If rhino comes you climb tree!" Besorgt schauen sich vier Augenpaare um und stellen fest: Der nächste Baum in dieser Graslandschaft ist gute fünfhundert Meter entfernt und würde höchstens einem Platz bieten. Doch, fügt Sanjeev, der Dschungelführer, hinzu, man könne ebenso gut während der Flucht seine Kleidung abwerfen. Das wilde Rhinozeros würde stehen bleiben und daran schnüffeln, ist er sich sicher. Für einen Moment jedenfalls wäre das Tier abgelenkt. Ob er schon in eine solch brenzlige Situation gekommen sei, will ein Reisender wissen. Doch der zierliche Nepalese grinst und antwortet: "Oh, many times!" Alle Dschungel-Greenhorns, das sieht man an den Gesichtern, haben ab jetzt nur ein Bild vor Augen: ein wutschnaubendes Ungeheuer, das teure Trekkingausrüstungen in der Luft zerfetzt. Der Marsch durch den "Royal Chitwan National Park", der am frühen Morgen so heiter begann, wird dennoch fortgesetzt - allerdings begleitet von gelegentlichen, furchtsamen Blicken über die Schulter.Der "Royal Chitwan National Park" bildet die Mitte des Terai-Gebiets im Süden Nepals. An der Grenze zu Indien gelegen, erstreckt er sich über 1 440 Quadratkilometer und erhebt sich an seiner höchsten Stelle 679 Meter über den Meeresspiegel.Die Sichtverhältnisse hier im Park sind gerade günstig, um Nashörner rechtzeitig zu erkennen. Die Bewohner der umliegenden Dörfer haben das sonst bis zu acht Meter hohe Elefantengras vor kurzem geschnitten und die Dächer ihrer Hütten neu gedeckt. Die tropische Hitze macht die Kälte der Berge, gegen die wir uns noch vor einigen Tagen mit Thermounterwäsche schützen mussten, vergessen. Nur der Blick auf die wuchtigen, schneebedeckten Gipfel bleibt. An klaren Tagen sieht man von hier unten die Achttausender der Annapurna-Bergkette, gerade einmal 100 Kilometer Luftlinie entfernt. Kaum zu glauben, dass sich auf einer solch kurzen Distanz ein Höhenunterschied von über 7 000 Metern entwickelt und das Klima von tropisch bis arktisch reicht.An manchen Abenden im Terai sehnt man sich auch wieder in eisige Höhen zurück. Dann, wenn das Einschlafen vom unermüdlichen Summen der Moskitos begleitet wird, zum Beispiel. Die von ihnen ausgehende Malaria-Gefahr hielt lange Zeit jedes menschliche Leben aus diesem Teil Nepals fern. Erst ab 1950 war es erlaubt, sich in der Region niederzulassen.Reisenden bleibt als Schutz nur das Moskitonetz. Ein Luxus, der allerdings nicht in allen Unterkünften geboten wird. Dafür sind die Anlagen atemberaubend schön. Die kleinen Hütten sind umgeben von Rasenflächen und einer schier unerschöpflichen Vielfalt tropischer Blumen. Auch Cannabis wächst hier in rauen Mengen und wird in den Bars offen als Bhang-Lassi, ein Erfrischungsgetränk, angeboten.Sanjeev, der Dschungelführer fordert unsere Aufmerksamkeit: "Look, tiger s footprint. " Er horcht in die Umgebung, um festzustellen, ob der Besitzer dieser frischen Fußabdrücke noch irgendwo im Unterholz hockt. Vier Touristen hoffen und fürchten gleichzeitig. Doch kein Tiger ist zu sehen, dafür leuchten riesige weiße Bhanti-Blüten. Hier in der feuchten, flussnahen Region des Parks überbieten sich die zahlreichen exotischen Blumen an Farbe und Schönheit gegenseitig. Wo man auch hinschaut, überall blitzen Farbtupfer aus dem Grün hervor. Über den Köpfen baumeln die knolligen, tiefroten Blüten des Seidenbaumwollbaums. Die Pflanzen ziehen eine große Anzahl schillernder Schmetterlinge an, die, obwohl sie die Spannbreite von Spatzen haben, geräuschlos durch die Luft schweben und sich auf den einladenden Blumen niederlassen.Im Osten des Gebiets durchziehen die Churia-Berge den Dschungel und an ihren trockenen Hängen breitet sich ein Wald mit bis zu 40 Meter hohen (Fortsetzung auf Seite R2).(Fortsetzung von Seite R1) Sal-Bäumen aus. Die cremefarbenen Blüten der Baumriesen verströmen einen betörenden Duft nach Jasmin. "Herz des Dschungels" soll Chitwan bedeuten. Und tatsächlich pulsiert das Leben hier. Wieder - muss man sagen. Mit der Besiedlung 1950 kamen auch die Wilderer und durch sie sank allein die Zahl der Nashörner innerhalb von zehn Jahren von rund 2 000 auf nur noch hundert Tiere. Zum Verhängnis wurde ihnen ihr Horn, das, pulverisiert, in Ostasien als Aphrodisiakum noch heute hoch gehandelt wird. Durch die scharfe Überwachung des Parks durch die nepalesische Armee ist die Population inzwischen wieder auf 500 Rhinozerosse angestiegen. Auch der Bestand an Tigern und Leoparden erholt sich langsam. Manche Tiere jedoch, wie der wilde Büffel, wurden in der Region Chitwans ausgerottet.Häufig aber sieht der Dschungelbesucher bei der Überquerung von Flüssen ungefährliche Schnabelkrokodile (Gaviale). Beeindruckende und nicht ganz so friedliche Aligatoren lassen sich ebenfalls beobachten. Und auch der Gangesdelphin ist hier beheimatet. Während er ein paar Kilometer weiter südlich, in Indien, gejagt wird, ist dieses außergewöhnliche Säugetier den Tharu heilig. Für eine Begegnung mit ihm braucht man allerdings viel Geduld, da der Delphin sich meist in den tiefen Flussregionen aufhält und nur zum Luftholen kurz an die Wasseroberfläche kommt. Beste Chancen, ihn anzutreffen, hat man während der Monsunzeit von Juli bis September, wenn die Flüsse zu mächtigen Strömen anschwellen.Ein großer Vogelpark Im Februar/März wird der Royal Chitwan National Park zur Federfarm. Mit über 400 Arten ist die Vogelwelt vertreten, wenn die Zugvögel aus den innerasiatischen Steppenregionen noch da sind und die Sommergäste bereits eintreffen. Dann ist die feuchte Luft beherrscht von Vogelstimmengewirr und bunte Papageien schwirren über die Landschaft hinweg. Immer wieder tauchen auch Pfauen im grellen Grün des Waldes auf. Zur Hauptzeit des Vogelandrangs im Chitwan National Park lassen sich hier auch die seltenen Indischen Riesenstörche nieder. Wer solch einen zu Gesicht bekommt, kann von sich behaupten, die Dschungelgötter seien ihm gnädig gewesen.Es gibt Chitwan-Besucher, die berichten, sie hätten nicht einmal ein Moskito gesehen. Vermutlich haben sie nicht die nötige Ruhe entwickelt, den Blick für kleinste Bewegungen. Oder sie haben keine Dschungelexpedition auf dem Rücken eines Elefanten gemacht. Dabei führt der Weg oft weg von den Pfaden, mitten in die Botanik. Die Dickhäuter tragen ihre Reiter zielsicher zu den Tieren des Parks, ohne dass diese den Eindruck erwecken, gestört zu werden. Nur einen kurzen Blick wirft das Nashorn auf die Besucher, lässt ein kurzes Schnaufen vernehmen und dann grast es weiter oder es bleibt träge in seinem Wasserloch. Und das alles spielt sich nur ein paar Meter vom Beobachter entfernt ab.Ein Fest für die Götter So ein Ritt durch den Dschungel endet für Elefant und Mensch meist mit einem gemeinsamen Bad im Fluss. Die Nähe zu den Riesen zu erleben und zu spüren, ist überwältigend und auch die Elefanten scheinen die Anwesenheit der Menschen zu genießen: Im Spiel mit ihrem vertrauten Führer finden sie kaum ein Ende.Die Bevölkerung des Terai-Gebiets verfügt ohnehin über eine besonders enge Bindung zur Natur. Zwei Wochen dauert das Fest für die Dschungelgötter, das die Tharu jährlich im Frühjahr ausrichten und das nicht aus Angst vor dem Zorn der Götter, sondern aus Dankbarkeit.Man muss sich hier arrangieren mit den Tieren aus dem Park, die sich nicht immer an die Abgrenzungen des ihnen zugeteilten Gebietes halten. So kann es durchaus vorkommen, dass man es sich im Garten seiner Unterkunft, nach einem erlebnisreichen Tag im Dschungel gerade gemütlich gemacht hat und ungewöhnlichen Besuch bekommt: Schlangen und Affen schauen gerne mal vorbei und Nashörner lieben es, sich über Gemüsegärten herzumachen. Besonders am Abend scheint sie der Appetit zu überwältigen. Ihr uneingeschränktes Interesse für Kartoffeln und sonstiges Wurzelgemüse sollte man denn auch nutzen, um sich langsam und ruhig zurückzuziehen. Vielleicht findet sich ja ein geeigneter Baum.SERVICE // Einreise: Ein Visum ist erforderlich, erhältlich bei der Botschaft, Tel. : 030/34 35 99 20.Anreise: Es gibt keine Direktflüge von Deutschland nach Nepal. Thai fliegt über Bangkok nach Kathmandu, was die Flugzeit um zwei Stunden verlängert und auch die Wartezeit in Thailand kann mehrere Stunden dauern. Gulf Air fliegt morgens ab Frankfurt am Main. Dieser Flug beinhaltet ein Stop-Over in Abu Dhabi in einem sehr angenehmen Hotel und ist daher empfehlenswert. Mit Quatar geht es ab Frankfurt zunächst in eines der arabischen Länder. Von hier hat man Anschluss nach Kathmandu. Die Flugpreise beginnen bei rund 700 Euro. Ab Kathmandu fahren Busse nach Sauraha, Chitwan (ca. zwei Dollar). Die Fahrt dauert sechs unterhaltsame Stunden.Gesundheit: Malariaprophylaxe ist empfehlenswert. Außerdem: Hepatitis A/B, Tollwut, Tetanus, Diphterie und Polio.Reisezeit: Von Februar bis Mitte April sind die Bedingungen für Tierbeobachtungen ideal. Außerdem ist es die Zeit für Hochzeiten und Feste.Übernachten: Die meisten Unterkünfte gibt es in Sauraha, einem schönen Dorf direkt am Eingang zum Park. Hier sind Zimmer für ein bis 30 US-Dollar pro Person zu finden. Im Park selbst gibt es Luxuslodges wie Tiger Tops, in dem zwei Nächte 692 US-Dollar kosten.Sicherheit: Von den seit sieben Jahren andauernden Auseinandersetzungen mit den Maoisten des Landes bekommt der Tourist nichts mit.Im Internet: www. catmando. com/nepal. htm.www. nepalvista. com.www. cityindex. com/travel/nepal/chitwan.NICOLE NIKOLAIDOU (3) Seitdem strikt gegen Wilderer vorgegangen wird, ist die Zahl der Nashörner wieder auf 500 angewachsen.In der feuchten Region des Nationalparks überbieten sich die exotischen Blumen an Farbe und Schönheit gegenseitig. Überall blitzen Farbtupfer aus dem Grün hervor. Die Pflanzen ziehen schillernde Schmetterlinge an, die trotz ihrer beachtlichen Größe geräuschlos durch die Luft schweben und sich auf den einladenden Blumen niederlassen.BLZ/RITA BÖTTCHER Karte.NICOLE NIKOLAIDOU Sie gehören zu den weniger friedlichen Parkbewohnern.