Das Wirtschaftswachstum sinkt, die Arbeitslosenzahlen steigen. Die Verlagerung von Produktionen ins Ausland und die Lasten der Deutschen Einheit werden dafür verantwortlich gemacht. Das aber ist nur die halbe Wahrheit, wie eine Geschichte zeigt, die schon vor Jahrzehnten begann, aber auch heute ihren Anfang nehmen könnte.Mikroprozessoren der Spitzenklasse rechnen extrem schnell und sind nicht größer als ein Daumennagel. Aber sie kommen nicht, wie man hierzulande meint, aus Japan oder den USA, sondern aus Konstanz am Bodensee. Das heißt, genaugenommen kommen sie am Ende doch wieder aus Amerika oder Asien, weil niemand in Deutschland die Chips produzieren will.Von diesem Dilemma weiß Ilse Müller, High-Tech-Unternehmerin aus dem Schwabenland, ein Lied zu singen. Gemeinsam mit ihrem Mann Otto, der für die Firma Nixdorf in den 60er Jahren den ersten mikroprogrammgesteuerten Kleincomputer der Welt entworfen hatte, gründete die energiegeladene Industriekauffrau 1972 die Firma Computertechnik Müller CTM. Das Unternehmen baute Bürocomputersysteme mit dem eigenen Betriebssystem ITOS, verwendete als erstes in Europa Floppy Disks (inzwischen nicht mehr gebräuchliche flexible Disketten) zur Datenspeicherung und entwickelte die weltweit erste Software für lokale Computernetze. Erst ein Jahrzehnt nach ihnen entdeckten die Amerikaner diesen Markt für sich und verdienten Milliarden.In Deutschland verschlief man den Zug in die gewinnbringende Zukunft. Banken verweigerten Kredite für nötige Investitionen, und mit ihrem Teilhaber, dem Uhrenhersteller Diehl, hatten die Müllers wenig Glück. Er drängte das Ehepaar 1984 aus dem Geschäft, sahnte beim Verkauf eines hoch subventionierten Gewerbegrundstücks kräftig ab und verscherbelte die kerngesunde CTM an die Stuttgarter SEL AG. Die zeigte sich den Anforderungen nicht gewachsen. 1989 verkaufte der Elektronikkonzern das inzwischen marode Computergeschäft zum symbolischen Preis von einer Mark an zwei ehemalige Commodore-Manager, bevor es 1993 die renommierte Firma Peacock erwarb.Von den einst über 500 Angestellten Ilse Müllers sind heute gerade noch 34 übrig. "Dies zeigt", stellt die einstige Firmengründerin bitter fest, "wie Mißmanagement florierende Unternehmen in wenigen Jahren kaputtmacht." Doch auch andere bewiesen zur gleichen Zeit wenig Weitblick. Heinz Nixdorf, der Guru der deutschen Computerbranche, verfiel dem Irrglauben, er könne sich als Hersteller von Rechentechnik mit nur einem einzigen guten Produkt zehn bis fünfzehn Jahre an der Spitze halten. Seinem Tod im Jahre 1986 folgte der Bankrott seiner Firma und deren Übernahme durch Siemens. Hatte Nixdorf den Niedergang der deutschen Computerindustrie eingeleitet, so setzte ihn Siemens fort.Daß das Unternehmen von Haus aus keine spezialisierte Computerfirma vorstellt, mag als Argument gelten. Unverständlich und in höchstem Maße imageschädigend aber ist, wie sehr Deutschlands Elektronik-Nummer 1 im Bereich der Rechentechnik von amerikanischen Zulieferungen aus dem Hause Intel abhängt. Ein interessanter Beleg für das "Image" dürfte jedenfalls eine Umfrage der japanischen Fachzeitschrift "Nikkei Electronics" vom Oktober 1993 sein: In deren Liste der in Japan bekanntesten und angesehendsten europäischen Halbleiterfirmen rangiert Siemens klar hinter den Branchenriesen Philips und SGS Thomson. Und noch mehr: Alle diese Goliaths wiederum rangieren unübersehbar h i n t e r einer kleinen Firma - Hyperstone Electronics! Wer verbirgt sich hinter Hyperstone Electronics? Natürlich kein anderer als die Müllers. 1988, vier Jahre nach dem erzwungenen Ausstieg bei CTM, hatten sie bereits wieder eine Firma gegründet und ihr diesen Namen gegeben. Otto Müller hatte die Zeit genutzt und einen Mikrochip entwickelt, der in der Welt seinesgleichen sucht. Der "Hyperstone E-1" und sein größerer, noch schnellerer Nachfolger, der "E-132", sind sogenannte RISC-Prozessoren mit vermindertem Befehlssatz und deshalb besonders leicht zu programmieren. Bis zu 66 Millionen Befehle (E-132) verarbeiten sie in einer einzigen Sekunde und sind damit der amerikanischen Konkurrenz von Intel (Pentium) und Motorola (PowerPC) voll ebenbürtig, ja sogar überlegen. Denn wo die Amerikaner bei gleicher Rechenleistung bis zu zwei Millionen Transistoren für ihre Schaltung benötigen, genügen Hyperstone gerade einmal 210 000! Dementsprechend günstig liegen die Herstellungskosten bei 6 US-Dollar pro Stück, während für einen Intel 25 Dollar zu berappen sind.Kaum war dies Ende der 80er Jahre bekannt geworden, erwarb Siemens eine Option auf den Chip. Leider, zeigt Ilse Müller in ihrem Buch "Glanz und Elend der deutschen Computerindustrie" (CampusVerlag, 316 S., 48 Mark), war der Konzern nicht in der Lage, den Baustein auf Anhieb und zu günstigen Konditionen herzustellen. Computerspezialist Apple, der bereits angeboten hatte, eine Million Schaltkreise zu kaufen, suchte sich neue Geschäftspartner. Neben einer Menge Geld war damit wohl auch die Chance vertan, jene führende Position im Weltcomputergeschäft zurückzuerobern, die Nixdorf verloren hatte.In Serie hergestellt werden Hyperstone-Prozessoren derzeit in den USA, Japan und Taiwan, wo sie unter anderem im Navigationssystem für Honda-Automobile Verwendung finden. In Deutschland behauptet man noch immer, es gäbe für Hyperstone hier keinen Markt. Den Gegenbeweis liefert die Aachener Firma Intercope, ein Partner des Weltkonzerns IBM. Sie stellt spezielle Steckkarten her, die IBM-PCs den Anschluß an die "Datenautobahn" der Telekom ermöglichen. "Wir haben alles getestet", so Intercope-Konstrukteur Michael Herkens. "Andere Prozessoren sind für unsere Zwecke ungeeignet." Die meisten sind zu groß, rechnen zu langsam und kosten obendrein zu viel. Nur Hyperstones sind hinreichend kompakt, vor allem energiesparend, ideal für die Intercope-HYSDN-Boards, die Daten auf Telefonleitungen sechzigmal schneller übertragen als ein gewöhnliches Fax-Gerät. Auf diese Art und Weise also kehren die in Deutschland konzipierten Chips in ihr Ursprungsland zurück, sehr zum Verdruß all jener, die sie als exotische Eintagsfliege hatten abtun wollen. Die Chancen für Hyperstone, weitere Anteile auf dem Weltmarkt zu erobern, stehen günstig, denn ein neuer, mit 100 MHz getakteter E-132 geht soeben in Serie. Mit diesem Baustein ist es erstmals möglich, sogenannte Multiprozessor-Systeme zu realisieren, das heißt, zwei oder drei Chips hintereinanderzuschalten, was die Rechenleistung auf ein Vielfaches steigert. Egal, ob für den Anschluß von Scannern, Bildverarbeitungstechnik oder Kommunikationsanlagen: Hyperstone ist in der Lage, binnen zwei Wochen jede erdenkliche Steckkarte für einen PC zu konfigurieren und herzustellen. Leistungsfähigkeit ist das wichtigste Argument der Konstanzer Technologie, die sie heute mehr denn je unter Beweis stellt."Eurico", ein Konsortium von sechs europäischen Firmen und der Bundeswehr-Universität Hamburg, entwickelt auf Basis der Hyperstone-Schaltkreise zukunftsweisende Multimedia-Anwendungen. Und auch die thüringische "Jenoptik" setzt seit Dezember vergangenen Jahres Hyperstone-Chips in drahtlosen Telekommunikationssystemen ein. Von 1 000 bis 1 100 Prozessoren pro Anlage ist die Rede. Nur die Großindustrie hält sich nach wie vor bedeckt. Dabei kassiert vor allem Siemens Hunderte Millionen Mark Forschungsgelder, um japanische Technologien für die Schaltkreisherstellung nutzbar zu machen, während die Japaner selbst höchst effizient deutsche Chips der Spitzenklasse fertigen und vermarkten. Könnte es also sein, daß manche in Deutschland schon wieder dabei sind, die Zukunft zu verschlafen? +++