Es sind noch 50 Minuten bis zur planmäßigen Abfahrt, doch Gerd Wodrich sitzt schon im Cockpit. Auch wenn er die Lok nicht anheizen muss, er braucht die Zeit, um die Computer hochzufahren und die Sicherheitschecks durchzuführen. Wodrich ist an diesem Tag Lokführer im ICE "Basel", der in wenigen Minuten das Betriebswerk verlassen wird. Doch er ist kein gewöhnlicher Lokführer. Wodrich darf ausschließlich die Züge an den Endstationen abholen, um sie zur Wartung nach Rummelsburg hin und wieder zurück zu den Bahnhöfen Gesundbrunnen, Südkreuz oder Ostbahnhof zu fahren.Nur 16 Stunden zuvor traf der ICE "Basel" aus dem 1 000 Kilometer entfernten Ort Interlaken in der Schweiz ein. Es ist einer von rund 80 Zügen, die Tag für Tag in Rummelsburg gewartet werden. "Unsere Arbeit beginnt, wenn alle Reisenden aus dem Zug ausgestiegen sind", sagt Jürgen Kabuß, Chef des ICE-Betriebswerkes. Pro Woche stellen seine 200 Beschäftigten 600 Züge für den Fernverkehr bereit. Das funktioniert nur deshalb, weil in dem Werk rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr in drei Schichten gearbeitet wird.Besonders nachts herrscht hier Hochbetrieb. Zwischen ein und vier Uhr in der Frühe stehen die meisten ICE auf dem Betriebsbahnhof und warten darauf, wieder fit gemacht zu werden. Pro Schicht arbeiten in der 400 Meter langen Halle mit vier Gleisen bis zu 130 Menschen. An einem ICE können die Beschäftigten gleichzeitig auf vier Ebenen den Zug inspizieren - ob in der 1,75 Meter tiefen Arbeitsgrube, an den Radsätzen, im Wageninneren oder am Stromabnehmer auf dem Dach.Schon Stunden zuvor wissen Karbuß und seine Mitarbeiter, was an den einzelnen Zügen zu tun ist. Ein Planungsteam ist ständig damit beschäftigt, die Wartungsarbeiten so exakt wie möglich vorzubereiten und auf dem aktuellen Stand zu halten. "Alle Arbeitsschritte müssen im Voraus genau festgelegt werden, damit nach dem Eintreffen des Zuges alles wie am Schnürchen läuft", erklärt Kabuß. Bis zu einer Stunde vor dem Eintreffen eines ICE können noch Änderungen am Plan vorgenommen werden. Daher funken die Computer der ICE-Züge schon während der Fahrt ans Betriebswerk in Berlin, welche Mängel an Bord herrschen. Auf diese Weise weiß das Planungsteam, welches Material, welche Ersatzteile, welche Werkzeuge an welcher Stelle der Halle später benötigt werden. Denn jeder Zug braucht eine spezielle Art der Betreuung. Von diesen Informationen hängt auch ab, wie viel Personal an dem Zug arbeiten wird. "Daher muss die Teamarbeit genau getaktet sein, damit alle Aufgaben zu schaffen sind", sagt der Chef dieser XXL-Werkstatt.Pro Nacht passiert jeder ICE im Schnitt 20 Arbeitsstationen. So müssen die Fäkalien aus den bis zu 1 000 Litern fassenden Toilettentanks abgepumpt und in die Kanalisation geleitet werden. Anschließend geht es in die Waschanlage. Zum Reinigen eines einzigen Zuges werden rund 25 Kubikmeter Wasser gebraucht. Doch die kniffligste Arbeit wartet auf das Team, das die Radsätze kontrolliert.Seit dem festgestellten Riss an einem Rad eines ICE der neuesten Bauart, einem ICE-3, ist die Deutsche Bahn ganz besonders penibel bei der Wartung. Etwa zwei Stunden dauert die Überprüfung eines einzigen Radsatzes mit Ultraschalltechnik. Für einen kompletten ICE sind ganze 14 Stunden nötig. "Wenn nur der kleinste Verdacht besteht, tauschen wir den Radsatz komplett aus. Für diese anspruchsvolle Arbeit haben wir dauerhaft 30 neue Mitarbeiter eingestellt", sagt Jürgen Karbuß. Und auch die moderne Technik lässt sich die Bahn etwas kosten. Zwei zusätzliche Ultraschallgeräte im Wert von jeweils 500 000 Euro wurden angeschafft."Für diese Entscheidungen gehörte für mich schon eine gehörige Portion Mut dazu", sagt Kabuß. "Denn mehr Personal und teure Maschinen kosten viel Geld. Dass dies nötig war, musste ich meinen Vorgesetzen überzeugend erklären. Aber sonst könnten wir hier im Werk nicht zuverlässig unsere Arbeit machen." Nur mit mehr Beschäftigten und besserer Technik ist die Mehrarbeit zu schaffen, denn die Prüfzyklen wurden drastisch verkürzt. Musste früher ein ICE alle 300 000 Kilometer geprüft werden, so sind es jetzt - je nach Baureihe - Takte von 30 000 bis 60 000 Kilometern.Gerd Wodrich wartet inzwischen im ICE "Basel" auf das Abfahrtssignal. Noch fünf Minuten, dann muss die Freigabe für die Strecke vom Stellwerk da sein. Um 10.10 Uhr setzt sich der Paradezug der Deutschen Bahn langsam in Bewegung und zuckelt mit 60 Stundenkilometern über die Gleise Richtung Ostbahnhof, um dort pünktlich um 10.20 Uhr seine Fahrt zurück nach Interlaken aufzunehmen.------------------------------Von Kilometern und MillionenDie Deutsche Bahn ist der größte Arbeitgeber in der Hauptstadt. Allein in Berlin sind 18 337 Menschen bei dem Unternehmen beschäftigt, davon 831 Auszubildende. In Rummelsburg arbeiten 200 Lehrlinge.Das Gleisnetz der Bahn hat in der Hauptstadt eine Gesamtlänge von 581 Kilometern, was in etwa der Entfernung von Berlin nach Frankfurt am Main entspricht. Darüber hinaus gibt es insgesamt 133 Bahnhöfe. In den vergangenen 20 Jahren investierte die Deutsche Bahn rund zehn Milliarden Euro in Schienennetz und Bahnhöfe der Hauptstadt.Zu den größten Investitionen der vergangenen Jahre zählte die Modernisierung der S-Bahn-Strecken, der Bau des neuen Berliner Hauptbahnhofs sowie die Umgestaltung des Bahnhofs Ostkreuz, die im Jahr 2017 abgeschlossen sein wird. Das ICE-Betriebswerk in Berlin-Rummelsburg ließ die Deutsche Bahn zwischen 1997 und 1998 für rund 157 Millionen Euro errichten. 1999 wurde es für weitere 31 Millionen Euro ausgebaut.------------------------------25 Kubikmeter Wasser sind nötig, um einen ICE in der Waschanlage sauber zu bekommen. Täglich werden 80 Züge gereinigt.Foto: "Wenn Mehrarbeit nicht zu Mängeln bei der Qualität führen soll, geht das nur mit mehr Beschäftigten und besserer Technik. Es braucht Mut, das durchzusetzen." Jürgen KarbußFoto: Der ICE "Basel" beim Ultraschall. Matthias Glor prüft die Radscheiben eines Zugs.INDUSTRIE UND HANDWERKStromlinienförmig ist anders - doch das Vehikel auf Schienen, das am 16. Mai 1881 erstmals von Groß-Lichterfelde zur Haupt-Kadettenanstalt in der heutigen Finckensteinallee fuhr, war die erste elektrische Straßenbahn der Welt. Errichtet und betrieben wurde die Strecke von Siemens & Halske. Auch heute ist Berlin ein innovativer Verkehrsstandort. Der kanadische Bahntechnikkonzern Bombardier Transportation, der unter anderem Doppelstockzüge baut (Foto links), ist Weltmarktführer und hat hier seinen Sitz. Hinzu kommen bedeutende Hersteller wie Siemens Mobility, Stadler, Knorr Bremse und als Großkunden die Deutsche Bahn und die BVG. Damit bildet die Branche, die 50 000 Jobs bietet, eine Ausnahme in der Berliner Industrie. Die erlebte in den Jahren nach der Wende einen Kahlschlag. Nun ist sie dabei, sich zu erholen.