Auf nach Grünau! Der langjährige Berlin-Einwohner betont die letzte Silbe, wie es der Betonung entspricht, wenn man Colonie auf der Grünen Aue sagt. Als solche wurde der Ortsteil an Dahme und Langem See 1749 von Friedrich dem Großen begründet, er besteht zu 75 Prozent aus Wald und Wasser. Langjährige Einwohner gedenken mit Wehmut gewisser Sonntagsausflüge mit Kind und Kegel dorthin, wo der Osten seine eigene Riviera hatte: Unter Kastanienbäumen, bei Brause und Bier oder 'nem Kännchen Kaffee, das schwerfüßige Kellnerinnen mühsam durch den Kies heranschleppten. Man genoss den Blick übers Wasser zu den Müggelbergen, wo wie bei Capri abends die Sonne unterging. Zu jener Zeit waren Riviera und das benachbarte Gesellschaftshaus mit ihren großen Ballsälen und Gärten längst aus der Vornehmheit der Belle Epoche in die Volkstümlichkeit gerutscht, aber sie lebten, wenn auch notdürftig zusammengehalten. Die Neuzeit hat leider nur den Verfall zu bieten, das ist jammerschade. Aber nach Grünau sollte man trotzdem fahren, es gibt ein Ziel, das die Reise lohnt.Das Château 105 hält keinen Blick übers Wasser feil, und Château ist auch übertrieben, es ist ein solides Backsteinhaus, in dessen Souterrain man hinabsteigt, auch gibt es weder Leder noch Plüsch, dafür eine unaufgeregte Un-Gemütlichkeit, die Reduzierung aufs Sachliche, Holzstühle und -tische, eine grüne Wand als Farbklecks, mit der die Stoffservietten korrespondieren, fertig.Also volle Konzentration auf das Essen. Und das ist einfach unglaublich. Zuerst kommt frisches Brot und Tomatenbutter, köstlich, das Brot mit krachender Kruste und duftender Krume, wir müssen uns zurückhalten, um nicht gleich alles aufzuessen. Danach ein zierliches Garnelenfilet mit Kaiserschotensalätchen, noch ein Küchengruß, wunderbar.Die Speisekarte verzichtet auf sämtliche Präpositionen wie an, auf, unter, mit . Spanferkel, Perlzwiebeln, Blutwurst-Knödel lautet die Ansage. Wir entscheiden uns für Bodden-Zander, Ziegenkäse-Sauerkraut-Haube, Schmorgurken für den Herrn (22 Euro). Und für die Dame: Filet vom Charolais-Rind, Grüner Spargel, Topinambur (24 Euro). Davor nehmen wir das Süppchen von roten Linsen mit Kokosmilch (5 Euro ) und Tsar-Lachs (also Zaren-Lachs), Jacobsmuschel, Avocado (14 Euro).Alles prima, gut gewürzt und aromatisch. Wenn es überhaupt etwas zu beanstanden gibt an diesem Abend, dann höchstens, dass dem Süppchen ein wenig Hitze fehlte. Auf die Topinambur-Variante waren wir gespannt, da wir selber Unmengen der Frucht im Acker haben und Schwierigkeiten, sie zu verarbeiten. Und auf die Ziegenkäse-Haube auf und die Schmorgurken unter dem Zander. Die traun sich was, ist das nicht zu viel des Verschiedenen? Unnötige Sorge. Oben salzig, sauer, pikant, unten mild, dazwischen perfekt gebratener Fisch, saftig, elastisch, gerade noch glasig - exzellent.Dasselbe beim Rinderfilet, à point gebraten, Topinambur geraspelt als eine Art Rösti. Interessant.Nein, die Preise sind nicht ganz niedrig, und Unmengen gibt es auch nicht fürs Geld, aber es sind ehrliche Preise. Das ist gehobene Küche ohne Schummelei. David Ludwig in der Küche hat sein Handwerk in Baden-Baden gelernt.Die Weine sind ausgesucht, man kenne jeden Winzer persönlich, ist in der Karte zu lesen. René Bevermann, Inhaber des Château seit acht Jahren, Oberkellner und Sommelier in Personalunion, dirigierte unsere Wünsche souverän in die schönste Richtung: Einen frischen Kerner 2007 von Klaus Zimmerling, Dresden zu den Vorspeisen, einen Viré Clessé 2006, Domaine Chanson aus dem Burgund zum Charolais, und zum Fisch einen Frauenberg Riesling 2006 von Battenfeld Spanier, Rheinhessen.Wer jetzt Lust gekriegt hat, nach Grünau zu fahren, sollte unbedingt vorher dort anrufen. Aber nicht vor 16 Uhr. Sonst schaltet sich der Anrufbeantworter an, der sagt mit französischem Akzent, dass man die Herren "auf die falsche Füß erwischt 'at", vermutlich "liegen sie noch in die Bett und frönen die Schlaf".------------------------------Foto: (2) Château 105Adresse: Regattastr. 105Tel.: 67 82 09 91Öffnungszeiten: Mo-Fr 16-24 Uhr Sa und So 12-24 UhrKreditkarten: EC, Visa

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