Im Gaslaternenmuseum erlebt man eine Zeitreise durch die Berliner Straßenbeleuchtung: Blendfreies Funkeln bei Nacht

Um im Urlaub etwas zu erleben, muss man nicht weit fahren. Berlin bietet jenseits der Touristenpfade viele spannende Orte. Unsere Ferienserie stellt in zwölf Teilen idyllische Plätze vor, wenig bekannte Attraktionen und Führungen zu Orten, an die man normalerweise nicht kommt. Heute: das Gaslaternenmuseum im Tiergarten.------------------------------Wer in einer lauen Sommernacht plötzlich Lust bekommt, ein Museum zu besuchen, ist hier richtig. Das Gaslaternenmuseum im Tiergarten hat keine Schließzeit. Man kann es sich an 365 Tagen im Jahr ansehen, zu jeder Tages- und Nachtzeit und ganz ohne Eintrittsgeld. Doch nachts ist es am schönsten in dem Freiluftmuseum. Dann verbreiten rund um den Berlin-Pavillon, der inzwischen ein Fast-Food-Restaurant beherbergt, und entlang der Parkwege auf der gegenüberliegenden Straßenseite 90 historische Gaslaternen ihr warmes, goldgelbes Licht. "Es funkelt, ist nicht starr und statisch, man kann reinschauen, ohne geblendet zu werden und insektenfreundlich ist es auch", schwärmt Sabine Röck. Sie ist die Vorsitzende des Arbeitskreises Licht des Fördervereins des Deutschen Technikmuseums, der das Museum betreut.Am Abend des 20. Septembers 1826 wurden in Berlin, entlang der Straße Unter den Linden, erstmals 27 Gaslaternen angezündet. Sie lösten die funzeligen Öllampen ab, mit denen Berlin 150 Jahre lang beleuchtet wurde. Heute gibt es noch 44 000 Gaslaternen in der Stadt - das sei gut die Hälfte aller weltweit noch stehenden Gasleuchten, sagt Sabine Röck. Und damit verfüge Berlin über ein einmaliges technisches und kulturelles Denkmal.Auch das Gaslaternenmuseum ist einzigartig: Nirgendwo sonst in Europa gibt es so viele historische Gaslaternen an einem Ort. Das Spektrum reicht von der 1826 aus England importierten Camberwell-Laterne bis zu Leuchten der 1950er Jahre, darunter eine mit Beton-Mast aus DDR-Produktion. Die Leuchten stammen aus 25 deutschen und elf europäischen Städten und tragen Namen wie "Großer Galgen", "Bischofsstab" oder "Schwanenhals". Die "Wilmersdorfer Witwe" ist ein besonders edles Stück mit zehn Millimeter dickem Kristallglas mit Facettenschliff und Blattgoldverzierung. Der Wilmersdorfer Fabrikant Grossmann ließ es sich einst für den Garten seiner Villa anfertigen. "Seine Witwe hat uns die Lampe geschenkt, deshalb der Name", erklärt Sabine Röck. Die anderen Laternennamen rühren von der Form des Auslegers her, an dem die Laternen angebracht sind. Das "Bullenbein" dagegen verdankt seinen Namen wohl der Tatsache, dass die Leuchte auf ihre Verankerung im Boden geschweißt und nicht wie üblich geschraubt ist. "Die Arbeiter haben wohl gesagt, das Ding ist schwer wie ein Bulle", sagt Röck.Die meisten Laternen sind üppig verziert mit Ornamenten des Klassizismus, der Gotik, des Jugendstils oder des Art Déco - sie waren der Versuch, ein Stück Alltagskultur auf die Straße zu bringen, sie dienten der Repräsentation und Identifikation mit der Stadt. 4 000 verschiedene Typen gab es allein in Berlin und bevor der Zweckverbund Groß-Berlin 1912 gegründet wurde, sind noch besonders viele Modelle entstanden, zum Beispiel der fünfarmige Charlottenburger Platzkandelaber im wilhelminischen Prunkstil.Die wohl bekannteste Berliner Gaslaterne aber ist die so genannte Schinkel-Laterne, die allerdings nicht von Baumeister Karl Friedrich Schinkel sondern von den Städtischen Berliner Gaswerken entworfen wurde. Ihre Gestaltung mit gusseisernen Ziergliedern im klassizistischen Stil, die den Dachrand schmücken, erinnert an die Schaffensperiode von Schinkel. Von der Schinkel-Laterne gibt es gleich mehrere Exemplare im Museum.Die Ausstellung besteht seit 30 Jahren und wurde 2006 anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft komplett überarbeitet. 1978 war das Museum von der Senatsverwaltung für Bauen, Wohnen und Verkehr eingerichtet worden. Damals begann man verstärkt Gasleuchten durch Elektrolampen zu ersetzen. Noch wenige Jahre vor Eröffnung des Museums wurden alte Berliner Gaslaternen für nur 20 Mark verscherbelt - sie gingen an private Liebhaber in aller Welt. Der Schah von Persien ließ 150 Berliner Laternen in seinem Garten aufstellen.------------------------------Umsonst und draußenDas Gaslaternenmuseum ist immer geöffnet. Man erreicht es am besten mit der S-Bahn, Bahnhof Tiergarten. Bei Dämmerung schalten sich die Laternen automatisch ein.Führungen finden freitags und nur nach Voranmeldung (T. 90 25 41 24) statt; um 18 Uhr, in den Wintermonaten bei Einbruch der Dunkelheit.Einen Flyer mit Lageplan und Erklärungen gibt es zum Downloaden unterwww.dtmb.de/Aktuelles/Kooperationen/LaternenBerlin im Licht heißt eine Ausstellung im Märkischen Museum (Am Köllnischen Park 5). Di, Do, So 10-18 Uhr, Mi 12-20 Uhr, Fr, Sa 14-22 Uhr, Eintritt sechs, ermäßigt drei Euro.------------------------------Grünfaktor: *****Aktivfaktor: **Kulturfaktor: ****Familienfaktor: ***Allwetterfaktor: **------------------------------Karte: Gaslaternen-Freilichtmuseum------------------------------Foto: Wilhelminischer Prunk, der auch heute noch für ein Foto gut ist: ein Charlottenburger Platzkandelaber im Gaslaternenmuseum im Tiergarten.