Jahrelang war die Kneipe ein Refugium für Kommunikationsmuffel, ein Ort, um alleine guten Wein zu trinken, ins Glas zu stieren, zu lesen. Es gab ein volles Bücherregal, dezente Jazzmusik und nach Mitternacht Klassik. Bis auf ein paar verschrobene Tresenhänger war es hier meistens menschenleer. Seiner eigenen gepflegten Ungeselligkeit entsprechend hatte der akademisch überqualifizierte Wirt seine Bar "Dr. Stockmann" benannt, nach einer Figur aus Ibsens "Menschenfeind".Dr. Stockmann wohnt hier nicht mehr. Seit fünf Monaten heißt die Wirtschaft "Herr Rossi" und der Laden brummt.Aus der Kneipe wurde ein Restaurant, das von den Kiezanwohnern so gut besucht wird, dass Reservierungen schon bald angebracht sind. Die rustikalen Holztische mit den nicht zusammen passenden Stühlen sind die gleichen, auch die unterschiedlichen Wandlämpchen mit dem warmen Licht sind die alten, aber der melancholische Geist heroischer Einzeltrinker ist vom herzhaften Duft mediterraner Kräuter wie weggeblasen.Als wäre das der Platz seiner glückhaften Bestimmung, steht ein Mann in blauer Schürze und Schiebermütze neben einer edelstählernen Schneidemaschine und raspelt gutmütig versonnen Parmaschinken, Salami und würzigen Käse in hauchdünne Scheibchen.Wie von selbst scheinen sich diese Köstlichkeiten um gegrillte scharfe Mini-Peperoni, Silberzwiebelchen und getrocknete Tomaten auf ein Hackbrett zu drapieren. Zusammen mit auf der Zunge zerlaufenden Ziegenkäsedreiecken und einem sensationell büffelig-frischen Mozzarella gibt's das Ganze als "Antipastibrett" für 8,50 Euro.Mit einem Glas offenen Brunello die Montalcino (0,5 l für 9 Euro) und dem dazugereichten lauwarmen, meergesalzenen Fladenbrot macht das schon ein rundum beglückendes Mahl. Aber natürlich nicht für den investigativen Restauranttester.Die täglich wechselnde Speisekarte offeriert übersichtliche drei Vorspeisen, drei Nudelgerichte und zwei Hauptgerichte. Weil's draußen schon so herbstlich kühl ist, wählen wir zum "Brett" noch gebratene Entenleber auf Linsenragout (7,50). Auch das - schlicht ein Gedicht. Alles kusszart, ohne dass die Erinnerung an die jeweilige Bissstruktur weggekocht wäre, die Linsen in einer Ahnung von Balsamico abgeschmeckt.Für die Genuss-Zigarette dazwischen ist draußen mit Kuscheldecken (statt Glühpilz) gesorgt.So wenig die auf einer Schiefertafel handgeschriebene Speisekarte mit aufgemotzten Ausschmückungen und selbstverständlichen Frische-Attributen protzt, so schnörkellos "ehrlich" wie bei Mamma ist, was auf die Teller kommt. Rigatoni mit Steinpilzen und Tomaten (9,50 Euro) - das sind die italienischsten Nudeln mit den waldigsten Steinpilzen und den römischsten Tomaten, die man nördlich der Alpen bekommen kann.Nichts ist überflüssiges Dekor, alles ist essbar. Und alles ist bis ins Detail und die kleinste Zutat von handverlesener Qualität. Umbrische (oder doch abruzzische?) Delikatesse ist selbst der Speckstreifen um die handvoll Prinzessbohnen, die wie nebenbei das Kalbskotelett mit natürlich frischen Pfifferlingen zu köstlich nach erdigem Grün schmeckendem Mangoldgratin (19 Euro) bereichern.Nachtisch passt danach wirklich keiner mehr rein, aber der Mousse au Chocolat, die der Schiebermützenmann hinterm Tresen aus einer großen Küchenschüssel schöpft, nonchalant mit einer halbierten Traube garniert, können wir dennoch nicht widerstehen. Über ein paar Tropfen sämiger roter Fruchtsoße auf dem schokoladenverschmierten Löffelchen sinnierend, lobpreist mein Begleiter, der noch niemals zuvor hausfrauliche Anwandlungen erkennen ließ, plötzlich die Unverzichtbarkeit des Selbereinkochens von Marmelade für den echten Feinschmecker .Ob da doch eine Prise des sinnenverzaubernden, magischen Chili in der Mousse war? Oder ist tatsächlich der Geist der italienischen Mamma aus der Küche geweht?------------------------------Herr RossiAdresse: Winsstraße 11Tel.: 53 06 10 77Öffnungszeiten: Montags bis Sonnabends18 bis 24 UhrKreditkarten: keine------------------------------Weitere Restaurantkritiken unter:www.berliner-zeitung.de/restaurants