Ich habe von einem Wein getrunken, der dreitausendzweihundert Euro kostet. Ich habe Männer erblassen sehen, als der Kellner die Flasche, bevor sie entkorkt wurde, herumtrug, zärtlich, behutsam und stolz wie ein junger Vater, sie lag in seinen Armen wie das wunderschönste Baby. Er hielt das Etikett jedem entgegen, so lange, bis er sich mit eigenen Augen von dem einzigartigen Moment überzeugt hatte, der ihm gleich geschenkt würde. Der Franzose Michel an meiner Seite stieß kurze stöhnende Laute ungläubigen Staunens aus, "nein, nein, nein!" Bei solch einem Wein, schrieb einmal einer, setzt der Verstand aus.Ein Albtraum zu denken, ich hätte diese Kostbarkeit blind herunterschlucken sollen, ohne das gebotene ehrfürchtige Erschauern. Niemals hätte ich erkannt, dass soeben ein Tropfen "für Millionäre" meine Zunge beehrt hatte, ein Wein, den man den Reichen dieser Welt als Kapitalanlage empfiehlt, damit sie ihren Kindern ein Erbe mit garantierter Wertsteigerung hinterlassen können, ein Wein, dessen Name allein Kennern einen Schauder der Wonne und der Wollust über den Rücken laufen lässt: ein Bordeaux Chateau Petrus, Jahrgang 1982.Die vor Respekt erblassenden Herren waren Direktoren von fünf renommierten europäischen Grandhotels, sie waren nach Berlin gekommen, um die Oetker Collection vorzustellen, die neue Synergie-Effekt-Gemeinschaft der feinen Häuser im Familienbesitz der Backpulverdynastie. Die Herren gaben allesamt zu, den teuren Roten bisher höchstens ein einziges Mal genossen zu haben. Leben wir mal wie die Reichen, sagte der Maître vom Pariser Bristol, und der Chef von Brenners Parkhotel Baden-Baden verdrehte verzückt die Augen. Man vergisst es leicht - trotz seines luxuriösen Arbeitsplatzes rangiert auch der Chef eines Nobelhotels in einer anderen Liga als seine Gäste.Um es gleich zu sagen: Im China Club werden Sie nicht platziert. Hier können Sie nicht hingehen und mit silbernen Essstäbchen gedämpfte, mit Meeresfrüchten gefüllte Dim Sum, gebackene Riesengarnelen in Zitronen-Sesam-Wasabimayonnaise, sautierte Jacobsmuschel an grünem Spargel, gedämpftes Wolfsbarschfilet in schwarzer Bohnensauce oder Peking Ente bestellen, die der Meisterkoch Tam Kok Kong aus Singapur, der ein Aquarium in seiner Küche und die Lizenz zum Töten (von Fischen) besitzt, so unnachahmlich zubereitet. Es sei denn, Sie sind prominent und haben 15 000 Euro Aufnahmegebühr entrichtet. Der China Club ist keine "angesagte Location", er ist ein Club im ursprünglichen Sinne: For Members Only. Exklusiv. Freilich anders als in Kolonialzeiten. Kate Moss war schon dreimal da, Udo Walz wurde an jenem Abend gesichtet, als ich unverhofften Zutritt genoss (vielleicht war es auch nur ein Klon, Udo Walz kann schließlich nicht überall sein). Zur Berlinale-Zeit gibt sich die internationale Filmwelt die Klinke in die Hand.Das heißt, eine Klinke ist nicht wirklich vorhanden. Es gibt ein goldenes Knöpfchen an der Rückseite des Adlon. Es gibt einen Fahrstuhl, der seinen Dienst auf geheimnisvolle Weise verrichtet. Es ist, als fahre man in die Verbotene Stadt. Oben lächelt uns ein riesiges grünstichiges Mao-Gesicht mit knallroten Lippen entgegen. Eine Etage höher empfängt uns plastisch der kopflose Oberkörper in der Mao-Jacke - wuchtig, gewaltig, symbolisch. Die Macht einer Epoche, die Kult einforderte und nun in ihren Bildern selber Kult wird. Soldat und Bauer, Kleinstkinder in Uniform, Mädchen in Seidengewändern, Tradition und Deformation, Ironie und Pop - der Club ist eine spannende Galerie der modernen chinesischen Kunst. Es ist die größte Sammlung außerhalb Chinas, heißt es, Anna Maria Jagdfeld, die den Club einrichtete (mit dunklem Holz und roten Lampions, mit Konkubinen-Salon und Bibliothek) hat sie hergebracht. Mag man den Schönen und Reichen dieser Welt die Abgeschirmtheit von der Öffentlichkeit gönnen, die der Club ihnen bietet - dass die Bilder im Verborgenen bleiben, ist schade.Es steht geschrieben, jeder kenne über sechs Ecken jemanden, der Mitglied im China Club sei, also könnte jeder es schaffen, einmal hineinzukommen. Aber das ist natürlich gelogen.------------------------------China Club BerlinAdlon-PalaisBehrensstraße 72

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