BERLIN, 20. April. Die Entschuldigung klang wie eine Drohung. Es täte ihm leid, daß er ihr die Aussage zu den peinlichen Details nicht ersparen könne, sagte der Vorsitzende Richter Hansgeorg Bräutigam zur Zeugin, aber "da die Angeklagten sich weigern, etwas zur Aufklärung beizutragen, bleibt uns keine andere Wahl". Er ließ seine Worte einige Sekunden lang im Raum schweben, als warte er darauf, daß doch noch einer der sechs Männer aufspringen und rufen würde: "Ich erzähle alles." Doch der Richter erntete auch am siebten Verhandlungstag nichts als Schweigen.Rolf Gläser, Dieter Lindemann, Dieter Krause und Volker Frischke müssen sich vor der 34. Großen Strafkammer des Berliner Landgerichts verantworten, weil sie als Trainer des SC Dynamo Berlin in der DDR minderjährige Schwimmerinnen gedopt haben sollen. Ebenso wie den beiden Vereinsärzten Bernd Pansold und Dieter Binus wird ihnen Körperverletzung zur Last gelegt. Nachdem sechs Verhandlungstage über Verfahrensfragen gestritten worden war, trat am Montag Christiane Knacke-Sommer als erste Zeugin auf. Erstmalslegte eine Betroffene Details des systematischen, staatlich verordneten Dopings in der DDR vor einem Gericht offen. Die heute 36jährige, die in Wien lebt und unter ihrem Mädchennamen Knacke 1980 bei Olympia in Moskau über 100 Meter Schmetterling Bronze gewann und 1977 als 15jährige über dieselbe Strecke als erste Frau in 59,78 Sekunden die Schallmauer von einer Minute durchbrach, belastete vor allem Rolf Gläser.Eindeutig identifiziertSie rekonstruierte die Ereignisse von 1977, als sie vor der Europameisterschaft in Schweden in die Trainingsgruppe Gläsers aufgenommen wurde, bis zu ihrem Abschied vom Leistungssport nach den Olympischen Spielen 1980. Pillen seien den Schwimmerinnen schon früher verabreicht worden, dabei habe es sich jedoch um Vitamine gehandelt. Mit dem in der DDR verharmlosend "unterstützendes Mittel" genannten Doping-Präparat Oral-Turinabol sei sie erstmals während der Vorbereitung auf die EM 1977 in Berührung gekommen. "Wenn man die nicht gleich geschluckt hat, zergingen die im Mund und wurden bitter", sagte Knacke-Sommer, "es waren die einzigen im Becher, die nicht dragiert waren. Die sind eindeutig zu identifizieren gewesen."Knacke-Sommers Aussage deckt sich mit dem, was Lothar Kipke, Arzt des DDR-Schwimmverbandes, 1976 der Staatssicherheit erzählte. Nach Informationen des Inoffiziellen Mitarbeiters "Rolf" sollte den Mädchen des Nationalkaders in zwei Zyklen ab April und ab Juli 1977 je 200 Milligramm des muskelbildenden männlichen Hormonpräparats Turinabol verabreicht werden. Beteiligt waren auch Dynamo-Arzt Dieter Binus und acht Schwimmerinnen der Trainingsgruppe Gläser/Krause, darunter Knacke und Andrea Pollack, die am Montag als zweite Zeugin geladen war, aber nicht erschien. Vertuschung galt während des "Großversuchs" als oberstes Gebot, berichtete der IM: "Bei Sportlern unter 18 Jahren wird die Legende Verabreichung von Vitaminen angewendet, d.h. alles geschieht ohne Wissen des Betreffenden." Und es wurde nicht nur geschluckt, es wurde auch gespritzt. Während der Vorbereitung auf die WM 1978 in Westberlin habe sie vier oder fünf Injektionen in wöchentlichem Abstand erhalten, sagte Knacke-Sommer. "Ihr kriegt das, damit ihr das harte Training besser aushaltet", sei gesagt worden. Selbst unmittelbar vor den Endläufen etwa bei der EM 1977 und einem Länderkampf gegen die UdSSR 1978 habe man ihr ein Präparat intravenös verabreicht. Was die Spritzen enthielten, wußte die Schwimmerin nicht: "Ich habe nicht die Möglichkeit gehabt, daß ich das Präparat jemals hätte kennen können. Die Spritzen waren immer fertig aufgezogen." Ihr Trainer Gläser habe sie stets zu ihrem Arzt Binus geschickt. Einmal habe sie versucht, sich zu weigern, doch Binus habe Gläser gerufen, der ein Machtwort sprach: "Das ging nach dem Motto: friß oder stirb."Körperliche VeränderungenDaß der Körper diese Turinabol-Depots nicht so schnell abbaut wie die Pillen, mußte Knacke 1978 erleben. Vor der WM in Westberlin blieb sie ebenso wie Olympiasiegerin Petra Thümer in der Ausreisekontrolle hängen: Startverbot. Offiziell hieß es später, beide seien verletzt, inoffiziell, "daß wir nicht clean waren".Die durch das Dopen verursachten körperlichen Veränderungen blieben den Schwimmerinnen nicht verborgen. "Sicher haben wir darüber gesprochen, wenn man eine tiefe Stimme bekam, Muskelzuwachs hatte, daß man aussah wie angefüttert, oder sich ständig die Beine rasieren mußte." Wie die Mastmittel bei ihr wirkten, berichtete die Zeugin unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Von ähnlichen Fällen sind etwa schmerzhafte Muskelverhärtungen, abnorme Körperbehaarung, Körperstamm-Akne sowie gravierende Veränderung der Genitalien und der Psyche bekannt.Unbeeindruckt von Zeugin und Richter beantragte Gläsers Anwalt am Montag, den früheren Ehemann Knacke-Sommers zu vernehmen. Er könne belegen, daß die Schwimmerin sich die Doping-Mittel selbst beschafft und ihre Trainer als IM für die Stasi ausgespäht habe.Der Versuch, ihre Person zu diskreditieren, überraschte Knacke-Sommer kaum. Bereits im Vorfeld habe ihr ehemaliger Gatte gedroht, er werde eine "Schlammschlacht" inszenieren, wenn sie aussage. Nun fliegen die Wurfgeschosse, wen sie von den Beinen holen, ist offen. Fortsetzung am kommenden Montag, dann soll auch die noch aktive frühere Weltmeisterin Sylvia Gerasch in den Zeugenstand treten.