Über Tote soll man nicht schlecht reden, doch Ike Turner umgab ein derart mieser Ruf, dass man sich verleitet fühlt zu sagen, hier starb ein wahres Ekel. Der Musiker, Produzent und Songschreiber ging vor allem als der fiese Ehemann von Tina Turner in die Musikgeschichte ein. In diversen Biografien über die Sängerin und in ihrem Film "What's Love Got To Do With It" wurde er als prügelnder Tyrann dargestellt, der seine Frau auch noch finanziell hintergangen hat. Doch wie so oft im Leben und nun auch im Tod hat die Wahrheit zwei Seiten.Einige seiner Fehler räumte Ike selbst ein. "Durch meine Frauengeschichten habe ich Tina das Leben zur Hölle gemacht", sagte er in einem Interview. In vielen Dingen sah er sich aber auch falsch dargestellt. Vor einigen Jahren stritt er in einem eigenen Buch viele der Vorwürfe ab. Ike Turner auf einen gewalttätigen Macho zu reduzieren, wird seiner Lebensleistung nicht gerecht, zeigt aber, wie reißerische Schlagzeilen alle anderen Errungenschaften in den Schatten stellen können.Ike Turner wurde am 5. November 1931 in Clarksdale, Mississippi geboren, noch als kleiner Junge begann er, bei der Blueslegende Pinetop Perkins Klavierunterricht zu nehmen und gründete Ende der 40er-Jahre seine erste Band, die Kings of Rhythm. Später zog er nach St. Louis und arbeitete als Talentsucher für verschiedene Plattenfirmen. Unter anderem entdeckte er Howlin Wolf und Elmore James, allein dafür gebührt ihm Ruhm und Ehre über den Tod hinaus. Als Ike dann auch noch 1951 mit dem Hit "Rocket 88" die Hitparaden stürmte, darf er seitdem nicht nur als Eminenz des Blues, sondern auch als Wegbereiter des Rock'n'Roll bezeichnet werden.Gut geölte HitmaschineSeine große Liebe aber galt dem Soul und R & B und sie ist eng verknüpft mit der Entdeckung einer jungen Sängerin namens Anna Mae Bullock aus Nutbush, Tennessee. Diese benannte sich in Tina um und heiratete Ike 1962 in Mexiko. Die "Ike and Tina Turner Revue" entstand und war länger als ein Jahrzehnt eine gut geölte Hitmaschine. Von "A Fool for Love" und "It's Gonna Work Out Fine" bis zu ihrem Meisterwerk "River Deep - Mountain High" landeten ihre Songs regelmäßig in den Charts. Vor allem "River Deep", diese monumentale, von Phil Spector produzierte Popsymphonie, deren Produktion 1966 den damals unvorstellbaren Betrag von 22 000 Dollar kostete, machte das Duo unsterblich. Als die Turner-Ehe Mitte der 70er-Jahre zerbrach, wurde es ruhig um Ike. Tina startete nach einer schlimmen Zeit des Niedergangs schließlich eine enorm erfolgreiche Solokarriere, ihr Mentor und ehemaliger Partner, der bei der "Ike and Tina Revue" unangefochten die Zügel in der Hand hielt, konnte hingegen mit der neuen Situation nur schwer umgehen.Ike Turner war nicht zum Star geboren, er war zwar ein genialer Musiker und Bandleader, blieb auf der Bühne aber lieber dezent im Hintergrund. Seine Fähigkeit, aus dem Talent anderer Kapital zu schlagen, half ihm nun nicht weiter. 1978 erschien sein Soloalbum "I'm Tore Up" mit dem ersten, auf seine mentale Verfassung abzielenden Song "Sad As A Man Can Be". Traurig, wie ein Mann nur sein kann. Trotz ordentlicher Kritiken und guter Produktion reichte es nicht annähernd an die früheren Erfolge heran. So folgte das nächste Album "Hey Hey" erst sechs Jahre später. Uninspiriert und an seiner Zeit vorbei, geriet es sofort in Vergessenheit. Längst beschäftigte sich Ike Turner vorrangig mit dem Konsum von Kokain, er heiratete mehrmals, betrieb ein Aufnahmestudio, das 1982 abbrannte und brachte sich endgültig an den Rand des finanziellen Ruins.Es waren seine dunklen Jahre, die in einer Gefängnisstrafe für Drogenbesitz gipfelten. Ike konnte deshalb 1991 bei seiner Aufnahme in die Rock'n'Roll Hall of Fame nicht persönlich anwesend sein. Stellvertretend für ihn nahm Tina Turner die Auszeichnung an.Doch Ike hatte den Blues, und wie in jedem guten Blues gibt es mehr schlechte Tage im Leben als gute, aber die guten kommen wieder. Aus dem Gefängnis entlassen, besann sich Ike auf seine Wurzeln und gab sich nun auch musikalisch dem Blues hin. Sein Album "Here And Now" brachte ihm 2001 eine Grammy-Nominierung ein, für "Risin' With The Blues" erhielt er den Preis in diesem Jahr für das beste traditionelle Blues-Album. Den späten Erfolg konnte er nicht lange auskosten. Am Mittwoch starb Izear Luster Turner Jr. im Alter von 76 Jahren in seinem Haus in San Diego, vermutlich an den Folgen eines Lungenemphysems. Er hinterlässt vier Kinder aus vier Ehen.------------------------------Foto: Das heißeste Paar der Pop-Geschichte. Die "Ike and Tina Turner Revue" war in den sechziger Jahren eine Attraktion in den Konzertsälen.