TREUENBRIETZEN, im Mai. Der Stern leuchtet nicht mehr. Die Farbe ist abgeblättert. Fünf matte Zacken ragen in den Himmel über Treuenbrietzen. Nur die oberste zeigt noch etwas Rot. Die Platten unter dem Stern sind locker, die schwarze Marmortafel mit den Namen Gefallener im Sockel des Obelisken fehlt. Man kann die rohen Ziegel sehen, die ihn im Inneren zusammenhalten. Mehr als 40 Jahre lang hat der Obelisk vom ewigen Ruhm der Roten Armee gekündet. Jedes Jahr am 8. Mai gab es Blumenkränze für die Befreier. Jetzt ist er einsturzgefährdet. Die 18 Stadtverordneten beschlossen Anfang vergangenen Jahres, daß er abgerissen werden soll.Auch das Denkmalamt hatte unter der Bedingung, daß die Kriegergedenkstätte verantwortungsvoll und vorsichtig weiterentwickelt wird, keine Einwände. Es gab nur zwei Gegenstimmen. Sie kamen von der PDS. Gregor Gysi schrieb der Stadtverwaltung einen Brief, in dem er das Vorhaben einen "gefährlichen Akt des Geschichtsrevisionismus" nannte. Außerdem verstoße der Beschluß gegen den Nachbarschaftsvertrag zwischen Deutschland und der UdSSR. Deutschland habe darin erklärt, daß die auf deutschem Boden errichteten Denkmäler, die den sowjetischen Opfern des Krieges gewidmet sind, geachtet werden und unter dem Schutz deutscher Gesetze stehen.Die Bagger wurden abbestelltDie Bagger kamen trotzdem wenig später, doch dann protestierte der russische Botschafter. Das kleine Treuenbrietzen mit seinen 6 000 Einwohnern bekam Angst, diplomatische Verwicklungen zwischen Rußland und Deutschland zu verursachen. Die Bagger wurden wieder abbestellt. Der Beschluß der Stadtverordneten aber blieb bestehen. Das Thema beschäftigt die Stadt immer noch. Vor kurzem hat sogar eine von renommierten Stiftungen organisierte Tagung stattgefunden, die sich mit dem Obelisken beschäftigte. Karsten Cornelius wird inzwischen nervös, wenn er das Wort "Abriß" hört. Er wolle kein Öl ins Feuer gießen, sagt der Treuenbrietzener Bürgermeister. Deshalb spricht er lieber von "Umgestaltung". Niemand wolle den toten russischen Soldaten ihr Denkmal nehmen, sagt der 36jährige SPD-Mann. Man wolle ihm nur eine andere Gestalt geben. Gründe gegen den Obelisken gebe es einige: Die Sanierung sei teuer, der Abriß billig. Und der Obelisk verstelle den Blick auf zwei weitere Denkmale, die in den 20er Jahren angelegt wurden: Ein steinerner Löwe für die Opfer des Ersten Weltkriegs und die Viktoria auf der Siegessäule, die mit dem Lorbeerkranz in der Hand an die Toten des deutsch-französischen Krieges erinnert. Davor hätten sich in den 50er Jahren "die Russen mit ihrem Heldenhain plaziert", wie Cornelius sich ausdrückt. Der Löwe mußte damals sogar mit Sand zugeschüttet werden. "Es darf nicht wieder in den Obelisken ausarten", sagt der Bürgermeister. "In der Bevölkerung gibt es dafür keine Akzeptanz." Die Geschichte, um die es dabei eigentlich geht, liegt schon lange zurück. Am 21. April 1945 wurde der Oberstleutnant der Roten Armee Fedor Schartschinski in Treuenbrietzen erschossen. Zwei Tage später übten russische Soldaten möglicherweise Vergeltung für ihren Kommandeur. Überliefert ist jedenfalls, daß sie Männer, Frauen und Kinder im Ort zusammentrieben und auf sie feuerten. Auf Leiterwagen wurden die Toten dann abgefahren und in ein Massengrab gelegt. Über den Schuß auf den Oberstleutnant gibt es unterschiedliche Versionen. Helmut Päpke sagt, es sei ein SS-Mann gewesen. Päpke ist im Vorstand des Kulturbundes und in der PDS. Der Bürgermeister sagt, die Russen hätten damals behauptet, es sei ein deutscher SS-Mann gewesen. Und der Leiter des Heimatvereins, Wolfgang Uksche, sagt, die Russen hätten sich in jener Nacht die schönsten Treuenbrietzener Mädchen geholt, ein Siegesfest gefeiert, auf dessen Höhepunkt ein russischer Offizier seinen Kameraden im Streit tötete. Um das zu vertuschen, sei die Legende mit dem SS-Mann erfunden worden. Auch was die Zahl der deutschen Toten angeht, sind die Aussagen unterschiedlich. Nach Päpke starben 88 Menschen, Uksche spricht von mindestens 200.Der Triftfriedhof liegt an einem Sandweg. Immergrün säumt die acht Stiefmütterchenrabatten. Hier sind die Toten des 23. April nach dem Krieg ordentlich begraben worden. Das Stück Land stellte ein Treuenbrietzener Arzt zur Verfügung. Kurz vor der Wende wurden die verwitterten Holzkreuze durch ein steinernes Denkmal ersetzt, auf dem die Namen der Opfer stehen. Viele Männernamen sind darunter, aber auch die Namen ganzer Familien, der Name einer 70 Jahre alten Frau und eines dreijährigen Mädchens. Hinter jedem Namen steht der gleiche Todestag. Ein Hinweis auf das, was geschehen ist, fehlt.Bis zur Wende habe niemand über dieses Ereignis sprechen dürfen, sagt der Bürgermeister. Erst danach habe man in Treuenbrietzen begonnen, die Geschichte aufzuarbeiten. Der 23. April ist jetzt so etwas wie ein öffentlicher Gedenktag in der Stadt. Vor dem Gedenkstein auf dem Triftfriedhof liegen noch immer vier Blumenkränze, vom Heimatverein, der Bundeswehr, der CDU und von der Stadt.Immer ein guter Genosse300 Meter vom Friedhof entfernt liegen in strengen Reihen zu beiden Seiten des Obelisken die Gräber der russischen Soldaten, die in der Gegend fielen. Dort liegt, anders als früher, nur ein Blumengebinde im Sand. Helmut Päpke hat es gebracht. Er sei immer ein guter Genosse gewesen, sagt er. Päpke will, daß der Obelisk bleibt. "Im Krieg kommt es zu den scheußlichsten Dingen. Das ändert nichts an der historischen Befreiungsaktion der Roten Armee." Sicher gebe es Kinder, die ihre Väter verloren haben. Aber es habe auch die Zwangsarbeiter im Lager nahe Treuenbrietzen gegeben, die von der Roten Armee befreit wurden. "Es war eben ein Kampftag damals, ein SS-Mann hatte geschossen, und die Russen wurden verrückt." Schlimm sei gewesen, daß einige Funktionäre später nicht über die Sache geredet hätten.Auch im Unterricht des ehemaligen Geschichtslehrers Helmut Päpke kam der 23. April in Treuenbrietzen nicht vor. "Wenn Sie sich die Fülle des Stoffs ansehen, war zu so etwas wenig Gelegenheit", sagt er. Es klingt kein bißchen verlegen.Uksche leitet auch das Heimatmuseum der Stadt. Früher war er Zerspanungsfacharbeiter, dann Tankwart. Ein Tankwart, der sich nebenbei für Geschichte interessierte. Nach der Wende bewarb er sich für den Posten des Museumsleiters. "Das ist meine Berufung", sagt er. Uksche und der Heimatverein sind gegen den Obelisken. "Für uns ist er schon gar nicht mehr da", sagt Uksche. Das neue Denkmal soll nach seiner Vorstellung aus zwei Steintafeln bestehen, die einander gegenüberstehen. Die Tafel mit dem Roten Stern würde für die russischen Soldaten stehen und die Tafel mit dem Balkenkreuz für die deutschen.Unrecht von beiden SeitenUksche will ein gleichberechtigtes Gedenken für Opfer und Täter, wobei die Täter für ihn die Russen sind. "Man kann schließlich nicht sagen, daß der, der den Krieg angefangen hat, alles erdulden muß. Von beiden Seiten ist viel Unrecht getan worden. Und der einfache Soldat hatte doch gar nicht die Chance, sich zu wehren."Die Leute, die wollen, daß der Obelisk bleibt, sind für Uksche Alt-Stalinisten. "Sie wollen nicht wahrhaben, daß Stalin ein Verbrecher war, der den Vergleich mit Hitler nicht zu scheuen braucht." Uksche spricht von Leuten wie Päpke. Päpke war Uksches Geschichtslehrer. Als er ihn im Unterricht nach den Toten vom Triftfriedhof gefragt habe, habe Päpke einen Bombenangriff der Amerikaner erwähnt und von Krankheiten und Selbstmorden gespochen. "Wir hätten den Obelisken schon längst plattmachen können", sagt Uksche. "Nur weil wir so großzügig sind, ist er noch da." Bürgermeister Cornelius hält nichts davon, der Russen und der Deutschen am selben Ort zu gedenken. Auf die Frage, warum das so ist, antwortet er ausweichend. Treuenbrietzen wolle vor allem keine Heldenverehrung mehr, sagt er. Deshalb sei auch er für Tafeln zu beiden Seiten des Weges, allerdings nur für die Soldaten der Roten Armee. Solche Tafeln hätten den Vorteil, nichts Auftrumpfendes an sich zu haben. Gegen den Willen der Russen will Treuenbrietzen aber gar nichts unternehmen. Das letzte Gespräch mit der russischen Seite hat es im vergangenen Jahr gegeben. Damals waren der russische Botschaftsrat und der Militärattaché in der Stadt. Eine Einigung über die Zukunft des Obelisken hat es nicht gegeben.Uksche findet das nicht so schlimm. "Dann bleibt der Obelisk eben stehen und fällt weiter zusammen", sagt er. "In fünf Jahren ist er dann auch weg."