Fast auf den Tag genau dreißig Jahre, nachdem Hans-Joachim Machold von der längsten Schicht seines Lebens in einem NVA-Hubschrauber ausgeflogen wird, bekommt er jetzt, mit 60, zum ersten Mal seine Rente. Der erste Zahlungseingang ist für ihn ein Grund zur Freude. Und das "Winterkampf"-Jubiläum? "Ooch, alte Kamellen", sagt der Maschinist.Es war der Winter 1978/79. Am 13. Februar, wenige Stunden vor Macholds Dienstantritt um 22 Uhr, schlägt das Wetter plötzlich um. Schnee, viel Schnee, immer mehr, Sturm, Frost, Schneeverwehungen. Macholds Schicht C wird im Kernkraftwerk Lubmin in der Nähe von Greifswald im Schneesturm eingeschlossen, 200 Männer und Frauen, auch 500 Bau- und Montagearbeiter von der "Großbaustelle der DSF KKW Nord", dem einzigen Großkernkraftwerk der DDR. Drei Reaktorblöcke sind im Betrieb, der vierte in der Testphase, alle vom sowjetischen Druckwasserreaktortypen WWER-440/W-230, mit jeweils 440 Megawatt Leistung. Die werden jetzt ganz dringend benötigt. Strom ist eine Frage der nationalen Sicherheit. Das KKW hat eine eigene Stasi-Dienststelle, die "erste Etage".In der DDR fahren die Kohlekraftwerke reihenweise herunter. Lübbenau, Vetschau, Trappendorf, Tierbach, Boxberg. Weil die Kohle bretthart gefroren ist, nicht abgebaut werden kann. Landesweit bleiben von 20 000 Megawatt Leistung nur rund 5 000 übrig. In Greifswald fällt zehn Stunden hintereinander der Strom aus. In der Hauptlastverteilung in Berlin liegen die Nerven blank. Lubmin muss durchhalten, der kleine Reaktor in Rheinsberg auch, insgesamt 1400 Megawatt Atomstrom. Sonst bricht alles zusammen.Denkwürdige "alte Kamellen". Der kollektive Winterkampf.Normalerweise dauert Macholds Schicht im Maschinenhaus acht Stunden. Im Februar 1979 sollen es 53 Stunden werden. Gegen drei oder vier Uhr morgens, er steckt seit rund sechs Stunden in seinem Blaumann, will er mal raus, frische Luft tut gut. Im Werk nennen sie diese Zeit die "Stunde der toten Augen", weil dann die Lider bleischwer werden. Machold öffnet eine Tür. Eiseskälte, Sturm, dichte Flocken. Es ist, als würde er auf eine Wand blicken. Da ahnt Machold, dass er am Morgen nicht heimfahren wird zu seiner damaligen Frau, die hochschwanger ist, und zum kleinen Sohn.Am Morgen bibbern auf dem Bahnhof in Greifswald Hunderte von Schichtarbeitern. Der Frühzug um 6.23 Uhr kommt nicht. Die Gleise nach Lubmin sind von einer Schneefräse und einer Dampflok blockiert, die in Schneewehen feststecken. Ein Buskonvoi muss wieder umkehren. Die Kampfgruppe fährt mit Schippen raus, den Zug zieht eine mächtige russische V200-Diesellok, Spitzname "Taiga-Trommel". Der Schnee besiegt auch sie. Die Männer kämpfen sich im Schneetreiben zurück, nachts, zu Fuß, verfroren. Die angeforderten Hubschrauber lassen auf sich warten. Die NVA-Panzer aus Eggesin auch. Und als sie kommen, sind einige Panzerfahrer besoffen. Unterwegs haben sie Bauern die Hofzufahrten freigewalzt. Die danken mit Schnaps.Das KKW liegt weiter auf Eis. Die C-Schicht. Machold.Hans-Joachim Machold ist kein Mann der glatt geschliffenen Worte, sondern ein Techniker. Einer, der schaltet, nicht schwadroniert. Man hört das schon daran, wie er etwa über Stolz redet. Wie Machold allein dieses Wort ausspricht, Stolz, mit leicht thüringischem Zungenschlag seines Geburtsortes Sonneberg, klingt es hart, kurz, faktisch. Er gibt ihm kaum eine Gefühlsregung mit. "Man war stolz, in einem Werk zu arbeiten, das witterungsunabhängig Strom erzeugen kann, während fast alle anderen Kraftwerke zusammengebrochen sind", brummt er. "Diesen hier" - Machold klopft sich auf die Schulter - "haben wir nicht gemacht. Und Arbeiterkampflieder haben wir auch nicht gesungen."Als er das sagt, sitzt Machold im Café des Theaters Vorpommern in Greifswald. Auf der Probebühne läuft seit Kurzem ein faszinierendes Vier-Personen-Theaterstück über jene dramatischen Wintertage, "Schicht C - eine Stadt und ihre Energie", auch in diesem Jahr. Inszeniert hat es das Berliner Künstlerkollektiv lunatiks produktion um den Regisseur und Autor Tobias Rausch. 80 Zeitzeugen wurden dafür befragt, Studenten der Greifswalder Ernst-Moritz-Arndt-Universität halfen dabei. Ein Puzzle aus Erinnerungssplittern.Da ist der Bäcker, der die Brötchen für das KKW per Hand formt, weil der Strom ausgefallen ist. Der stellvertretende Parteisekretär, der im Operativstab des KKW mithört, wie die Reaktoroperatoren mit der Abschaltung drohen, weil die Vorschrift ihnen längere Arbeitszeiten als acht Stunden verbietet. Ultimativ fordern sie ein neues Schichtsystem für ein zweites freies Wochenende im Monat. Oder eine Verkäuferin in der Kaufhalle 8. Mai, die Brot rationieren muss und Hamsterkäufe fürchtet.Einer der Zeitzeugen ist Machold. "Ohne das Stück hätte ich den Winterkampf wohl längst vergessen", sagt er.Bereits zum Jahreswechsel 1978/79 hatte der Schnee Norddeutschland lahm gelegt. Am Silvestertag war Macholds Schicht nur im NVA-Mannschaftstransportpanzer zur Arbeit gekommen. Kaum war er auf seinem ersten Kontrollrundgang, da knallte und funkte es. Ein Motor einer Kühlwasserpumpe war hinüber. Kurzschluss. Der Reaktor musste einige Zeit runter. Später, im Februar, denkt Machold manchmal daran. Dass jetzt bloß nichts passiert. "Schaltverbot" wird von Berlin ausgegeben, und "Geradeausbetrieb und volle Leistung". Nur die nötigsten Knöpfe drücken. Am besten gar nichts.Machold arbeitet im zweiten Kreislauf. Der erste, das sind die Reaktoren, in denen Urankassetten das Wasser aufheizen. Das fließt in den Dampferzeuger, gibt dort seine Wärmeenergie an den zweiten Kreislauf ab. Im Maschinenhaus treibt Dampf über Turbinen Generatoren an. Dort, wo Machold auch im Winterkampf, Teil zwei, von Maschine zu Maschine läuft oder am halbrunden Schaltstand der Blockwarte auf die russischen Messgeräte starrt. Stunden, aus denen Tage werden, voll bleierner Müdigkeit und brennenden Augen. Manchmal nickt neben ihm ein Kollege weg. Dann guckt er auch dort auf die Schalttafeln. In den Blockwarten werden Schlafliegen aufgestellt. Schlaf- und Wachwechsel im Vier-Stunden-Rhythmus. Sie schaffen es, halten die Leistung, liefern stabil ihren Strom. "Da haben wir auch mal Glück gehabt", sagt Machold.Anders als zum Beispiel 1975. Da führte ein Brand im Maschinenraum fast zum Super-GAU. Es ist einer der Störfälle, die das Magazin "Spiegel" Anfang 1990 enthüllt: "Horrormeiler in Greifswald", "Katastrophaler Zustand der Reaktorgefäße", "Tschernobyl Nord". Im Dezember 1990 wird der letzte Reaktor heruntergefahren, für immer, von 6 000 Mitarbeitern bleibt ein Drittel übrig, für den Abriss.Bis Ende 2006, dem Vorruhestand, ist auch Machold noch dabei. Was hat er damals bei der Abschaltung gefühlt?Machold nimmt seine Brille ab, klappt sie gedankenverloren zusammen. "Traurig, deprimiert." Dann wischt er sich über die Augen. "Wir hatten gehofft, dass die geplanten Blöcke fünf und sechs noch kommen. Die hätte man aufrüsten können, dass sie dem westdeutschen Standard entsprechen." Er erzählt, wie er im Januar 1974 an seinem ersten Arbeitstag im riesigen Maschinenhaus, wo die Turbinen und Generatoren dröhnen, von der schieren Wucht überwältigt war. "Niederschmetternd, gewaltig, beeindruckend." Für die Kernkraftwerker waren in Greifswald extra zwei Großsiedlungen aus dem Boden gestampft worden, Plattenbauten, Schönwalde 1 und 2. Im werkseigenen Konsum gab es hin und wieder Südfrüchte. Die Feiern der Schicht C waren auch nicht übel, die "Schweinefeten", da wurde reichlich Fleisch aufgefahren.Von Schweinebraten können die isolierten Männer und Frauen im Winter '79 nur träumen. Wenn sie träumen. Im Werk schwinden die Vorräte. Brot und Bockwürste werden knapp, weil die beschäftigungslosen Montagewerktätigen in der Kantine draufloszechen. Also schnallen sich einige Schichtarbeiter Skier an, spuren zwei Kilometer durch die weiße Wand, brechen in einen Konsum ein. Der Werkschutz verspürt dabei Bauchschmerzen.Auch die Frauen haben ihre Sorgen: Die Verhütungspillen reichen nicht. Erst legen sie sie zusammen. Dann besorgen zwei Männer aus einer Lubminer Apotheke Nachschub. Verhütung geht aber auch anders. Im Brigadetagebuch dichtet einer: "Die Chancen bei den Frauen sinken, weil die Klamotten langsam stinken." Viele haben keine Wechselwäsche dabei. Auch keine Zahnbürste, keinen Rasierapparat. Machold dagegen schon. Aus Erfahrung. "Als ich 1974 angefangen habe, ist eine Jungfacharbeiterin in den Maschinenhaussumpf, wo sich das Leckwasser sammelt, reingefallen. Die hatte nichts dabei", sagt er. "Das war für mich ein abschreckendes Beispiel."15. Februar, der dritte Tag der Schicht C im Werk, 15.30 Uhr. Die Schicht sitzt seit mehr als 40 Stunden fest. Endlich stoßen zwei Hubschrauber der NVA über dem Parkplatz durch das Schneetreiben. Lichtmasten stehen ihnen im Wege. Die Betriebsfeuerwehr fällt kurzerhand zwei Masten, montiert drei Traktorscheinwerfer ab, richtet sie in die weiße Wand hinein. Dann erst können die Hubschrauber landen. Wieder und wieder.Im letzten Heimflug der Schicht C sitzt Machold. Jetzt erst spürt er die Erschöpfung, im ganzen Körper, die Erleichterung auch. Mehr nicht. Die Heldengeschichten, die erzählen später andere. Die Parteiführung, die Zeitungen. Machold winkt ab: "Ja, wir waren da draußen, aber wir haben nur unsere Pflicht getan."Heute wächst auf dem KKW-Areal der Energiewerke Nord GmbH ein Industriepark, auch die radioaktive Altlast lagert dort, im Zwischenlager Nord. Ein dänischer Konzern will ein Steinkohlewerk bauen, die Ostseepipeline soll ab 2010 an der Küste Erdgas heranschaffen.Manchmal schaut Hans-Joachim Machold noch vorbei, "als Industrietourist", man kann das alte Werk besichtigen. Sein Werk. Packt ihn dabei keine Wehmut? "Nein." Ganz kurz stößt er das Wort hervor, ganz knapp. Und nach langer Denkpause.------------------------------Foto: Winter 1978/79. Zwischen Greifswald und Lubmin wird eine steckengebliebene Schneefräse freigeschaufelt.