Man mag eigentlich gar keine euphorische Kritik über einen bislang in der deutschen Stadttheaterszene recht unbekannten Autor wie Igor Bauersima schreiben. Wenn man berichtet, wie grandios gut dieses Stück ist, wie gekonnt der Autor (der bei dieser Uraufführung auch der Regisseur ist) Theater, Film und Internet, postmoderne Sinnzweifel und eine wunderschöne Liebesgeschichte zu einem Theaterabend zusammenbringt, dann tut man Bauersima, den das Düsseldorfer Schauspielhaus aus der Zürcher Off-Szene gelockt hat, vielleicht gar keinen Gefallen. Dann fallen womöglich schon morgen die Intendanten dieses Landes wie Geier über ihn her.Zwei lebensmüde Jugendliche, Julie und August, die sich im Chatroom kennen gelernt haben, treffen sich auf einer schneeverwehten Klippe in Norwegen, um gemeinsam in den Abgrund zu springen. Leben war für sie immer nur "am Leben", nie mitten "im Leben" sein. Vom freien Fall von der Klippe versprechen sie sich zehn Sekunden der absoluten Freiheit und Wahrhaftigkeit. "Ich war überall, und den Rest hab ich in Filmen gesehen", sagt Julie ihren Eltern zum Abschied in die Kamera. "Ihr habt mir die Welt serviert, ich hab von allem gehabt und ich hab auch alles wieder ausgespuckt, kaum hatte ich es im Mund. Und ich glaube, ich hab jetzt keinen Hunger mehr." Klaus Baumeister hat der trotzig-nachdenklichen Begegnung von Julie und August (zum Verlieben: Birgit Stöger und Christoph Luser) ein schlichtes Schneefeld gebaut, im Hintergrund schneit der Bildschirm. Ihre Klippe ist mal der Orchestergraben, mal die Hinterbühne, als Rückzugsort bleibt nur ein kleines Zelt. Hier spinnen die beiden in der Nacht vor dem Sprung noch eine romantische Liebesszene aus. In "Ich würde dich." Sätzen beschreiben sie sich Zärtlichkeiten und Berührungen, die nicht stattfinden werden.Jedes echte Gefühl immer nur ein gut gemachter Schauspieltrick, jede Liebesgeschichte nur eine Story, jeder ehrlich gemeinte Selbstmord doch nur eine billige Selbstinszenierung - das quälende Bemühen um ein Abschiedsstatement vor der Kamera führt Julie und August das Ausmaß und die Tragik ihrer Situation erst vor Augen. "Ich will hier weg", sagt sie am Ende mutlos. Unter www.norwaytoday.de können die Zuschauer abstimmen, ob die beiden springen sollen oder nicht.