dem Jahr 2000. Von einem "halben Dutzend exponierter Medaillenchancen" hatte Beckmann gesprochen. Nun sieht es aus, als würde sich ein Drama wiederholen. Das ist traurig, weil die Mannschaft diesmal wirklich eine Mannschaft ist und sich die Zusammenarbeit unter den Trainern fundamental verbesserte.Mit jedem Tag wächst nun der Druck, und es steht zu befürchten, dass dies die Leistungen kaum beflügeln wird. Zumal: Nicht jeder hat noch so viele Chancen wie etwa Michael Phelps, der Unersättliche. "Ich hab's versucht, was Mark Spitz gelungen ist. Ich habe es wenigstens versucht. Und ich werde es weiter versuchen", sagte er. Fünfmal darf er noch ins Becken, dreimal ist er klarer Favorit. Antje Buschschulte würde viel darum geben, ähnlich viele Möglichkeiten zu haben. Ob sie noch einmal Olympia erlebt? In Peking wäre sie 29 Jahre alt. "Vier Jahre Training, einfach so weg." So brutal ist das Leben für jemanden, der sich dem Hochleistungssport verschrieben hat.------------------------------Foto: Weltmeisterin mit ihrer Qual allein: Antje Buschschulte.------------------------------Foto: Weltmeister unter sich: Pieter van den Hoogenband gratuliert dem 200-m-Olympiasiger Ian Thorpe, Michael Phelps (vorn) muss sich mit Platz drei begnügen.