Der Nachbar sagt, dass Züge den Rhythmus seines Lebens bestimmen. Er ist Eisenbahner, und sein Leben verläuft nach dem Fahrplan. Er lacht. In seinem Rücken streichen zwei Katzen und drei Kinder durch den Garten, in der Haustür steht eine alte Frau, die Hände in die Kittelschürze gestützt. Wenn man nach dem Haus aus Fertigplatten auf der anderen Straßenseite fragt, verschwindet die alte Frau wie ein Geist. Von Zügen abhängig zu sein hat was Beruhigendes, sagt der Nachbar und wärmt sein müdes Nachtschichtgesicht in der milden Mittagssonne. Die Blätter flattern über schlafende Wege, die breiten Straßen summen leise, nur wenn man sich auf die Zehenspitzen stellt, sieht man die nahen Hochhäuser. Der Ketschendorfer Weg liegt in einer hübschen Siedlung zwischen der Stadt und den großen Neubaugebieten im Nordosten. Die perfekte Gegend für einen Serienmörder. In solchen Gegenden wächst das Grauen ungestört. Die Leute sehen lange weg, die Überraschung ist immer groß. Als die Scheiben eingeschlagen waren, ist der Nachbar dann auch mal über die Straße gegangen und ins Haus geklettert. Für ein paar Wochen war es ja eine Art Musterhaus, offen, jedem zugänglich. Er schüttelt heute den Kopf über die ganze Erregung. Vermutlich auch über seine eigene, aber die erwähnt er nicht. Dann sagt der Nachbar noch ungefragt, dass er die Steine für seinen Anbau ganz allein rangekarrt hat. Plötzlich läuft die Uhr zurück, und man hört sie reden, wie sie hier vor zehn Jahren geredet haben könnten, als die Nachricht in der Zeitung stand und sie plötzlich den hohen Kran im Garten des Nachbarn bemerkten. Das Land wurde nur noch durch kleine Geheimnisse zusammengehalten, Gemeinheiten, Missgunst, Anmaßung und das ständige Gefühl der Ohnmacht. Im Herbst 1989 bestand für viele die einmalige Chance, ihre persönlichen Rechnungen im Rahmen der sanften Revolution zu begleichen. Der Denunziant wurde zum Helden, die kleine Rache bekam eine gesellschaftliche Rolle. Daran soll erinnert werden.Ende Oktober 1989 saß ein junger Mann im Arbeitszimmer von Dieter Resch. Resch war Wirtschaftschef der "Berliner Zeitung" und galt als unangepasst. Er arbeitete viel, er entschuldigte sich ungern, und er hatte eine große Klappe. Resch hatte als Bergmann gearbeitet und blieb auch als Journalist Bergmann, er zertrümmerte in seiner Karriere viele Schreibmaschinen mit seinem furchtbaren Anschlag. Der junge Mann in seinem Arbeitszimmer hieß Peter Wolf und war Funktionär bei der "FDJ-Initiative Berlin". Das Jugendobjekt, mit dem Arbeiter und Ingenieure aus dem ganzen Land nach Berlin geschickt wurden, um hier Wohnungen zu bauen. Resch kann sich an Wolfs Namen nicht mehr erinnern, weiß aber noch, "dass der Junge wie ein Häufchen Unglück auf meinem Stuhl saß und immer wieder sagte, er halte das nicht mehr aus. Die Ungerechtigkeit." Wolf erzählte Resch die Geschichte des hohen FDGB-Funktionärs Gerhard Nennstiel, der sich in Berlin-Biesdorf ein Eigenheim von Erfurter Wohnungsbauern errichten ließ. Die Geschichte passte hervorragend in die Zeit, das fühlte Resch sofort. Zusammen mit dem Bauredakteur Hans Erdmann entwarf er einen kurzen Text, der mit den Worten begann: "Erfurter Bauleute haben uns angerufen: ,Seht euch doch mal im Ketschendorfer Weg 59 um. " Das stimmte zwar so nicht, entsprach aber den Erwartungen dieser Tage. Noch ging alle Macht vom Volke aus, und das Volk war zornig. Der Journalismus gab der Volksseele eine Stimme. Nie waren sich Journalisten und Leser näher. Der kleine Text beschrieb das Haus von Nennstiel mit den Augen eines misstrauischen Nachbarn: "10 Zimmer, Gasheizanlage, Bäder und Duschen. Die Fenster sind BRD-Import, ein zweistöckiger Wintergarten ist im Entstehen." Damit auch jeder wusste, wohin die Reise ging, rätselte der Text: "Es soll ja ein paar Millionäre in der DDR geben." Am Nachmittag begab sich Resch zum Büro von Gerhard Nennstiel, um ihm den Text zu zeigen. Es waren nur ein paar Schritte bis zur IG Metall an der Jannowitzbrücke. Und es war sicherer so.Es muss eine eigenartige Begegnung gewesen sein. Vielleicht die erste dieser Art in diesem Land. Resch war Parteijournalist, Nennstiel war ein hoher Funktionär. Er war Chef der IG Metall und galt als Zögling von Harry Tisch, der den 42-Jährigen vor einem Jahr aus Erfurt geholt hatte. Die Rollen waren verteilt. Der Journalist hatte dem Funktionär zu dienen. Alles brach in diesem Moment auf. Nennstiels Pressereferent Schuemke sagt: "Als Nennstiel merkte, in welche Richtung das Gespräch ging, schickte er mich aus dem Zimmer." Resch erinnert sich noch, wie überrascht Nennstiel war. "Der war völlig geplättet." Es muss eine berauschende Erfahrung gewesen sein. Parteiauftrag, Arbeiterehre und das Bild vom unbestechlichen Journalisten mischten sich. Auf dem Tisch stand der "Philips"-Rekorder, den ihm Heinz Warzecha, Generaldirektor des Werkzeugmaschinenkombinates "7. Oktober", vor ein paar Tagen geschenkt hatte. "Als der Krenz am 18. Oktober das Werkzeugmaschinenkombinat besuchte, sah Warzecha, dass ich immer noch mitkritzelte, während die ND-Journalisten alle Rekorder hatten. Da hat er mir einen aus seinem Panzerschrank geholt." Warzecha galt damals als Hoffnungsträger, Resch war in der Nähe der ganz Mächtigen. Wie sie war er zerrissen zwischen den Erfordernissen der Zeiten. Einmal soll er mitten im Gespräch gestöhnt haben: "Mensch, ich kann doch auch nicht anders, Gerhard. Weißt du, was bei uns los ist? Ich muss das tun." Nennstiel wollte Unterlagen holen, um zu beweisen, dass alles rechtmäßig sei. Doch darum ging es nicht. Es ging nicht um Verträge, es ging darum, dass er sich von Bauarbeitern, die eigentlich Wohnungen bauen sollten, sein Haus errichten ließ. Es ging um die Moral. Irgendwann gab Nennstiel auf. Er konnte nicht mehr gegenhalten, und er wollte nicht, dass sie irgendwas schreiben. Er wusste nicht, welche Art von Journalismus dem Parteijournalismus folgte. Niemand wusste das. Resch und Nennstiel taten sich noch einmal zusammen und setzten hinter die Anklage einen resümierenden, konstruktiven Absatz. Ein Happyend. "Ich habe in meinem Leben immer einfach, normal gelebt und wollte den Menschen offen und ehrlich in die Augen schauen können. Das will ich weiterhin. Ich habe nachgedacht und glaube: Es ist richtig, eine Entscheidung zu treffen, die in den letzten Tagen in mir reifte, nämlich dieses Haus zur Verfügung zu stellen. Nicht einfach so, sondern es sollte nach Klärung der rechtlichen Fragen darin eine kinderreiche Familie Platz finden. Ich würde mich freuen, wenn sie dort ein schönes Leben führen kann."Der Artikel in der "Berliner Zeitung" trug die Überschrift "Wem soll dieses Haus gehören?", war sechzig Zeilen lang und erschien am 1. November 1989. Er liest sich ulkig heute, weil er nichts beweist, sondern nur anklagt. Nennstiels Schlussbemerkungen wirken, als seien sie unter Folter erzwungen worden. Die Partei hatte die Kontrolle verloren, die Rechtsanwälte hatten sie noch nicht übernommen. Der Text schlug ein wie eine Bombe. Vier Wirtschaftsredakteure der "Berliner Zeitung" wurden am 1. November zum Telefondienst abgestellt. Ununterbrochen riefen Bürger an, um von Korruptionsfällen zu berichten. Es waren ein paar wichtige Hinweise dabei, die zu Schalcks Bereich Kommerzielle Koordinierung führten. Das meiste war Nachbarschaftsklatsch. Ein Bann war gebrochen. Der Respekt war weg, die Bürger spürten keine Gegenwehr mehr. Nennstiels Resümee klang wie eine Kapitulationserklärung. Am nächsten Tag brachte die "Junge Welt" ihre erste Enthüllungsgeschichte. Die anderen folgten. Aber Nennstiel war der erste. Er war zum Synonym geworden. Es gab den Nennstiel-Fall. Das Nennstiel-Haus. Im Bundesarchiv findet man dicke Stapel von Protestbriefen, die den FDGB-Bundesvorstand damals erreichten. Es sind die Briefe von späten Opfern und die von Bittstellern. Ganze Kollektive nutzen den Fall Nennstiel, um aus dem FDGB auszutreten, wie die Brigade "Rosa Luxemburg" aus dem VEB Außenhandelsbetrieb Chemie Import-Export. "Langjährige FDGB-Mitglieder" äußerten kurz ihre Bestürzung, um dann Frührente zu beantragen oder eine Kur. Die meisten Protestbriefe aus den Novembertagen konnten nicht mehr bearbeitet werden. Sie wurden nicht mehr gelesen, sie wurden nur noch abgelegt. Die Revolutionäre erwachten zu spät. Ihr kleiner Mut blieb unbemerkt. Am 9. November erschien in der Gewerkschaftszeitung "Tribüne" ein Artikel, in dem der Leiter des Wohnungsbaukombinates Erfurt erklärte, dass Nennstiel korrekt gehandelt habe. Aber es gab kein Zurück mehr. Die Briefe an die Redaktion wurden nur noch wütender, die "Berliner Zeitung" vermeldete am 1. Dezember stolz, dass nunmehr ein Ermittlungsverfahren gegen Gerhard Nennstiel eingeleitet wurde. Das war ihr Sieg. Der damalige "Tribüne"-Chefredakteur Günter Simon versuchte Nennstiel zu verteidigen. "Es herrschte Hysterie, und es ging so rasend schnell. Der Nennstiel wusste doch gar nicht, wie ihm geschah, es hätte jeden treffen können. Natürlich war ein Gewerkschafter besonders praktisch. Gewerkschafter hatten treu und sauber zu sein." Simon aber verlor täglich mehr Macht in der Redaktion, er trat zurück und schrieb ein schnelles Buch über Harry Tisch. Er wohnt heute in einer Neubausiedlung bei Wandlitz, er ist Rentner, möchte aber eigentlich gern noch mitmachen. Er bereitete weiter Bücher vor, die aber ungedruckt blieben. 1991 porträtierte er verschiedene FDGB-Funktionäre. Auch Nennstiel. Auf 22 Schreibmaschinenseiten entwirft Simon das Bild eines tragischen Helden. "Er wurde Opfer der Umstände", schreibt Simon. Am 23. März 1990 wurde das Ermittlungsverfahren gegen Gerhard Nennstiel eingestellt. Er wurde freigesprochen. Vielleicht sei es moralisch verwerflich, hieß es in der Erklärung des Generalstaatsanwaltes, gegen Recht habe Gerhard Nennstiel allerdings nicht verstoßen. Die "Berliner Zeitung" schrieb einen letzten Artikel, der mit den Worten endete: "Beim Fall Nennstiel läßt sich denken, daß so mancher Eigenheimbauer, der mühselig und aufwendig sein Häuschen über Jahre hinweg errichtet, resigniert den Kopf schüttelt." Die Journalisten hatten sich neuorientiert. Vor einem halben Jahr hatten sie sich noch als Anwälte der "Bauleute" verstanden, jetzt vertraten sie die Interessen der Eigenheimbauer. Resch hatte ein letztes mal Recht.Dann war es vorbei, Nennstiel war Geschichte. Wenig später begannen die Gerüchte. "Nennstiel ist tot", sagt die Frau, die heute im Haus am Ketschendorfer Weg lebt. "Der hat sich doch umgebracht.""Er lebt in Moskau", sagt Resch."Er hat die Bosch-Vertretung für Russland", sagt Peter Wolf."Als ich ihn das letzte Mal sah, wollte er mir irgendein Holzhaus aus der Ukraine verkaufen. Oder alles, was ich sonst so bräuchte. Es schien ihm gut zu gehen", sagt Simon.Referent Schuemke sah ihn mal in der Frankfurter Allee. "Er trug ein Jackett, obwohl es bitterkalt war, und lief immer hin und her. Er sah ziemlich fertig aus, wohnte wohl mit sechs Personen in einer Zweiraum-Neubauwohnung seiner Schwester und war auf der Straße, um nachzudenken, wie er sagte."Gerhard Nennstiel lebt am Rande von Berlin in einer kleinen Eigenheimsiedlung, möchte sich aber dort nicht treffen. Niemand soll mehr beschreiben oder bewerten können, was ihm gehört. Er sucht ein kleines Café am Rande einer Wandlitzer Badeanstalt aus. Er hat eine scheue, leise Stimme am Telefon, er redet zu schnell, will zu viel sagen. Es ist ein heißer Augusttag, Menschen baden, trinken, Hunde dösen. An einem Tisch in der Ecke sitzt ein kräftiger Mann mit einer grauen Bürstenfrisur unter einem Sonnenschirm. Er trägt ein blütenweißes Hemd und eine Krawatte. Er sieht aus wie ein Funktionär, könnte aber auch Hauswasserversorgungen verkaufen. Er könnte Kommunist sein oder Kleinkapitalist. Ein kleines Kraftpaket mit kräftigen, kurzen Fingern und flinken Augen, die eng beieinander stehen. "Ein Macher, ein Perfektionist, ein Auf-den-Putz-Hauer", sagte Simon. "Ein Perestroika-Mann", sagte Pressesprecher. Schuemke. "Sehr distanziert", sagte seine persönliche Referentin. "Jemand, mit dem man reden konnte", sagt ein ehemaliger Erfurter Wirschaftsredakteur.Nennstiel erhebt sich, er trägt eine silbrigglänzende Bundfaltenhose. Neben ihm sitzt seine Frau, die jünger ist als er. Er hat sie bei einem Zusatzstudium in Moskau kennen gelernt. Der sechsjährige Sohn sitzt auch mit am Tisch. Die Sonne scheint, am Nebentisch unterhalten sich zwei zahnlose Volltrunkene über einen Schäferhund-Kauf, Nennstiels Sohn will ein Eis, Nennstiel erzählt von seinem Absturz."Viele haben sich sofort distanziert, ohne den Fall zu kennen. Der Zentralrat der FDJ zum Beispiel, aber auch der Bezirksbaudirektor in Erfurt und das Sekretariat des Bezirksvorstandes, sie wollten alle nur ihre Haut retten. Jeder hatte mit sich selbst zu tun. Harry Tisch konnte mir nicht helfen. Am Tag, als der Artikel in der Zeitung stand, wurde Annelis Kimmel als neue Vorsitzende vorgeschlagen. Eine Woche später fiel die Mauer. Mir hörte doch niemand mehr zu. In Berlin kannte ich kaum jemanden. Sie haben mir nahe gelegt, von meinen Funktionen zurückzutreten. Ich habe es getan, dabei gab es keine Beweise, nur Vorwürfe."Am 6. November schrieb er einen Brief an Egon Krenz, in dem er erklärte: "Durch die Angriffe der Medien, zu deren Abwehr ich bisher keine Chance hatte, ist mein Ansehen im Lande schwer diffamiert worden." Krenz reagierte nie. Natürlich nicht. Vor seinem Rohbau im Ketschendorfer Weg standen die Gaffer und späte Journalisten, das Zimmer im Grünauer Gästehaus des FDGB wurde zu teuer. Er zog mit seiner Frau, die zunächst noch im Feriendienst der Gewerkschaft arbeitete, in die Dreizimmerwohnung seiner Schwester in die Frankfurter Allee. "Mir tat es ja noch mehr weh", sagt seine Frau. "Als ich eines Tages im Betrieb erschien, sahen mich meine Kolleginnen alle so betreten an. Irgendwann sagte eine: ,Tut uns leid mit deinem Mann. Ich hab gefragt: ,Was ist denn mit meinem Mann? ,Na der hat sich doch umgebracht , haben sie gesagt.""Damals habe ich überlegt, nach Moskau zurückzugehen. Dort hatten wir ja Freunde. Aber ich hab es nicht fertig gebracht, meiner Schwiegermutter die Tochter zurückzubringen", sagt Nennstiel. "Ich musste jeden zweiten Tag zu Vernehmungen nach Rummelsburg ins Gefängnis. Hauptmann Dallmann, der mich vernahm, ist wie ein SS-Mann aufgetreten. ,Wenn Sie nicht reden, bringen wir sie zum Reden , hat er gebrüllt. ,Sie sagen uns schon noch das, was wir hören wollen. Er wurde immer wütender, weil sie nichts rausbekamen. Es gab nur Gerüchte. Dallmann fragte mich, wofür ich so viele Zimmer benötige. Ich habe gesagt, dass meine Schwiegereltern nach Deutschland kommen würden. Dass wir Kinder haben wollten. ,Bringen Sie mir den Beweis, dass Ihre Frau schwanger ist! brüllte Dallmann. Im Frühjahr 90 änderte sich Dallmanns Stimmung. ,Für Sie wäre es doch das Beste, wenn das Land schnell untergehen würde , sagte er mal zu mir. Er hatte Recht, obwohl ich es nicht so sah."Nennstiel arbeitete zunächst in einer kleinen Westberliner In- und Export-Firma als Berater. Bald gründete er seine erste eigene Firma Eutorg. Die Geschäfte, meist Warentauschgeschäfte mit Polen und den Gus-Staaten, liefen gut. Er zog in eine Dreizimmerwohnung nach Marzahn, dann kaufte er ein Haus am Stadtrand von Berlin. Er gründete neue Firmen. Die Geschäfte liefen schlechter, dann wieder besser, dann wieder schlechter. Gerade versucht er eine Palettenproduktion in Fürstenwalde aufzubauen. Er ist 53 Jahre alt und hat noch viel vor. "Ich denke, ich war ein Bauernopfer", sagt er. "Sie wollten von sich ablenken, Zeit gewinnen."Wer sind sie?Nennstiel zuckt mit den Schultern. Irgendjemand aus seiner Vergangenheit, glaubt er. Jemand aus Erfurt sicher. Nennstiel stammt aus Eisenach. Er hatte eine Blitzkarriere in der SED hinter sich, als er Anfang der 80er Jahre in den Erfurter FDGB-Bezirksvorstand delegiert wurde. Er war jung und ehrgeizig, die Erfurter FDGB-Spitze empfing ihn misstrauisch. "Die wollten ihre Ruhe haben", sagt Nennstiel. "Ich habe mir da nicht viel Freunde gemacht. Der damalige Vorsitzende hat doch am liebsten mit seinem Stellvertreter Skat gespielt. Das habe ich mir natürlich nicht mit angesehen. Die beiden sind inzwischen gestorben. Wolf lebt noch. Hans Wolf. Der war damals Sekretär für internationale Fragen im Bezirksvorstand. Er ging Anfang der 80er Jahre zur Ständigen Vertretung nach Bonn. Ich war nicht böse drüber. Wolf war ein Scharfmacher, er war unbeweglich. Aber nach ein paar Monaten kriegte ich einen Anruf aus Berlin. Ich sollte den Wolf wieder zurücknehmen. Ich wollte nicht. Sie haben ihm dann einen Ruheposten bei der Außenstelle der Gewerkschaftsschule in Erfurt gegeben. Das war eine gute Lösung. Aber vermutlich hat ihm das nicht gereicht. Ich weiß wirklich nicht. Es kann jeder gewesen sein.""Nennstiel war ein SED-Mann", sagt Hans Wolf, der heute als Rentner in Erfurt lebt. "Nach dem Aufschwung der Solidarnosc in Polen setzten sie überall SED-Leute in die Gewerkschaftsführungen. Wir sollten gleichgeschaltet werden. Und so wurde es dann auch. Tisch war ein SED-Mann, Nennstiel war auch einer. Der hatte doch nie Beiträge kassiert. Dass die Arbeiter anfingen, den Gewerkschaften zu misstrauen, hing mit Leuten wie Nennstiel zusammen. Aber mit Bonn hat das nichts zu tun. Davon wusste der Nennstiel doch gar nichts. Sie haben mich zu meiner eigenen Sicherheit zurückgeholt, sagten sie. Ich habe das alles aufgeschrieben und in der Wendezeit an den Zentralvorstand geschickt. Die wissen, was passiert ist. Das reicht. Für mich ist die Sache abgeschlossen. Vielleicht schreibe ich mal ein Buch über alles."Hans Schröder war Wolfs Vorgänger an der Ständigen Vertretung, er lebt heute als Rentner in Rahnsdorf."Ich war gerade aus Bonn zurück und habe angefangen, mir das Haus hier zu bauen, da sollte ich wieder hin. Ich war von 79 bis 82 in Bonn, und es war keine schlechte Zeit, aber ich hatte hier gerade das Fundament ausgeschachtet. Nee. Ich wollte nicht. Sie drängelten, sie hatten den Hans Wolf über Nacht abgezogen. Der war drei Tage lang verschwunden. Ich denke mal, sie haben ihn irgendwo ausgequetscht. Der hat bestimmt auf zwei Ebenen gearbeitet. Er hatte immer gute Beziehungen zu den DGB-Leuten in Kassel. Womöglich lag es daran. Ich habe es nie erfahren. Darüber hat keiner geredet.""Unsinn", sagt Hans Wolf. "Der Schröder soll mal aufpassen, was er so erzählt. Ich war nicht verschwunden, ich war ein paar Tage zu Hause. Ich musste nachdenken. Es war ja nicht einfach, auch für meine Familie nicht."Wolfs Frau war noch in Bonn, sein Sohn studierte an der FDJ-Hochschule."Ich war von den tausend Leuten da sicherlich einer der Beststudenten, ich habe Außenwirtschaft studiert, ich hatte eine blendende Perspektive", sagt Wolfs Sohn heute. "Aber als das mit meinem Vater passierte, hieß es plötzlich: Bau. Das war s. Von meinem Vater hat keiner mehr ein Stück Brot genommen, mich haben sie zum Zentralen Jugendobjekt nach Berlin geschickt. Bau. Das war eine Strafaktion." Er ging nach Berlin auf den Bau. Irgendwann erzählte ihm dort jemand die Geschichte von Nennstiels Haus. Vielleicht hat er sie auch selbst recherchiert. Er sagt, dass er sich an den zuständigen Zentralratssekretär Bohn gewandt hat. Bohn habe die Sache mit dem FDJ-Chef Aurich beraten. Sie gaben ihm grünes Licht. Aber Bohn ist tot, beim Tennisspielen umgefallen, und Aurich kann sich nicht an Wolf erinnern. "Es kann aber sein, dass mich keiner mehr fragte", sagt Aurich. "Im Oktober, November habe ich die Dinge doch auch nur noch aus der Zeitung erfahren." Wolf spielte zusammen mit Hans Erdmann Basketball. Erdmann war Bauredakteur der "Berliner Zeitung". Er schickte ihn zu Resch. Der Kreis schloß sich. Hans Wolfs Sohn heißt Peter. Das "Häufchen Unglück" auf Reschs Couch scheint der stille Held dieser Geschichte zu sein. Er hat aber eine leise, eindringliche Stimme. Nennstiel sei ein Leuteschinder gewesen, sagen seine Erfurter "Informanten", erzählt Wolf. Ein rücksichtsloser Karrierist. Neulich, bei einem Vortrag, habe wieder jemand nach Nennstiel gefragt. Es werde nicht vergessen, was er damals getan habe. Man solle aufpassen, es sei nicht ungefährlich, sich auf Nennstiels Spuren zu begeben. Es gebe Verbindungen nach Russland. Mehr wolle er hier nicht sagen. Wolf kann gar nicht aufhören. Vielleicht hat er Skrupel, vielleicht ist er immer noch voller Rachelust. Er ist schwer bestraft worden. "Ich halte diese Ungerechtigkeit nicht mehr aus", hatte Peter Wolf gesagt, als er in Reschs Zimmer saß. Es gab eine offene Rechnung. Die Erde tat sich unter Nennstiel auf, ein schwarzes Loch. Es war Ende Oktober 1989, und er fiel hinein. Es ist dunkel in dem Haus, die Fenster geben nicht genug Licht für das große Wohnzimmer. Es sind eben nur Plattenbaufenster. Das Haus steht auf einem schmalen Grundstück, wenn der Nachbar die Heckenschere anwirft, ist eine Unterhaltung im "zweistöckigen Wintergarten" nicht mehr möglich. Bis 1995 stand der Rohbau leer, das Grundstück wurde von den Nachbarn als Müllkippe benutzt. Es blieb das Nennstiel-Haus. Verwunschen irgendwie, mit einem moralischen Fluch belegt. Die neuen Besitzer wollen erst nicht reden, weil sie keiner kinderreichen Familie vorstehen. Sie haben Fotos gemacht, bevor sie einzogen. Wer sie anschaut, sieht, dass die Nennstiel-Villa ein Produkt der Fantasie des Volkes war. Ein Wunschtraum. Die neuen Besitzer haben die Fenster ausgetauscht, die leider kein BRD-Import waren, die Gasheizanlage ersetzt und die hässlichen Fliesen aus den Bädern geschlagen. Es sieht jetzt besser aus, aber das Haus wird für immer eingesperrt sein in die Möglichkeiten des Wohnungsbaukombinates Erfurt von 1989. Das war es nicht wert.Resch gründete eine PR-Agentur, die in diesem Jahr fünf Millionen Mark Umsatz macht, Nennstiels Pressereferent Schuemke arbeitet jetzt für Resch, Nennstiels Bürochefin hat als eine der wenigen bei der IG Metall überlebt, Peter Wolf leitet den Bereich politische Bildung bei der deutschen Gesellschaft e.V., Aurich arbeitet in einem Projektierungsbüro, die anderen sind tot oder Rentner. Kurz bevor sich die Geschichte schließt, steht ein kleiner Mann in der Tür, der von den Dokumentarinnen des Berliner Verlages erfuhr, dass der Fall Nennstiel noch mal beschrieben werden soll. Er war, "damit Sie es gleich wissen, Mitarbeiter der Auslandsaufklärung der DDR, spezialisiert auf den arabischen Raum". Der Mann ist knapp Sechzig, hat in Moskau Außenpolitik studiert und dann zehn Jahre lang in den DDR-Botschaften in Damaskus und Bagdad gearbeitet. Er spricht fließend Russisch und Englisch, weswegen ihn Nennstiel einstellte. "Nennstiel hatte zunächst die Firma Eutorg gegründet, er hat sehr viel verdient. Er hat Häuser in Deutschland und Portugal gekauft. Er hat immer Wert auf Etikette gelegt. Autos vor allem. ,Du musst ein großes Auto fahren , hat er gesagt. Ich habe in seiner Firma WWB Business mitgearbeitet. Da liefen die Geschäfte zunächst gut, dann nicht mehr so gut. Die Partner in Polen und in der Ukraine haben uns manchmal hängen lassen. Zum Schluss lief es wirklich sehr schlecht. Die Firma war am Ende, ich hatte neun Monate kein Gehalt bekommen, ich hab zu Nennstiel gesagt: ,Mensch Gerhard, zahl mir mein Geld und entlass mich endlich. Das haben wir ausgemacht. Nur dass er mir kein Geld zahlte. Es sind 17 000 Mark. Denen renne ich seit zweieinhalb Jahren hinterher. Er zahlt einfach nicht. Als ich ihm sagte, dass ich mich an die Öffentlichkeit wende, sagte er: ,Du arbeitest schon wieder nach Stasi-Methoden. Nennstiel glaubt, dass er mich in der Hand hat, weil ich bei der Auslandsaufklärung arbeitete." Eine Stunde lang erzählt der Mann wilde Geschichten eines skrupellosen Geschäftemachers.Diesmal schlägt Nennstiel die Lobby des Forum-Hotels vor. Er trägt einen Trenchcoat überm Anzug und sieht gut aus. Er erzählt vom Sägewerk und den unflexiblen deutschen Banken, von seinen picobello geführten FDGB-Ferienheimen und von Amerika, dem gelobten Land. Als der Name seines ehemaligen Mitarbeiters fällt, zuckt es kurz in Nennstiels Gesicht. Dann sagt er: "Wissen Sie auch, was der Typ zu DDR-Zeiten gemacht hat?" Und lacht zufrieden.Im Herbst 1989 bestand für viele die einmalige Chance, ihre ganz persönlichen Rechnungen im Rahmen einer sanften Revolution zu begleichen. Der Denunziant wurde zum Helden, die kleine Rache bekam gesellschaftliche Bedeutung.TRIBÜNE/ANDREAS SIMON, ANZENBERGERDieses Haus ließ sich ein hoher Gewerkschaftsfunktionär 1989 in Berlin bauen. Legal. Die Medien machten daraus den ersten Korruptionsfall der Wendezeit.Gerhard Nennstiel im Herbst 1999 auf dem Alexanderplatz. "Ich denke, ich war ein Bauernopfer. " "Nennstiel ist tot", sagt die Frau, die heute im Haus am Ketschendorfer Weg lebt. "Der hat sich doch umgebracht. "BERLINER ZEITUNG/WULF OLM