BERLIN, 22. September. Es kommt wohl eher selten vor, dass eine Gewerkschaft nicht gegen einen Arbeitgeber, sondern gegen eine andere Gewerkschaft vor Gericht zieht. Die IG Metall sowie die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG), die nicht dem Gewerkschaftsbund angehört, zeigen zurzeit allerdings, das auch dies möglich ist. "Das Verhältnis zur DAG", sagt Jürgen Ulber, Jurist in der Frankfurter IG-Metall-Zentrale, "ist äußerst gespannt." Der Streit dreht sich um die Zeitarbeitsfirma Randstad, mit etwa 25 000 Mitarbeitern Marktführer in Deutschland. Randstad fusionierte im Januar mit dem Konkurrenten Time Power und schloss im April als erstes Unternehmen der Branche einen überregional gültigen Tarifvertrag über Arbeitsbedingungen und Sozialleistungen ab, und zwar mit der DAG sowie der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV). Seitdem kracht es zwischen DAG und IG Metall, während die ÖTV in dem Konflikt nur eine Statistenrolle spielt."Es geht um Machtpolitik"Der Streit hat zwei Facetten. Zum einen geht es um Wahl und Besetzung der Betriebsräte des Unternehmens, zum anderen um die Inhalte des Tarifvertrags, der nach Ansicht der IG Metall Lohndumping ermöglicht. Der Konflikt konnte nur deshalb aufbrechen, weil bei Time Power die IG Metall die stärkste Gewerkschaft war, während bei Randstad vor der Fusion die DAG die meisten Mitglieder zählte. Wenn die Gewerkschaften nun über Betriebsräte und Tarifverträge streiten, geht es zugleich darum, wer das Sagen in der rasch expandierenden Zeitarbeits-Branche hat. "Es geht um Machtpolitik", räumt Holger Grape vom DAG-Bundesvorstand offen ein.In der Frage der Betriebsräte haben sich die Streithähne bereits mehrfach vor Gericht getroffen. Wegen der Aufsplitterung der Firma Randstad in mehrere hundert Vertretungen bundesweit haben DAG und ÖTV einerseits und die IG Metall andererseits mit dem Unternehmen jeweils einen Vertrag über die Betriebsratsstrukturen abgeschlossen. Auf ein gemeinsames Papier konnten sich die Gewerkschaften zunächst nicht einigen. Beide Verträge sehen aber vor, dass in Deutschland nicht mehrere hundert einzelne, sondern sechs regionale Randstad-Betriebsräte gewählt werden sollen. Weil solch ein Vorgehen nicht die Regel ist, muss es durch das Bundesarbeitsministerium genehmigt werden. Die Behörde will dies jedoch nicht tun, so lange ihr zwei Anträge vorliegen. Dieser Punkt scheint inzwischen entschärft. Die beteiligten Gewerkschaften haben ihre jeweiligen Verträge zu einem zusammengeführt, die Genehmigung scheint jetzt nur noch Formsache zu sein. Zuvor wurde allerdings die Justiz bemüht: Nach Rechtsauffassung der IG Metall kann nicht mit der Wahl von Betriebsräten begonnen werden, bis die Struktur behördlich genehmigt ist. Die DAG sieht das anders und hatte deshalb in drei Regionen Wahlen eingeleitet, was die Metaller mit Klagen zu unterbinden versuchten. Zwei Arbeitsgerichte gaben ihnen Recht, eine weitere Entscheidung steht noch aus. Ungeklärt ist aber weiterhin die Frage, wer überhaupt in den Betriebsrat gewählt werden darf. Die Metaller monieren, dass die DAG ihre Kandidaten aus Randstad-Niederlassungsleitern und Disponenten rekrutiert. Diese dürften als leitende Mitarbeiter keine Betriebsräte sein. DAG-Mann Grape hingegen sagt: "Das sind keine leitenden Mitarbeiter, sie können niemanden entlassen, sondern werden von den Regionaldirektoren angewiesen." Der zweite große Konflikt dreht sich um den Lohn-Tarifvertrag zwischen Randstad, DAG und ÖTV. Beim Abschluss feierten die drei Parteien ihn als Modell für die gesamte Branche. Die Metaller sehen das völlig anders. "Wir werden gegen diesen Vertrag zum richtigen Zeitpunkt gerichtlich wegen Lohndumpings vorgehen", sagt IG-Metall-Jurist Ulber. Ziel sei, einen eigenen Vertrag abzuschließen. Kernforderung: Zeitarbeiter müssten bei ihrem Einsatz in den Entleihbetrieben die gleichen Löhne und Sozialleistungen erhalten wie die dortige Stammbelegschaft.Niedrige RegellöhneAm derzeitigen Tarifvertrag für Randstad stören sich die Metaller unter anderem an den Regellöhnen. Für gewerbliche Mitarbeiter liegen sie nach Angaben der Gewerkschaft bei 12,57 Mark und für Bürokräfte bei 13,78 Mark - sofern die Mitarbeiter mindestens seit einem Jahr bei Randstad beschäftigt sind. Im Osten können, wie es heißt "reduzierte Einstiegslöhe" vereinbart werden - mit Abschlägen von bis zu 24 Prozent. Den Vorwurf des Lohndumpings wollen die DAG und Randstad freilich nicht auf sich sitzen lassen. "Wir haben bei Randstad ein Niveau festgeschrieben, dass in anderen Zeitarbeitsfirmen noch lange nicht erreicht ist", sagt Grape. Und Randstad-Chef Reinhold Henseler betont, dass der Tarifvertrag ja nur ein "erster Schritt" sei und fortgeschrieben werden solle, möglichst bis hin zu einem Abkommen für die ganze Branche.Trend nach oben // Zeitarbeit: Ende 1999 waren fast 20 Prozent mehr Mitarbeiter in Zeitarbeit beschäftigt als ein Jahr zuvor. Nach Angaben des Bundesverbandes werden 30 Prozent der Zeitarbeiter von den Kundenbetrieben anschließend fest eingestellt.QUELLE: BZA,BLZ/KÜHL Immer mehr Menschen finden durch Zeitarbeit Beschäftigung.