Sommercamp im ZEGG" locken farbige Plakate in Berlin und den neuen Bundesländern. Jedes Jahr pilgern Hunderte junger Leute in das Fläming-Städtchen Belzig, um dort einen "neuen Stand der Liebe und Treue" zu erfahren. In einem ehemaligen Stasi-Lager hat eine Kommune ihr Hauptquartier aufgeschlagen, die immer wieder als "Sex-Sekte" durch die Medien geistert: das Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung (ZEGG).Sex und EsoterikDas "Sex-Camp" liegt hinter hohen Kiefern und einem Maschendrahtzaun. Vorbei an bemalten Gebäuden steht der Besucher bald vor einer riesigen Tafel mit Losungen wie aus der DDR. "Schafft die sittlichen und sozialen Voraussetzungen für eine freie Sexualität", steht dort; vom "freien religiösen Geist ohne Gesetz und Dogma" ist die Rede. Auch im kleinen Buchladen dreht sich alles um Sex und Esoterik ­ von Henry Miller bis Bhagwan. Ein Buch nennt das ZEGG ein "Sanktuarium" (Heiligtum), wo der Mensch "von Schuld und Strafe erlöst ist".Der hehre Anspruch will nicht so recht zur lethargischen Atmosphäre passen. Ein Dutzend Leute sitzen vor dem ZEGG-Café, Typ Althippy und Bhagwan-Jünger. "Hier leben 100 Menschen", sagt die 34jährige Lee Voosen, die seit zehn Jahren beim "Projekt" mitmacht. Die blonde Frau erklärt, das ZEGG sei "keine Sekte", man habe "keinen Guru", und das "transformatorische Bordell" sei nur eine "Utopie". Wieso überhaupt soviel Aufheben um den Sex? Viele Frauen aus dem ZEGG waren, wie Voosen bestätigt, Prostituierte, aber "selbstbestimmt, keine Milieuopfer". Geld werde nicht mit Sex, sondern mit Ökoprojekten und Seminaren erwirtschaftet.Wie es in diesen Kursen zugeht, erlebte die Studentin Katrin (Name geändert) aus Westdeutschland. "Es war die totale Gehirnwäsche", sagt sie. Über eine Freundin aus ihrer Wohngemeinschaft lernte sie einen jungen Mann kennen; und es gefiel ihr, was der von seiner Kommune und den dortigen "Workshops" erzählte. Katrin fuhr nach Belzig. Dort erwartete sie ein deftiges Tagesprogramm. Wecken um halb acht, esoterische Morgenandacht, Frühstück, Vorträge, Kleingruppen. Auch nach dem Abendbrot "ständige Kommunikation" keine Zeit zum Luftholen. Schnell kamen die ZEGG-Referenten zur Sache: "Jeder ist mit jedem verbunden, deshalb kann auch jeder jeden lieben." Zur Einstimmung dienten Tierfilme, die sexuelle Aktivitäten von Walen und Delphinen zeigten. Katrin sagt: "Die freie Sexualität ist ihre Ideologie, darauf wird den ganzen Tag rumgehackt."Am Abend sollten sich alle im Café treffen, um Kontakte für die Nacht zu knüpfen. Laut Merkblatt geht es im ZEGG "um Kontakt, d. h. ,nein sagen, wenn man nein meint, ,ja sagen, wenn man es wünscht..." Katrin erklärt, sie habe zwar "nein" sagen können, es seien trotzdem endlose "Attacken" gefolgt. Spätabends flüchtete sie in ihr Bett. In einer Broschüre des Berliner Senats heißt es, im ZEGG sei die "sogenannte freie Liebe eine Pflicht zur Sexualität mit mehreren Personen", der man sich nur schwer entziehen könne. Verweigerung werde als "Krankheit" definiert, die "nur mit Sex zu heilen ist".Zwanghaft wirkte auf Katrin auch das "Forum" ­ eine obligatorische Psycho-Sitzung. Jeder sollte dort vor den anderen "sein Innerstes ganz und gar" offenlegen. "Dabei ging es nur um Sexualität, zum Beispiel, was einer in der letzten Nacht erlebt hat." Als Lösung für alle Probleme sei "ununterbrochen" die "freie Liebe" propagiert worden. "Ich fand das völlig abstoßend." Bald hatte Katrin auch das Gefühl, "ständig überwacht zu werden".Höhepunkt des Seminars war ein Auftritt des ZEGG-"Inspirators" Dieter Duhm. Der heute 55jährige Psychologe war ein Vordenker der Studentenrevolte von 1968. Er propagierte kollektive Lebensformen und schloß sich der Sex-Sekte "Aktions-Analytische Organisation" in Österreich an. Weil es ihm dort zu autoritär zuging, gründete er 1983 im Schwarzwald eine eigene Kommune. Beim Fall der Mauer pilgerten seine inzwischen 200 Jünger ostwärts, um von der "freien Liebe" zu künden. Slogan: "An unerlöster Liebe sterben täglich mehr Menschen als an Autounfällen." 1991 erwarb die Gruppe von der Treuhandanstalt das Gelände in Belzig und lockt seitdem vor allem Studenten zum esoterischen Sex­Vergnügen.Flucht in eine heile Welt"Ich saß da und dachte an nichts", berichtet Katrin. "Und dann kam er rein und hatte eine Ausstrahlung faszinierend!" Dieter Duhm merkte wohl, daß sie Feuer gefangen hatte und fragte, ob sie nicht Lust auf einen Spaziergang habe. Unterwegs habe er sich erboten, sofort zu "vögeln", aber ungeschützt, denn nur so könnten "die Energien frei fließen". Katrin erzählt: "Ich sagte, nee, nee, das wäre mir alles suspekt und zu schnell." Der Guru bot ihr daraufhin Hilfe an, falls sie mal an Aids erkranken sollte. "Ich sollte dann einfach zu ihm gehen, er würde mit mir schlafen, und schon würde ich wieder gesund." So hätte er bereits viele Frauen geheilt, habe der Sex-Meister behauptet.Zurück in ihrer Wohngemeinschaft, berichtete Katrin voller Abscheu von Belzig und nannte das ZEGG eine "Sekte". "Da ging·s dann los mit dem Psychoterror, da sind die intimsten Dinge über mich erzählt worden", sagt sie. Ihr wurde plötzlich klar, daß die Wohngruppe als eine Art ZEGG-Filiale fungierte. Ihre Mitbewohner seien stets dann zum ZEGG gefahren, wenn es im Studium Probleme gab oder mit der Freundin. Katrin: "Sie flüchten in eine scheinbar heile Welt."Auch Eva Stützel vom alternativen "Ökodorf" aus Sachsen-Anhalt kritisierte das ZEGG ­ vor allem die "autoritären" Methoden der Seminarleiter beim "Forum"; dabei würden die Menschen erniedrigt. Sektenexperte Thomas Gandow urteilt: "Schon eine Psychoanalyse ist manipulativ um wieviel mehr, wenn kein Therapeut, sondern eine Gruppe mit so einer Ideologie um mich sitzt und meine Konflikte deutet."Doch der zuständige Landrat Lothar Koch sieht das ZEGG gelassen. "Mir hat imponiert, daß da ein paar Verrückte sind, die echte Fragen stellen", sagt er. "Die sind aus meiner Sicht nicht gefährlich." Offenbar zeigte die Kritik in den Medien Wirkung; heiklere Aktivitäten wurden in südliche Gefilde verlegt. So wirbt eine "erotische Akademie" aus dem ZEGG-Netzwerk für "Haremskurse" auf Lanzarote, wo laut ZEGG-Ideologin Sabine Lichtenfels die "freie Liebe real erfahrbar wird": "Frauen und Männer, die ,es gerne tun, werden für Liebesdienste bereitstehen." Thomas Gandow nennt das eine "durchsichtige Werbestrategie für die Psychogruppe". Frank Nordhausen/Liane v. Billerbeck: Psycho-Sekten. Ch. Links-Verlag, Berlin 1997. Morgen: Methoden der Strukturvertriebe.