Es sind jene wattigen Nebeltage der Normandie, die Veronique Aulnay für Momente vergessen machen, wer ihr Nachbar ist. "Dann ist der Nebel so dicht, daß wir nicht einmal die Geräusche der Fabrik hören", erzählt die junge Frau aus Beaumont, "doch Angst haben wir seit langem, egal was wir sehen oder hören. Die Fabrik macht unsere Kinder krank, wir haben Angst und Wut " Veroniques Tochter Anna hat Leukämie, seit fünf Jahren lebt die Familie mit dieser Diagnose, jetzt ist Anna acht und wie alt sie werden kann, weiß niemand. Kaum Alternativen Die Fabrik, das ist die atomare Wiederaufarbeitungsanlage La Hague der französischen Firma Cogema. Es ist die größte der Welt. "L'usine", so nennen sie die Anlage hier seit ihrem Bau in den 80er Jahren. "Fabrik" das klingt nach Kühlschrank oder Waschmaschine, nicht nach Uran und Plutonium.Die Cogema ist der größte Arbeitgeber der Region. Dazu kommen die Andra, die hier eine - seit Ende 1996 stillgelegte - Atommülldeponie betreibt und das nahegelegene Atomkraftwerk Flamanville. Zusammen mit den Atom-U-Booten im Hafen der benachbarten Stadt Cherbourg ist das eine Menge Atom in einem Umkreis von gerade mal 50 Kilometern.Der anfängliche Enthusiasmus über Arbeit und Brot in einer strukturschwachen Region ist einem Gefühl der Ohnmacht, Angst und Wut gewichen. Von 9 000 Arbeitsplätzen während der verschiedenen Bauperioden von La Hague sind gerade mal 3 000 für den Alltagsbetrieb übriggeblieben. Auf über 14 Prozent ist die Arbeitslosigkeit bei den Männern inzwischen geklettert, Arbeit für Frauen gibt es fast überhaupt keine, ebensowenig wie Arbeit außerhalb der Nuklearindustrie. Die Gemeinden und Departements können sich keine "Anti-Atom-Haltung" leisten. Selbst Atomkraftgegner arbeiten in einer der Nuklearfirmen.Hier gibt es keine Demonstrationen. Aber seitdem die beiden Mediziner Dominique Pobel und Jean-Francois Viel vor vier Wochen im "British Medical Journal" die Ergebnisse einer epidemologischen Studie aus der Umgebung von La Hague veröffentlichten, gärt es im Departement La Manche. In einem Umkreis von 35 Kilometern stellten die Wissenschaftler ein dreifach höheres Leukämierisiko bei Kindern und jungen Leuten fest, im Bezirk Beaumont-la-Hague, dem Standort der Wiederaufbereitungsanlage, liege die Krankheitshäufigkeit bei einer Altersgruppe bis 26 Jahren sogar drei- bis 15fach über der nationalen Medizinstatistik. Ursache der Blutkrebserkrankungen sei eine erhöhte Belastung der Umgebung, vor allem aber des Meeres durch einen Cocktail an Radionukleiden.Doch Atomenergie ist sakrosankt in Frankreich, das 1996 als letztes Land der europäischen Gemeinschaft die Grenzwerte für radioaktive Belastungen von Personal und Bevölkerung in nationales Recht umgesetzt hat - mit einer Übergangsfrist bis zum Jahr 2000 müssen die teilweise fünffach höheren französischen Normen auf die sogenannte EU-Grundnorm gesenkt werden.In Zugzwang gerät damit auch die französische Umweltministerin Corinne Lepage. Sie war es, die im Januar 1994, damals noch Anwältin der Umweltbewegungg Basse Normandie, eine Anzeige gegen Andra und Cogema einreichte. Begründung: Vergiftung der Flußquellen Sainte Helene und Grand Bel sowie unerlaubte Lagerung von hochradioaktiven Abfällen auf dem La-Hague-Firmengelände. Außerdem habe die Andra überhaupt keine endgültige Betriebsgenehmigung.Seit Bestehen der Anlagen wird ein systematischer Kleinkrieg um Meßwerte und Einheiten geführt. Den Betreibern von La Hague kommt zugute, daß die französische Nuklearindustrie als staatsmonopolistische Einrichtung in einem undurchschaubaren Netz der Kompetenzen von fünf Ministerien verwoben ist. Zwölf Tonnen Plutonium Unweit der Stelle, wo die Abwasser von La Hague ins Meer gehen, liegen große Muschelbänke, etwas weiter draußen kreuzen die Küstenfischer. Schon zwischen 1979 und 1981 wies eine Studie hier 67 Fälle von Lungen- und Schilddrüsenkrebs nach - dreimal soviel wie üblich. Experten vermuten, daß radioaktive Teilchen mit der Gischt aus dem Meer auf die Menschen zurückgetragen werden. 1996 stellten die Ökologie-Gruppen Badeverbotsschilder in der Region auf "Lebensgefahr - Radioaktivität" - der Präfekt des Departments ließ keine einzige der Tafeln entfernen. Beunruhigend für die Anwohner sind auch die anderen Begleitumstände der Atomindustrie. Zum Beispiel die täglichen Transporte von höchstgefährlichem Strahlenmaterial auf Straße und Schiene. Gut 110 Castor-Behälter sollen entsprechend der Verträge mit den deutschen Stromversorgern aus der Normandie gen Niedersachsen rollen, zwei davon Anfang März. Mehr als zwölf Tonnen Plutonium werden nach Recherchen örtlicher Journalisten in der Region jährlich auf der Straße bewegt. Die Cogema schweigt dazu.Im Laufe der Jahre hat sich ein Netz an Informanten entwickelt, die die Menschen in der Region über alles unterrichten, was sich im Herzen der Atomindustrie abspielt. Ein Stück Kontrolle und Gegenöffentlichkeit.Einen Erfolg haben die Ökologen der Normandie schon errungen - die Arbeiten zur endgültigen Abdeckung der Atommülldeponie wurden vom Gericht in Cherbourg gestoppt. Umweltministerin Corinne Lepage mußte eine erneute Untersuchung der Deponie anordnen. Zumal die Andra in einem internen Schreiben betont hatte, daß auch eine Abdeckung der Deponie den Austritt von Radioaktivität nicht verhindern könne. "Selbst in den abgedeckten Teilen wurde Tritium in den Drainagen auf und unter der Bitumenschicht gemessen", heißt es in dem Papier.Nach technischem Ermessen müßte die Deponie erneut geöffnet und das Material teilweise neu behandelt werden. Zwischen drei und 15 Milliarden Francs würde eine solche Aktion kosten, unklar, wer zahlen müßte. Auch deutscher Atommüll liegt zuhauf in der undichten Grube. Deutschland ist seit den 70er Jahren einer der Großkunden, der Name La Hague hat in der deutschen Atomszene einen guten Klang. Neues Etikett Für die Produkte der Fischer und Bauern der Region gilt das weniger. Nachdem die "Beurre de la Hague" in ganz Frankreich unverkäuflich wurde, wird sie jetzt unter dem Namen "Beurre du Val de Saire" vermarktet. Es ist zwar dieselbe Butter, doch sie kommt mit einem unverfänglichen Etikett daher. In den 70er Jahren wurden nach einem Fehler in der Meereskanalisation von der Cogema alle Krabben und St. Jacques Muscheln der Region aufgekauft, ein andermal die gesamte Milch eingesammelt. Immer aber blieb es ruhig in der Region und in Frankreich. Vermutlich wird das auch künftig so bleiben.Am 22. Januar haben die Umweltministerin Corinne Lepage und der Gesundheitsminister-Staatssekretär Herve Gaymard ein wissenschaftliches Gremium eingesetzt, das eine neue und diesmal vollständige epidemologische Studie der Region erstellen soll. "Das lokale Krebsregister des Departements La Manche ist zu entwickeln und zu konsolidieren", heißt es, "die örtlichen Mediziner sind in die Studie einzubeziehen, die ersten Ergebnisse sind den beteiligten Ministerien im Juni 1997 mitzuteilen." Die Forderung nach einer solchen Studie ist inzwischen mehr als 20 Jahre alt. +++