BERLIN. Der Präsident beliebte zu scherzen. Wenn man etwas erreichen wolle in der Sportpolitik, erzählte DOSB-Chef Thomas Bach kürzlich auf einer Diskussionsveranstaltung in Leipzig, müsse man sich einfach mal "mit dem Herrn Kass" zu einem gemütlichen Abendessen treffen. Das Publikum reagierte erheitert. Rüdiger Kass lachte. Thomas Bach freute sich auch. Auf dem kurzen Dienstweg, bei einem feinen Mahl, lassen sich viele Fragen klären. Ministerialdirektor Kass, 63, ist einer der wichtigsten Männer der Branche: Er leitet die Abteilung Sport im Bundesministerium des Innern.In der Graurheindorferstraße im beschaulichen Bonn, fernab vom hektischen Treiben der Hauptstadt, gebietet Kass über rund 40 Mitarbeiter in sieben Referaten. In der BMI-Abteilung "SP" entscheidet sich im Grundsatz die Sportförderung. Im kommenden Jahr geht es um einen Etat von 148 Millionen Euro. Inklusive sieben anderer Ministerien summiert sich die Bundesförderung auf 218 Millionen. Formal haben die Abgeordneten des Bundestags-Sportausschusses, die am Mittwoch erneut über die Fördermittel für den skandalumtosten Bund Deutscher Radfahrer (BDR) beraten, auch etwas zu sagen. Doch sollte sich niemand täuschen: Im Prinzip passiert, was die Sportabteilung ausarbeitet. Und die Abteilung SP verhandelt über die Verteilung der Millionen direkt mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).Eike Emrich, Vizepräsident des Deutschen Leichtathletikverbandes (DLV), hat derartige Dauerverhandlungen in einem klugen Aufsatz so beschrieben: "Wer gut bedient werden will, muss bereit sein, zu jeder geforderten Zeit der gutachterlichen Behörde seine Aufwartung zu machen." Dieses Umfeld sei geprägt von Seilschaften, "Intrigen, Ränke- und Machtspielen" sowie dem "strategischen Umgang mit Informationen".Die Zuwendungsbescheide sind nicht öffentlich, und die so genannten Zielvereinbarungen, die BMI und DOSB mit den Fachverbänden treffen, sind es ebenso wenig. Es heißt, in der Abteilung SP fürchte man sich nur vor den gelegentlichen Recherchen des Bundesrechnungshofes, der immer mal Details rügte.Manch einer in Berlin wünscht sich die BMI-Sportabteilung in der Hauptstadt. Dann blieben dem zuständigen Parlamentarischen Staatssekretär im BMI, Christoph Bergner (CDU), vielleicht so peinliche Momente erspart wie in der Oktober-Sitzung des Sportausschusses, als er die Bundesförderung für den BDR auf 4,2 Millionen bezifferte. Rüdiger Kass, der neben ihm saß, hätte es besser wissen müssen: 2,6 Millionen für 2008. Doch Kass verließ die brisante Sitzung vorzeitig, um seinen Flieger nach Köln/Bonn zu bekommen. Bergner ist im BMI zwar zuständig für Sport, doch hat er den Beamten gegenüber keine Weisungsbefugnis.Wenn die Abgeordneten des Sportausschusses Fragen haben, dürfen sie die immerhin stellen. Das BMI antwortet in der Regel ein paar Wochen später. Anders gesagt: Die Beamten kontrollieren sich quasi selbst. Sehr schön lässt sich das an der jüngsten Stellungnahme des BMI zur Frage des Fördermittelentzugs für den BDR beweisen: Weitgehend übernimmt das BMI die Argumentation des Sportverbandes. So dass Bergner, der seinen Amtssitz natürlich in Berlin hat, schriftlich erklärte: "Im Lichte dieser Angaben erscheint eine Rückforderung von Haushaltsmitteln nicht durchsetzbar. Inwieweit eine Sperrung der Mittel für das Haushaltsjahr 2009 angemessen ist, sollte im Ausschuss nochmals kritisch überdacht werden."Ein Kritikpunkt am BDR ist die Streichung von Dopingkontrollen bei der Mountainbike-Meisterschaft im September in Singen. In dieser Frage gerät die BMI-Sportabteilung selbst unter Druck. Denn BDR-Generalsekretär Martin Wolf argumentiert, man habe die Behörde schon im August darüber informiert, dass kein Geld für Dopingkontrollen mehr vorhanden sei. Ob dies eine Entschuldigung dafür sein kann, dass der BDR die Kontrollen einfach ausfallen ließ, muss der Sportausschuss entscheiden.------------------------------"Das Umfeld ist geprägt von Intrigen, Ränke- und Machtspielen." Eike Emrich------------------------------Foto: Des Landes oberster Radler: Am Mittwoch berät der Sportausschuss über die Fördermittel für den von Rudolf Scharping geführten Radsportverband.

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