Sedona Erst verlor der Hamburger jeden Geruch. Dann wandten sich die Hunde von ihm ab. Und dann passierte - nichts. Seit sechs Monaten wartet die New Yorker Fotografin Sally Davies darauf, dass das Happy-Meal-Fleischbrötchen, das sie im April bei McDonald's an der Ecke gekauft hat, zu schimmeln oder irgendwie anders zu verderben beginnt. Vergeblich. Weder die Boulette noch das Brötchen oder die dazugehörigen Pommes zeigen irgendwelche Anzeichen des Verfalls. "Sie sind einfach zu Stein geworden", sagt Sally Davies.Frau Davies hat die Mahlzeit nicht in ihrer Kühltruhe oder im Kühlschrank aufbewahrt. Sie steht einfach auf einem Teller in ihrem Wohnzimmer. Davies' Wohnzimmer liegt im sechsten Stock eines Gebäudes im New Yorker East Village, das in diesem Jahr einen besonders heißen Sommer erlebt hat. Schon im April kletterte die Temperatur auf über 30, im Juli und August auf 40Grad. New York ist für sein schwüles Wetter berüchtigt - eigentlich die perfekte Bedingung für Schimmel. "Aber anscheinend", sagt Sally Davies, die beruflich viel unterwegs ist und ihre Wohnung tagelang mit ausgeschalteter Klimaanlage zurücklässt, "konnten nicht einmal Bakterien und Pilze das Happy Meal als Nahrung identifizieren."Wer schon mal eine Fast-Food-Mahlzeit unter Einsatz seiner Sinneskräfte zu sich genommen hat, hat das Gefühl, dass hier mehr Chemie als natürliche Nahrung die Speiseröhre passiert. Wie ein Chicken McNugget schmeckt kein Huhn, und wer das gelbe Gummiquadrat in einem Cheeseburger Käse nennt, beleidigt seinen Gaumen. Doch dass sich ein Happy Meal offenbar ähnlich gut hält wie eine Plastikflasche, drehte weltweit Menschen den Magen um.Sally Davies' Fotoserie vom unkaputtbaren Burger ist inzwischen um die halbe Welt gegangen. Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua vermeldete das stabile Brötchen, die britische Daily Mail ebenso, ein französisches Fernsehteam und Reporter von CNN besuchten Sally Davies in ihrer Wohnung. Und das alles wegen einer blöden Wette.Im April hatte Davies einem Freund die unglaubliche Geschichte einer Ernährungsspezialistin erzählt, die seit zwölf Jahren einen McDonald's-Hamburger aufbewahrt - um das Stück, das noch immer so aussieht wie am Tag, als sie ihn kaufte, bei ihren Seminaren vorzuführen. Davies' Freund, selbst Betreiber einer Burgerkette, lachte sie aus und riet ihr, nicht alles zu glauben, was im Internet zu lesen ist. Natürlich würde der Burger nach spätestens drei Tagen zu verrotten beginnen. Sally Davies fühlte sich in ihrer Ehre gekränkt, ging zu McDonald's an der Ecke und kaufte ein Happy Meal - jene Mahlzeit aus Pommes, Hamburger und Softdrink, die man hier seit 1979 serviert. Zu Hause arrangierte sie die Pommes und den Burger auf einem Teller und stellte ihn ganz oben ins Regal, außerhalb der Reichweite ihrer beiden Hunde Suki und Charlie. Einmal täglich holte sie den Teller herunter und fotografierte ihn, um den Verwesungsprozess, falls es ihn denn geben sollte, für ihren Freund zu dokumentieren. Doch ein Bild sah aus wie das andere - von Verfall keine Spur.Inzwischen ist die Schnapsidee der Fotografin, die ihre Arbeiten auf der Internet-Seite www.artnet.com ausstellt, zu einem eigenen fotografischen Projekt geworden. Mehr als 180 Bilder von ihrem Hamburger hat Sally Davies inzwischen gemacht, und das vom 7. Oktober gleicht dem vom 10.April auf beunruhigende Weise.Ihr Freund, der Burgerkoch, bat Sally Davies nach zwei Wochen, ihn nicht länger mit den Fotos zu belästigen. Aber als eine Bekannte ihr Burger-Fotoprojekt in ihrem Blog veröffentlichte, brach ein Mediensturm über Sally Davies herein. Darüber, warum der Burger partout nicht verwesen will, wird im Internet erregt spekuliert: Natriumzusätze sind womöglich mit verantwortlich, Salz ist schließlich ein uraltes Konservierungsmittel. Der hohe Fettgehalt könnte eine Rolle spielen. Oder ob doch die Zusatzstoffe schuld sind, die McDonald's den Speisen beifügt? "Die Frage ist doch", sagt Sally Davies, "kann man das hier überhaupt als Nahrung bezeichnen? Und darf man das seinen Kindern geben?"Viele HamburgermumienMcDonald's sah sich zu einer Stellungnahme gezwungen, in der es hieß, man könne die Verfallsresistenz nicht erklären, ohne die genauen Umstände der Aufbewahrung zu kennen, warne aber vor voreiligen Schlüssen. Einige Fast-Food-Enthusiasten bezichtigten Sally Davies der Manipulation und des Betrugs. Inzwischen weiß Davies, dass sie nicht die einzige Besitzerin einer Hamburger-Mumie ist. So hörte sie von einem Mann in Vermont, der seit 21 Jahren Hamburger sammelt und "ein ganzes Museum" in seinem Keller aufgestellt hat, und von einem weiteren, der 1997 einen Bic Mac an seine Bürowand nagelte, wo er immer noch hängt. Schließlich bekam sie eine E-Mail, in der ihr jemand eine weitere Wette anbot: Stecken Sie Ihren Burger für eineinhalb Minuten in die Mikrowelle, hieß es da, ich wette, dann schmeckt er wieder ganz frisch.Sally Davies' Hamburger landete nicht in der Mikrowelle. Er steht auch nicht mehr im Regal, sondern mitten auf dem Kaffeetisch. "Manchmal", sagt sie, "kommen meine Hunde an den Tisch mit dem Burger. Dann gucken sie mich komisch an. Und dann gehen sie wieder."------------------------------Bakterien werden ausgeschaltetAls Mumie bezeichnet man normalerweise die Überreste von tierischen oder menschlichen Körpern, die durch physikalische oder chemische Gegebenheiten vor dem Zerfall geschützt sind.Bei der Entstehungeiner Mumie wird die durch Autolyse, Bakterien und Insekten hervorgerufene Zerstörung des Weichgewebes wirkungsvoll unterbunden. Auch das Klima spielt eine Rolle.Zu den bekanntesten natürlichen Mumiengehört "Ötzi", der Mann, der 1991 im Gletschereis gefunden wurde. Er starb vor etwa 5300 Jahren und sein Körper blieb gefriergetrocknet erhalten.------------------------------Foto: Sally Davies vor dem Burger, den sie fotografierte.