TEL AVIV, 15. August. Es war sein letzter Wille, hier bestattet zu werden. Und manchem unter den israelischen Trauergästen in Tel Aviv erscheint die Erfüllung dieses Wunsches wie eine späte Heimkehr. Eine Aliya so die hebräische Bezeichnung für die Einwanderung im Tod. Nur in ein Tuch gehüllt, so wie es der jüdische Brauch gebietet, wird der Leichnam von Ignatz Bubis auf dem Friedhof Kiriat Schaul zu Grabe gelegt. Trotz der zahlreich erschienenen israelischen und deutschen Politiker unter ihnen sind Israels Staatspräsident Eser Weizman, Bundespräsident Johannes Rau, Deutschlands Innenminister Otto Schily, der frühere israelische Premier Shimon Peres und Jerusalems Altbürgermeister Teddy Kollek überwiegt an diesem Sonntagnachmittag der Eindruck, dass hier einem persönlichen Freund das letzte Geleit gegeben wird. Sein Cousin nennt Ignatz Bubis "einen lieblichen Menschen", sein Schwager bezeichnet ihn in einer Ansprache als "einen guten Juden", der als Unternehmer auch am Aufbau des Staates Israel beteiligt war, sich jedoch vor allem aufs Brückenbauen zwischen den Nationen verstand: "Brücken, die vom Holocaust in eine Zukunft für alle führen sollten". Am Grab spricht der Schwager das Totengebet, das Kaddisch. Bubis Tochter Naomi und Michel Friedman vom Zentralrat der Juden in Deutschland sitzen weinend auf einem Grabstein in der Nähe. Es ist kein Staatsbegräbnis, das hier in Tel Aviv stattfindet. Und doch schafft die Bestattung dieses Mannes, der nicht nur den deutschen, sondern auch den europäischen Juden vorstand, eine eigene herausgehobene Kategorie. Passend zur Persönlichkeit eines Menschen, der von manchen in Deutschland als der "inoffizielle zweite Bundespräsident" gesehen wurde. Eine Sonderstellung nimmt auch seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof in Kiriat Schaul ein, die in der Nähe der Ehrengräber von fünf israelischen Terror-Opfern liegt. Sie waren Olympia-Teilnehmer, die bei dem Attentat eines bewaffneten palästinensischen Kommandos 1972 in München getötet wurden. Die symbolische Bedeutung rührt. Bubis, der nach diesem blutigen Anschlag in Deutschland geblieben ist und nun an der Seite der Opfer liegt. Bubis, ein Mann, der sich auch im israelisch-palästinensischen Konflikt nach Versöhnung sehnte und nach dem im Jahr 1993 beschlossenen Osloer Abkommen oft den Kontakt zu PLO-Chef Yassir Arafat suchte. Zu seinen Lebzeiten ist Ignatz Bubis immer wieder nach Israel gekommen, manchmal nur für ein paar Tage; und seine häufigen Besuche des Landes hatten wohl auch damit zu tun, dass er hier ein Jude unter vielen sein konnte. Einer, der beim Spaziergang durch die Straßen Tel Avis nicht unbedingt erkannt wurde, ein Mensch, dem weder mit besonderer Rücksicht begegnet wurde noch mit verletzenden Bemerkungen. Vielleicht war es auch diese Art Normalität, die Ignatz Bubis bisweilen gesucht hat, um den Alltag in Deutschland besser aushalten zu können; das Wissen um die Möglichkeit einer staatlichen Heimstatt, die Israel den Juden in aller Welt als ein verbrieftes Rückkehrrecht garantiert. Bubis hat davon nie Gebrauch gemacht. Er sah sich als Deutscher jüdischen Glaubens, dessen Lebensmittelpunkt Frankfurt am Main war und der im Tel Aviver "Hilton" über Jahrzehnte hinweg eine Beletage mit Blick auf das Mittelmeer nur als Quartier für kurze Aufenthalte unterhielt. Dazu stand er. Verärgert reagierte er bisweilen auf das Unverständnis israelischer Patrioten wie etwa des Staatspräsidenten Eser Weizman, der nicht nachvollziehen mochte, warum Juden überhaupt noch die Diaspora bevorzugen. Und dann auch noch das Land der Täter. Dass Bubis kein Experte für israelische Angelegenheiten sein wollte, machte er ebenso immer wieder seinen deutschen Mitbürgern klar. Und doch scheint ihm in seinen letzten Wochen bewusster geworden zu sein, wie sehr er Israel brauchte, um in Deutschland leben zu können. Auch das mag Bubis zu der Entscheidung bewogen haben, in Tel Aviv beerdigt werden zu wollen. Nur, den eigentlichen Ausschlag gab der Sprengstoffanschlag auf die letzte Ruhestätte seines Vorgängers im Zentralrat, Heinz Galinski, in Berlin. Ignatz Bubis wollte seither in Israel beigesetzt werden, und er vermachte dies wie einen testamentarischen Wunsch in seinem letzten großen Interview "weil ich nicht will, dass mein Grab in die Luft gesprengt wird". Niemanden aus der Trauergemeinde, die sich an diesem Sonntag auf dem Friedhof Kiryat Schaul eingefunden hat, lässt dieser Satz los. Alle haben ihn im Kopf. Den Deutschen ist diese letzte Bitte nicht nur ein zu respektierendes, wenngleich bitteres Vermächtnis, sondern auch eine Aufgabe für die Zukunft: Eben entschiedener noch als bisher sich gegen schleichenden und offenen Antisemitismus zu wenden. Es sind vor allem zwei auf dem Friedhof in Tel Aviv, die dafür in Deutschland gewissermaßen professionell zuständig sind: Bundespräsident Rau als moralischer Mahner und Innenminister Schily als höchstrangiger Bekämpfer des politischen Extremismus. Aber was sie tun, kann nur nützen, wenn die zum Schluß so resigniert klingenden Worte des Ignatz Bubis von der Mehrheit der Deutschen als ein verzweifelter Appell an ihre Zivilcourage verstanden werden. "Wir müssen alles dafür tun, dass niemand zu einem solchen Satz gezwungen ist, wie Ignatz Bubis ihn damals gesagt hat", erklärt Johannes Rau denn auch an diesem Tag schon bei seiner Ankunft in Tel Aviv. "Wir tun das, was in unseren Kräften steht. Wir können nicht alles verhindern, aber wir können hoffentlich verhindern, dass noch einmal jemand einen solchen Satz sagen muss." Es gebe in Deutschland keine nennenswerte rechtsradikale Bewegung, sagt Rau es gebe aber "immer wieder Untaten, zum Glück in Einzelfällen". Und Ignatz Bubis sei ein leuchtendes Beispiel dafür, dass Juden in Deutschland leben könnten. Für den israelischen Historiker Tom Segev zeigt Bubis Wille jedoch das Gegenteil an. Segev hat in der Zeitung "Haaretz" erklärt: "Der Wunsch Bubis nach einem Begräbnis in Israel hat etwas sehr Symbolisches. Er ist niemals nach Israel eingewandert, bestand auf der Existenzberechtigung einer jüdischen Gemeinde in Deutschland." Kurz vor seinem Tod habe Bubis jedoch das Scheitern dieser Integrationsversuche erkannt.An diesem Sonntag erweist nun also auch Israels Staatspräsident Weizman dem "großen Deutschen", wie Roman Herzog Bubis einmal genannt hat, die letzte Ehre. "Was der Allmächtige tut, ist recht getan", lautet die über Religionen hinweg einigende Losung. Versöhnung beim Kaddisch, dem Totengebet. In seiner eigenen Haltung mag sich Eser Weizman dennoch bestätigt sehen. Bubis ruhe nun in "heiliger Erde", sagt er. Die israelische Öffentlichkeit nimmt die Trauerfeierlichkeiten für den verstorbenen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland mit einer auffälligen Unaufgeregtheit zur Kenntnis, der Abschied von ihm ist unübersehbar ein deutsches Ereignis. Ihre Anteilnahme wird allenfalls durch die auf dem Friedhof anwesende Prominenz und einige biografische Details über Ignatz Bubis, einen Überlebenden des Holocaust, geweckt. Veröffentlicht etwa von der Zeitung "Jerusalem Post", die seinen christlich anmutenden Vornamen Ignatz damit erklärt, dass ihn so die polnischen Untergrundkämpfer nannten, für die er einst Material ins Getto schmuggelte. Vor der Thora aber, zitiert ihn die "Jerusalem Post" schließlich, sei er stets "Yisrael Ben Yehoschua" geblieben."Ich möchte in Israel beerdigt werden, weil ich nicht will, dass mein Grab in die Luft gesprengt wird. " Ignatz Bubis