Im Ernstfall müssen Besucher in 197 Meter Höhe warten: Fernsehturm gilt als sicher

Die Fachleute sind sich ganz sicher: Eine Brandkatastrophe wie im Moskauer Fernsehturm wäre in Berlin unvorstellbar. "Bei der Sanierung dieses Fernsehturms wurde das Risiko so weit verringert, dass jemand schon vorsätzlich eine Katastrophe auslösen müsste", sagt Hartmut Wellner, Geschäftsführer der "TV Turm Alexanderplatz Gastronomiegesellschaft". Bei der Modernisierung des mit 368 Metern höchsten Turms in der Europäischen Union wurden nach der Wende 50 Millionen Mark für Brandschutz ausgegeben, berichtet Kerstin Schröder von der Gesellschaft "DeTe-Immobilien", die Besitzerin des Turms ist. Das Gebäude aus Beton und Stahl ist ein "sehr sicheres Objekt", stellt Berlins Landesbranddirektor Albrecht Broemme fest.Begrenzte SchnapsvorräteEin PVC-Kabelbrand wie in Moskau sei im Alex-Turm ausgeschlossen, sagt Wellner: "Nachdem im April 1996 Kabel auf dem Flughafen Düsseldorf gebrannt hatten, legte man noch einige hunderttausend Mark drauf und rüstete alle Leitungen auf halogenfreie Kabel um." Sie sollen verhindern, dass sich ein Feuer schwelend ausbreiten kann. Wellner: "Es glüht kurz auf, dann ist Ruhe im Karton." Für das Turm-Restaurant in 207 Meter Höhe gelten strenge Vorschriften. "Dort oben dürfen wir nur unseren Tagesbedarf an Spirituosen lagern, meist sind es gerade mal drei Flaschen. Frittieren und Braten ist verboten", sagt der Gastronomie-Chef. "Wir bereiten die Speisen in unserer Küche am Fuß des Turms vor und frischen sie oben auf. Beim Transport der Waren sind brennbare Behälter nicht erlaubt. Papp-Kartons sind tabu." In den siebziger Jahren hätte glühende Asche in einem Abfalleimer beinah ein Feuer verursacht, erinnert sich Wellner. Abgesehen davon habe es in dem Turm, der am 3. Oktober 1969 eingeweiht und in den ersten 30 Jahren von 37 Millionen Menschen besucht worden ist, keinen Brand gegeben. Falls dennoch einer entsteht, würde er rasch entdeckt. "Rund 1 500 Sensoren zeigen jede Veränderung an. Als einmal in einem Raum sehr heftig geputzt wurde, meldeten sie sofort Rauch", sagt Wellner. "Seit 1996 hat es deshalb schon fast 20-mal Fehlalarm gegeben." Die Sensoren melden ihre Beobachtungen über eine Standleitung zur Feuerwache Voltairestraße. Kameras halten alle Bereiche im Auge. Die Bilder werden in die Brandschutzzentrale im Turm übertragen.Leitern sind zu kurzIn den Technikräumen würde im Ernstfall die Brandbekämpfung schon vor dem Eintreffen der Feuerwehr beginnen. Wellner: "Bei den Kühlaggregaten treten automatisch Pulverlöschanlagen in Aktion, in den Telekometagen sind es Gaslöschanlagen." Der Vorrat umfasst rund 160 Flaschen Gas, das den Flammen den Sauerstoff raubt. Wenn die Sensoren einen Notfall melden, bewegen sich die drei Aufzüge automatisch nach unten. Falls das Feuer die Elektrizitätszufuhr lahm legen sollte, springt nach zwölf Sekunden ein Notstrom-Aggregat an. Die Menschen im Turm können sich über ein separates Treppenhaus auf die beiden oben offenen "Evakuierungsringe" unter der Kuppel retten - der oberste befindet sich in 197 Meter Höhe. Hinter Stahltüren liegen wetterfeste Jacken. Für 400 Menschen ist auf diesen "Betonbalkonen" Platz. "Mehr Besucher oder Mitarbeiter dürfen sich zu keiner Zeit im Turm aufhalten", sagt Wellner. Auf den Ringen in luftiger Höhe heißt es im Brandfalle dann Warten, bis das Treppenhaus mit den 986 Stufen von der Feuerwehr freigegeben wird. Hartmut Wellner: "Eine Evakuierung per Hubschrauber ist wegen der Nähe der Stahlkuppel nicht möglich" - und Feuerwehrleitern sind zu kurz.Gesamthöhe 368 Meter. Der Turm ist der höchste in der Europäischen Union und wurde am 3. Oktober 1969 eingeweiht, Architekt war Hermann Henselmann. In 30 Jahren haben 37 Mio. Menschen das Bauwerk besucht.In den fünf Techniketagen treten im Notfall Gaslöschanlagen automatisch in Aktion. Sie rauben einem Feuer den Sauerstoff.Rund 1 500 Sensoren im gesamten Gebäude registrieren selbst kleinste Veränderungen (zum Beispiel Rauch) und melden sie der Brandschutzzentrale.Im Restaurant (207 Meter, 200 Plätze) ist Frittieren und Braten nicht erlaubt. Nur der Tagesbedarf an Spirituosen darf gelagert werden.Aussichtsetage (203 Meter, für 200 Personen).Zwei oben offene Evakuierungsringe bieten insgesamt 400 Menschen einen sicheren Warteplatz. Die "Betonbalkone" können über ein zweites Treppenhaus betreten und verlassen werden; eine Evakuierung auf dem Luftweg ist nicht möglich.Alle Kabel sind nur schwer entflammbar und halogenfrei. Ein Schwelbrand auf diesem Weg ist unmöglich.Die beiden Personenaufzüge und der Technikaufzug fahren im Notfall automatisch nach unten. Das Notstromaggregat des Turmes sichert die Elektrizitätsversorgung.Evakuierungstreppe 986 Stufen führen durch den 250 Meter hohen Stahlbetonschaft hinab.Die Brandschutzzentrale im Turm ist ständig besetzt und mit der Feuerwache Voltairestraße (Mitte) verbunden. Von hier aus wird das Gebäude mit Kameratechnik überwacht.BERLINER ZEITUNG/BRAUN, DÖRING Der Berliner Fernsehturm ist 368 Meter hoch. Bislang gab es keinen schweren Brand.