Der Wisent ist allgegenwärtig im Nordosten Polens. So bedroht das größte europäische Säugetier auch sein mag, in der Region um den Bialowieza Nationalpark kann man dem bärtigen Büffel auf Schritt und Tritt begegnen. Der polnische Bruder des wilden Western-Statisten und nordamerikanischen Bisons prangt auf Fahnen und Gemälden, glotzt von Bierbüchsen und Seltersflaschen. Eine Bank in Bialystok wirbt mit einem stilisierten Wisent, im Städtchen Hajnówka weist ein Bronze-Wisent den Weg ins "Urwalddorf" Bialowieza, wo das wiederkäuende Zotteltier dem Hotelgast schon beim Frühstück über die Schulter schaut: Statt eines Geweihs hängt - was sonst - der Büffelkopf über dem Büfett. Zum Abendbrot mit Griebenschmalz, sauren Gurken und Piroggen mundet der Zubrówka, der "Wisent-Wodka". Und im Tierpark kommt er zum Anfassen nahe: als kniehohes Schmusetier aus Plüsch oder aus geschnitztem Holz.Rund 250 frei lebende Wisente (von weltweit circa 3 000 Exemplaren) äsen noch leibhaftig in dem ursprünglichsten Wald Europas im Grenzgebiet zwischen Polen und Weißrussland. Seit 1979 wird der 10 000 Hektar große Nationalpark von der Unesco als Weltnaturerbe geschützt. Fast die Hälfte des 4 500 Jahre alten Mischwalds aus Eichen und Linden, Kiefern und Fichten ist von Menschenhand kaum berührt (vorwiegend auf weißrussischer Seite), jeder zweite Baum steht mehr als 100 Jahre, ehe er unter dem eigenen Gewicht oder bei Stürmen zusammenbricht.Die Büffel waren auch hier längst ausgerottet durch Wilddiebe und deutsche Soldaten in den Kriegswirren: Nach dem Ersten Weltkrieg wurde 1919 der letzte von mehr als 700 Wisenten in der Region erschossen. Es dauerte zehn Jahre, bis die Zucht der urzeitlichen Hünen 1929 mit einem deutsch-schwedischen Wisentpärchen hier im Reservat begonnen werden konnte. "Seit 20 Jahren haben wir wieder genug Wisente und müssen den Bestand sogar kontrollieren. Im vergangenen Jahr wurden 50 Tiere geschossen", erzählt Teodor, Urwald-Führer und Förster, während wir über den federnden Waldboden laufen, umgeben von einigen 400 Jahre alten Baum-Methusalems und einem Meer aus weißen Buschwindröschen und gelbem Scharbockskraut.Viele Touristen kümmert das mächtige Urvieh überraschend wenig. Die wie Zugvögel in den Mischwäldern von Bialowieza und in den Sümpfen von Biebrza ausschwärmenden Urlauber sind gewandet in Tarngrün mit Tropenmütze und Trekkingstiefeln, schleppen schweres Rüstzeug, Stative, überdimensionale Teleobjektive und Ferngläser. Und sie alle haben nur eines im Sinn: der balzenden Doppelschnepfe auf die Schliche zu kommen. Der seltene Vogel ist klein, versteckt sich gern und ist zu allem Überfluss auch noch tarnfarben. Und er soll tatsächlich "ätsch" machen, wenn er losfliegt - als ob sich der Piepmatz über seine von weither angereisten Bewunderer lustig macht. Die Hobby-Ornithologen aus Polen, Deutschland und England haken die erspähten Vögel bei Nachtwanderung und Sonnenaufgangs-Pirsch von der Liste der etwa 250 hier vorkommenden Spezien ab - je seltener und scheuer, desto begehrter. Auch wir horchen angestrengt in den Urwald hinein. Wir hören den eleganten Ruf des Wiedehopfs und den durch den Wald hallenden Trommelwirbel des Weißrückenspechts. Ein mitgereister Biologe ist ganz aus dem Häuschen, als ein Karmingimpel seine unverkennbaren Strophen vor sich hindudelt: "dü dü di". Oben in den bis zu 40 Meter hohen Baumkronen vielstimmiges Konzert, in Augenhöhe Schmetterlinge, auf dem Boden Wolfsfährte neben Wildschweinspuren. Aber die Wisente, Luchse, Rothirsche und Tarpan-Wildpferde lassen sich heute nicht blicken. Fahrer Grzegorz hat mehr Glück: Während wir stundenlang durch den Wald stiefeln, hatte er direkt am Dorfrand eine Begegnung mit einer Wölfin und zwei Jungen.In dem 3 000 Einwohner zählenden Dorf Bialowieza scheint die Welt noch in Ordnung: Vor den windschiefen Holzhäuschen recken sich knallrote Blumen, ein altes Muttchen mit Schürze und Kopftuch döst auf der Terrasse. Die kleinen Mädchen am Ackerrand haben beim Spielen die zerzauste Barbiepuppe in der Hand und noch keinen Gameboy. Im Nachbarort warnen Verkehrsschilder vor Pferdekutschen, und wer mit dem Fahrrad auf den mäandernden Landstraßen und Waldpfaden radelt, wundert sich nach zwei Stunden über ein plötzlich fremdartig wirkendes Moto-(Fortsetzung von Seite R1). (Fortsetzung von Seite R1). renbrummen - ein Auto. Am einsamsten aber ist es im Kanu. Auf dem Flüsschen Narewka und dem Narew kann man innerhalb von einer Woche auf 90 Kilometern in die Sumpflandschaft des Narwianski (Narew) Nationalparks paddeln: erst durchs Schilf und den Nationalpark Bialowieza treibend, bevor man in den Fluss Narew abbiegt. Der "polnische Amazonas", schlängelt sich gemütlich durch die Region Podlasie, die übersetzt "unter den Bäumen" heißt und ihrem Namen alle Ehre macht. Vorbei an mittelalterlich anmutenden Siedlungen mit russisch-orthodoxen Holzkirchen mit Zwiebeltürmchen.Hinter Suraz spreizt der Narew seine Arme, teilt sich in ein Spinnennetz aus kleinen und kleinsten Kanälen und Rinnsälen. So chaotisch gebärden sich weltweit nur der Okawango in Afrika, der russische Ob und der kanadische Saskatchewan. Wie tausend kleine Deltas, tausend Mini-Inseln, auf denen rund 200 Vogelarten ihre Ruhe finden. Ornithologen würden vor Freude jauchzen, würde ihre Leidenschaft nicht eine gewisse Beherrschung voraussetzen: Seeadler, Kraniche und Fischreiher, Sumpfhühner, Rohrweihen und Rohrdommeln leben, nisten, schnattern in dem Labyrinth. Und nicht zu vergessen: die Doppelschnepfe. Etwas weiter nördlich in der Marsch im Biebrzanski Nationalpark rund um den Fluss Biebrza macht sich das Federvieh endlich bemerkbar. Was sind schon die vier Elche, die wir in nur einer Stunde Abendwanderung hier zu Gesicht bekommen haben gegen die eine nur gehörte Doppelschnepfe! Aber die Enttäuschung unter den Vogel-Laien ist groß: Sie singt nicht einmal Melodien, sie knattert nur - die blöde Schnepfe.SERVICE // Anreise: Flug von Berlin nach Warschau mit der LOT (Tel. : 01803/00 03 36). Bialowieza liegt 210 km nordöstlich, mit dem Bus circa drei Stunden.Unterkunft: Hotel Bialowieski (Tel. : 0048/8 56 81 20 22) - modernes dreistöckiges Hotel am Ortsrand mit 130 Balkon-Zimmern, abendlicher Unterhaltung mit Musik am Lagerfeuer, viele Busreisegruppen, DZ/F ab 36 Euro.Cosy Cottage (an der Hauptstraße von Bialowieza, Tel. : 0048/8 56 81 22 27) - Agnieszka Paszko vermietet gemütliche Zimmer mit Bad und Balkon zum Garten, auch Appartements und ganze Ferienhäuser, DZ ab 20 Euro.Hotel Kamil & Bartek (Goniadz, Tel. : 0048/8 62 72 06 30) - herrlich am Fluss Biebrza gelegenes Hotel mit vielen Sportmöglichkeiten (Kanu, Angeln, Tennis, Reiten usw. ), DZ ab 23 Euro.Veranstalter: Nature Travel (Tel. : 0048/8 57 44 45 62); Biebrza Eco-Travel (Internet: www. biebrza. com/eco-travel); erfahrenes kleines Unternehmen in Goniadz, das naturkund- liche und ornithologische Führungen sowie Kanu-Touren anbietet.Literatur: Michael Müller Verlag: Polen-Handbuch (Erlangen 2001, 4. Aufl. , 800 S. ). Umfangreiches Werk für Individualreisende, die des Polnischen nicht mächtig sind.Auskünfte: Polnisches Fremdenverkehrsamt, Tel. : 030/2 10 09 20.Im Internet: www. polen-info. de www. hotel. pl www. biebrza. com. pl www. city. bialystok. pl.MARTINA MIETHIG Vom Nationalpark Bialowieza gelangt man mit dem Boot direkt in den "polnischen Amazonas".MARTINA MIETHIG 250 dieser Kolosse leben hier in freier Wildbahn.MARTINA MIETHIG Nationalpark-Ranger