Rund 800 000 Palästinenser verloren 1947/48 ihre Heimat. Der Krieg um die Gründung des Staates Israel ging mit einer der größten Flüchtlingskatastrophen des 20. Jahrhunderts einher. Wer war verantwortlich für den Massenexodus? Um diese Frage entbrannte in Israel vor zwei Jahrzehnten ein Historikerstreit. Die traditionelle Geschichtsschreibung des Landes hatte die jüdische Seite von jeder Schuld freigesprochen: Die Massen der Palästinenser seien den Aufrufen arabischer Führer gefolgt, vorübergehend ihre Wohnorte zu verlassen, um den anrückenden arabischen Truppen ein freies Gefechtsfeld zu überlassen.Diese Vorstellung vom "freiwilligen Transfer" entlarvte Benny Morris, einer der Pioniere unter Israels "neuen Historikern", als Legende. In seinem 1987 erschienenen Standardwerk "The Birth of the Palestinian Refugee Problem" wies er anhand israelischer Militärakten nach, dass jüdische Truppen in vielen Fällen massive Vertreibungen durchgeführt und etliche Massaker an der Zivilbevölkerung begangen hatten. Sein Buch war ein Tabubruch, für den Morris in der israelischen Öffentlichkeit heftig attackiert wurde. Unter Beschuss geriet er auch in der arabischen Welt: Er bestritt nämlich ebenso, dass die zionistische Führung um David Ben-Gurion 1947/48 eine systematische Vertreibungspolitik zur Entfernung aller Palästinenser aus dem neuen Staat Israel verfolgt habe.Nun hat Ilan Pappe, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Haifa, eine weitere Studie zur Entstehung des palästinensischen Flüchtlingsproblems vorgelegt. Als "neuer Historiker" wird Pappe mitunter in einem Zug mit Benny Morris oder Tom Segev genannt, doch deren differenzierender Tonfall ist ihm völlig fremd. Sein Buch ist eine schreiende Anklage gegen den Zionismus, den Staat Israel und dessen Gründervater Ben-Gurion. Nichts anderes als eine gezielte Strategie der "ethnischen Säuberung" habe am Ausgangspunkt der israelischen Geschichte gestanden - ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", das Pappe ausdrücklich mit der Vertreibungspolitik des Serbenführers Milosevic im früheren Jugoslawien parallelisiert. Solch provozierender Thesen wegen ist Pappe wiederholt in Konflikt mit der Hochschulleitung in Haifa geraten. Demnächst wird er an die Universität Exeter in Großbritannien wechseln.Morris hatte Flucht und Vertreibung der Palästinenser vor allem als Folge der militärischen Eskalation gesehen. Diesen Wirkungszusammenhang dreht Pappe kurzerhand um: Am Anfang habe der Vertreibungswille der Zionisten gestanden, erst dessen Umsetzung habe den Krieg verursacht.Pappe verfolgt das Geschehen ab November 1947, als der (von den Arabern abgelehnte) UN-Teilungsbeschluss zunächst einen Bürgerkrieg in Palästina auslöste, auf zwei Ebenen. Er rekonstruiert die Debatten und Beschlüsse der sogenannten "Beratergruppe", eines informellen Führungszirkels der Zionisten, dem neben Ben-Gurion vor allem die höchsten Offiziere der Haganah (der Vorläuferin der israelischen Armee) angehörten. Und er schildert - vor allem anhand von Augenzeugenberichten -, was in den arabischen Dörfern und Stadtteilen geschah, die von den jüdischen Truppen heimgesucht wurden.Beide Perspektiven machen klar, mit welcher Brutalität und Härte der zionistische Kampf um den eigenen Staat geführt wurde. "Jeder Angriff muss mit Besetzung, Zerstörung und Vertreibung enden", äußerte Ben-Gurion etwa zum Jahreswechsel 1947/48. Wieviel Leid ein solches Vorgehen über die palästinensische Bevölkerung brachte, zeigt Pappe an Dutzenden von Einzelfällen. Doch ein stimmiges Gesamtbild liefert sein Buch nicht - weil es geradezu systematisch alle Bedrängnisse ausblendet, denen die jüdische Seite damals ausgesetzt war. Pappe kennt nur aggressive, kalt entschlossene Zionisten auf der einen, friedfertige und weitgehend passive Palästinenser auf der anderen Seite.Aus diesem Täter/Opfer-Schema ergeben sich groteske Verzerrungen. Über Seiten hinweg beschreibt Pappe etwa die zionistischen Vorstöße in den ersten Wochen des Krieges. Die 400 jüdischen Siedler, die bis Januar 1948 bei arabischen Angriffen starben, sind ihm einen einzigen Satz wert. Dass er sie überhaupt erwähnt, muss man ihm anrechnen, denn damit führt er seine eigene These ad absurdum, Ben-Gurion hätte verzweifelt nach Vorwänden gesucht, um endlich gegen die Palästinenser losschlagen zu können.Als Hauptbeweis für das zionistische Projekt einer "ethnischen Säuberung" präsentiert Pappe den sogenannten "Plan Dalet". Dieser umfangreiche militärische Einsatzplan, den die Beratergruppe im März 1948 beschloss, genehmigte in Absatz 3b4 die Zerstörung von arabischen Dörfern in strategisch wichtigen Gebieten. Das Dokument ist keine Neuentdeckung, sondern altbekannt und vielfach interpretiert. Morris sah darin eine Vorbereitung auf die drohende Invasion der fünf arabischen Nachbarländer. Diese Deutung lässt Pappe schon deshalb nicht gelten, weil er kategorisch bestreitet, dass die im Mai 1948 angreifenden Armeen den neugegründeten Staat Israel in irgendeiner Weise gefährdet hätten.Tatsächlich haben neuere Forschungen gezeigt, dass die Juden 1947/48 über sehr viel stärkere Truppen verfügten, als der israelische Gründungsmythos vom Kampf Davids gegen Goliath lange glauben machte. Pappe jedoch überzeichnet diesen Befund gewaltig, wenn er gebetsmühlenhaft wiederholt, die Araber hätten den Zionisten - in einem Krieg, in dem Tausende Juden starben - militärisch "nichts entgegenzusetzen" gehabt. Die Vorstellung, dass die Zionisten auch aus dem Gefühl einer existenziellen Bedrohung heraus gegen die arabische Bevölkerung vorgingen, passt Pappe nicht ins Konzept. Bezeichnenderweise stellt er noch nicht einmal die Frage, welche Rolle die Erfahrung des Holocaust dabei gespielt haben könnte.Doch wenn die Zionisten ganz unabhängig vom Kriegsgeschehen beabsichtigten, alle Araber aus dem neuen Judenstaat zu vertreiben - warum brach der Massenexodus dann fast vollständig ab, als es 1949 zum endgültigen Waffenstillstand kam? Warum verblieb eine palästinensische Minderheit von rund 20 Prozent der Bevölkerung in Israel, wenn dessen Gründer doch eine systematische Politik der "ethnischen Säuberung" verfolgten? Auf diese Frage hat Pappe keine schlüssige Antwort. Seine Thesen mögen radikal sein, überzeugend sind sie nicht.------------------------------Foto: Ilan Pappe: Die ethnische Säuberung Palästinas. Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2007. 413 S., 22 Euro.------------------------------Foto: Haifa, 12 Mai 1948. Jüdische Haganah-Kämpfer eskortieren Araber aus der Stadt Haifa.