TREUENBRIETZEN. Es war kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als in Treuenbrietzen (Potsdam-Mittelmark) hunderte Zivilisten - überwiegend alte Männer - zusammengetrieben und erschossen worden sind. Mehr als 63 Jahre später ermittelt nun die Staatsanwaltschaft in Potsdam wegen "Mordes zum Nachteil deutscher Zivilpersonen in einer Vielzahl von Fällen" gegen unbekannt. "Das Massaker soll durch Soldaten der Roten Armee begangen worden sein", sagte gestern Christoph Lange, der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Noch in diesem Monat werde man auf dem Wege der internationalen Rechtshilfe ein Auskunftsersuchen an die russischen Behörden richten. "Vielleicht gibt es ja dort in den Archiven Unterlagen, die uns weiterhelfen", sagte Lange.Die Ermittlungen ins Rollen gebracht hatte der Verein Forum für Aufklärung und Erneuerung, der sich vorrangig um die Aufarbeitung der DDR-Diktatur bemüht. "Ein Zeitungsbericht über das Massaker hat uns bewogen, Anzeige gegen unbekannte Soldaten der Roten Armee wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu erstatten", sagte Vereinsvorstandschef Reinhard Dobrinski. Erst vor wenigen Wochen hatte die Staatsanwaltschaft dem Verein mitgeteilt, dass die Ermittlungen eingestellt worden seien. Acht Tage später dann die Wende: Es werde weiterermittelt, teilte die Behörde mit.Nach Darstellung von Wolfgang Ucksche, dem Chef des Heimatmuseums in Treuenbrietzen, trieben Soldaten der Roten Armee am 23. April 1945 an die 1 000 Zivilisten zusammen und erschossen sie im Wohngebiet oder aber in einem Waldstück rund einen Kilometer vor der Stadt. "Das Warum des Massakers ist noch nicht klar", sagte Ucksche. Offiziell sei damals mitgeteilt worden, bei der Einnahme der Stadt durch die Rote Armee sei ein hoher Offizier von einem SS-Mann erschossen worden. Ein Racheakt also? "Es war wirklich so, dass ein SS-Mann bei der ersten Einnahme Treuenbrietzens durch die sowjetischen Truppen geschossen hat. Das war aber zwei Tage vor dem Massaker", sagte Ucksche. Es könne durchaus auch sein, dass es der SS-Mann auf die deutsche Abordnung abgesehen habe, die die Stadt kampflos habe übergeben wollen.In der Nacht zum 23. April 1945 war die Rote Armee von der Wehrmacht wieder aus Treuenbrietzen hinausgedrängt worden. Doch am Tage des 23. April nahmen sowjetische Truppen Treuenbrietzen erneut ein. Kurz darauf mussten zahlreiche Zivilisten sterben.Augenzeugen sprechen von 800 ermordeten Einwohnern und Flüchtlingen, beim Standesamt sind laut Ucksche 254 Tote von Angehörigen gemeldet worden. "Es gibt Berichte von Leuten, die die Toten begraben mussten. Sie haben heimlich mitgezählt, bei 721 Toten aber damit aufgehört", sagte der Heimatforscher. Die Toten seien auf dem Triftfriedhof begraben worden. Dort gibt es sechs Massengräber, in denen die Toten in zwölf Reihen übereinander liegen.Seit 1995 GedenkenZu DDR-Zeiten wurde das Massaker verschwiegen. "Bis Mitte der 1950er-Jahre war man von Strafverfolgung bedroht, wenn man von Gräueltaten der sowjetischen Soldaten sprach", sagte Vorstandschef Reinhard Dobrinski. Die ermordeten Zivilisten wurden zu Opfern von Bombenangriffen gemacht. Erst seit 1995 gedenkt man in Treuenbrietzen der Opfer des Massakers.Unklar ist, ob das Verbrechen jemals aufgeklärt wird. Es sei fraglich, ob die russischen Behörden Informationen über das Massaker finden und diese dann auch herausgeben werden, sagte Staatsanwaltschaftssprecher Lange.------------------------------Ermittlungen gegen unbekanntVorwurf: Soldaten der Roten Armee sollen am 23. April 1945 in Treuenbrietzen Männer, aber auch Frauen und Kinder zusammengetrieben und erschossen haben. Nach Angaben des Heimatvereins liegt die Zahl der getöteten Zivilisten bei rund 1 000.Strafanzeige: Das Forum zur Aufklärung und Erneuerung, das sich um die Aufklärung von Verbrechen in der kommunistischen und der DDR-Diktatur bemüht, hat Anzeige erstattet.Ermittlungen: Die Staatsanwaltschaft Potsdam ermittelt wegen Mordes gegen unbekannt. Noch in diesem Monat wird sie auf dem Weg der internationalen Rechtshilfe ein Auskunftsersuchen an die russischen Behörden senden.------------------------------Foto: Der Eingang zum Triftfriedhof in Treuenbrietzen