MUMBAI. Lacky hat ihr Baby nicht hergegeben. Im Schneidersitz hockt die junge Frau auf den gefliesten Stufen vor dem Hauseingang und zeigt ein Foto in die Runde: Amit, ihr kleiner Junge mit der Zahnlücke und den großen schwarzen Augen. Ihre Kolleginnen schauen kurz hinter ihren rosa Taschenspiegeln auf und dann schminken sich weiter.Die Micky-Maus-Uhr auf dem Tischchen wackelt mit dem Kopf, zählt die Sekunden. 14.10 Uhr steht auf dem Display. Noch ist es ruhig im Rotlichtviertel von Mumbai. Die Sonne brennt so stark, dass der Asphalt auf der Straße weich wird und Wellen schlägt. Die Wäscher in der Hütte nebenan rühren mit Holzstäben in dampfenden Kesseln. Der Geruch von Waschmittel mischt sich mit dem Duft von Curry und Koriander aus der kleinen Garküche und dem Gestank des Mülls, der im Rinnstein schwimmt. Nur zwei Männer in speckigen alten Anzughosen schlendern suchend durch die Straßen. Die Frauen folgen ihnen mit müden Blicken.Lacky erzählt unterdessen eher beiläufig ihre Lieblingsgeschichte. Die, als ihr damals die Hebamme noch im Krankenhaus Geld bot, um ihren Sohn Amit zu kaufen. Die Frau war nicht die Einzige, die den Jungen haben wollte. "Mein Sohn war so wunderschön, alle waren ganz verliebt in ihn", sagt Lacky. Ein Geschäftsmann zog an einer Ampelkreuzung ein Bündel Geld aus der Tasche und bot 10000 Rupien, umgerechnet 160 Euro. Da hat Lacky ihre Dupatta, das traditionelle Halstuch, über den fröhlichen Knirps auf ihrem Arm geworfen und ist zurück nach Kamathipura gelaufen. "Man kann nicht alles kaufen", sagt sie und schlägt die Augen nieder.Seit zwölf Jahren lebt Lacky als Prostituierte im Rotlichtviertel von Mumbai. 100000 bis 150000 Frauen bieten in der 14-Millionen-Metropole ihren Körper an, rund 20000 von ihnen in den schmalen Gassen im Stadtteil Kamathipura in der Innenstadt. Die Luxusbauten der Banken und Großkonzerne liegen nur wenige Blocks entfernt, auch bis zu der berühmten "Gateway of India" und dem 5-Sterne-Hotel "Taj Mahal" ist es nicht weit. Indiens Wirtschaft boomt. Statt Moped- und Fahrradrikschas dominieren längst schwarz-gelbe Taxen das Straßenbild. Überall wachsen verspiegelte Wolkenkratzer in den Himmel. In den Schaufenstern stehen die neusten Computer, Waschmaschinen und Digitalkameras. Straßenverkäufer handeln mit raubkopierten DVDs und 3D-Spielen für den Gameboy.Kein Minirock, kein PlüschDoch von dem neuen Wohlstand kommt in den Straßen von Kamathipura nur wenig an. Selbst die Informationen vom Wachstum schaffen es nicht bis hierher. Lacky und die meisten ihrer Kolleginnen können nicht lesen - erst recht nicht Englisch, die Sprache der Gebildeten. "Was würde das auch ändern", sagt Lacky. Die Preise, die sie für ihren Körper verlangten, seien kaum gestiegen. "Aber es werden immer mehr Frauen hergebracht." Das Ministerium für die Frauen- und Kinder-Entwicklung schätzt, dass sich die Zahl der Prostituierten in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat. Im ganzen Land sollen 2,8 Millionen Frauen in dem Gewerbe arbeiten.Die Häuser in Kamathipura sind niedrig und heruntergekommen. An den Dachrinnen haben die Wäscher Hunderte Jeans zum Trocknen aufgehängt, um die Hosen später auf dem Second-Hand-Markt weiterzuverkaufen. Davor, immer mit einem oder zwei Metern Abstand, stehen die Prostituierten. Sie tragen keine hohen Stiefel und enge Miniröcke wie die Frauen auf der Reeperbahn in Hamburg oder in Patong in Bangkok. Auf den ersten Blick sieht es hier nicht aus wie auf einem der größten Straßenstriche der Welt. Kein Rotlicht, Plüsch, Tabledance, Schmuddel-Fotos. Lackys Sari ist nur ein bisschen bunter, ihr Make-up stärker und statt dem traditionellen dunkelroten Blindi funkelt schon tagsüber ein Glitzerstein auf ihrer Stirn.Auch die Zuhälter, die über die Straße und die Frauen wachen, tragen keine Goldkettchen. Sie unterscheiden sich nicht von den Freiern, sind ungepflegt, kraulen die verlausten Mischlingshunde und verkaufen nebenbei Zigaretten.Prostitution ist in Indien zwar nicht generell verboten, öffentliche Werbung und Zuhälterei sind aber Straftaten. Die Frauen müssen auf der Hut sein. Wer ohne ersichtlichen Grund an der Straße steht oder sitzt, wird bestraft. Was hingegen hinter verschlossenen Türen in den Bordellen passiert, interessiert die Polizei viel zu wenig.Kaum eine der Frauen ist freiwillig hier. Sie wurden von Nachbarn aus ihren Dörfern verschleppt, mit Aussicht auf einen seriösen Job in die Stadt gelockt, von den eigenen Eltern oder, nachdem sie Witwen wurden, von der Familie des verstorbenen Ehemannes verstoßen und verkauft. Bis heute werden Zehntausende Mädchen als Devadasi den Göttern im Tempel als Dienerin geopfert. Ein jahrhundertealtes Ritual, das vornehmlich im Süden Indiens in den unteren Kasten praktiziert wird. Indem sie das Liebste opfern, was sie haben, erhoffen sich die Familien Glück und Reichtum - die Priester verkaufen die Devadasi für ein paar Rupien weiter.Lacky wurde mit 16 verheiratet, ihr Mann war Alkoholiker und gewalttätig. Als eine Nachbarin ihr einen Job als Schneiderin versprach, ergriff sie ihre Chance und stieg in den Zug nach Mumbai. Über das, was dann geschah, spricht sie nicht. "Ich habe meine Augen und mein Herz geschlossen, und es ist dunkel geworden. Erst seit Amit auf der Welt ist, habe ich wieder angefangen zu sehen", sagt sie. Und als ihre Kollegin Zarina beginnt, ihre Geschichte zu erzählen, klettert sie ins Haus - außer Hörweite.Zarina ist 23 Jahre alt. Unter der grellen Schminke versteckt sie ihr kindlich rundes Gesicht, ihre Lippen sind schwarz umrandet. Während sie spricht, fixiert sie die Micky-Maus-Uhr, die unbeirrt fröhlich weiterwackelt. Zarinas Haut ist heller als die von Lacky, "Ich komme aus dem Norden, die Männer mögen meine Blässe", sagt sie lächelnd.Mit elf Jahren wurde Zarina von einer Nachbarin verschleppt. Als sie in Mumbai ankam - eine Stadt, von der sie bis heute nicht genau weiß, wo sie liegt - sperrte der Zuhälter sie in ein winziges Zimmer. Er gab ihr duftende Seife, einen neuen gold-bestickten Sari und Schminke. Wenn sie gehorsam war und sich schön herrichtete, gab es als Belohnung Essen und Süßigkeiten. Nach vier Monaten kletterte ein fremder Mann zu ihr in den Verschlag. "Eine Jungfrau ist wie ein goldenes Ei", sagt Zarina. "Es ist wertvoll, aber wenn es einmal aufgeschlagen ist, gibt es kein Zurück mehr." Für die erste Nacht mit einem hübschen Mädchen bezahlen Freier bis zu 10000 Rupien (167 Euro) - ohne Kondom. HIV-positive Kunden erhoffen sich Heilung vom Sex mit einer Jungfrau.Erst wenn jeder Widerstand gebrochen ist, dürfen die Frauen die Bordelle verlassen und gehen auf der Straße anschaffen. Rund 100 Rupien (1,60 Euro) zahlen ihnen die Freier für ihre Dienste. Frauen, die nach einigen Jahren in die vermeintliche Selbstständigkeit entlassen werden, müssen jeden Tag 220 Rupien für die Unterkunft aufbringen. Ohne Zuhälter sind sie schutzlos den Freiern ausgeliefert. "Man muss immer mit allem rechnen", sagt Zarina. Ein Mädchen, das ein paar Häuser weiter lebte, hatte sich gegen die perversen Forderungen eines Kunden gewehrt. Der drehte durch, biss hundertfach in ihren Körper, sodass sie ins Krankenhaus musste. "Sie hat keine Anzeige erstattet. Was hätte sie den Polizisten sagen sollen? Den Ärzten hat sie gesagt, ein Hund habe sie so zugerichtet", erzählt Zarina.Lacky sitzt im Schneidersitz vor ihrer Unterkunft. Ihre Box ist eine von acht, sie liegt am Ende des dunklen Ganges. Der Boden ist nass, eine Flüssigkeit tröpfelt aus dem Klo auf dem Treppenabsatz, das gleichzeitig als Dusche für die zehn Frauen und die vier Kinder dient, die hier wohnen. Lacky öffnet das Vorhängeschloss, drückt die Holzklappe zur Seite und klettert barfuß in ihr Zimmer. Der fensterlose Verschlag ist 1,20 Meter hoch und gerade mal so groß, dass die schmale Matratze darin Platz hat. Es ist heiß. Lacky schiebt die Wäsche, die auf einer Leine hängt, zur Seite. Ihre wenigen Habseligkeiten sind sorgfältig geordnet. Neben dem Koffer auf dem Regal steht eine bunte Plastikfigur. "Das ist Vishnu, der Welterhalter", erklärt Lacky. "Er behütet die Götter und die Menschen und bekämpft das Böse."Der Raum ist Schlafzimmer, Kinderzimmer für Amit, Rückzugsort und auch Arbeitsplatz. In einem goldfarbenen Rahmen an der Wand hängen zwei weitere Bilder: Amit und Lacky winkend im Sonnenuntergang. Aufgenommen vor einer Kunsttapete beim Fotografen.Bis vor einem Jahr hat Lacky zusammen mit ihrem Sohn in dem winzigen Verschlag im Bordell gelebt. Wenn Kunden kamen, haben sich die anderen Frauen um Amit gekümmert. Doch dann hörte Lacky von "Navjeevan", einem Projekt, das sich gezielt um die Kinder von Prostituierten kümmert und ihnen ein neues Zuhause und die Möglichkeit einer Schulbildung gibt. Die Mütter dürfen sie jederzeit besuchen - das war Lacky wichtig.Lernen, ein Kind zu seinJetzt wohnt Amit in einem fünfstöckigen ehemaligen Schulgebäude am Rande des Rotlichtviertels. Der Mittagsschlaf ist vorbei. 160 Jungen und Mädchen toben durch die Gänge. Ein paar Steine dienen als Murmeln, ein alter Topf als Trommel. "Wenn sie zu uns kommen, müssen viele Kinder erst einmal lernen, Kind zu sein", erklärt die Sozialarbeiterin Aditiy Pandey. "Es gibt Kinder, die sind acht Jahre alt und haben noch nie ein Stück Kreide in der Hand gehabt um zu malen. Sie trauen sich nicht, zu lachen und mal Lärm zu machen.""Am besten, die Kinder kehren nie wieder zurück in die Bordelle", sagt Aditiy Pandey, "auch nicht zu Besuch." Denn dann liefen sie Gefahr, dass die Zuhälter auf sie aufmerksam würden. "Mit etwa neun Jahren werden sie als Verkaufsobjekt interessant." Die Zahl der Pädophilen in Kamathipura nimmt zu.Davor fürchtet sich Lacky am meisten. "Ich kann Amit ja nicht sein Leben lang unter meiner Dupatta verstecken, damit niemand sieht, wie hübsch er ist." Um ihren Jungen vor Übergriffen zu schützen, spart Lacky Geld. Sie will mit Hilfe eines Mikrokredits von "Navjeevan" eine Nähmaschine kaufen und sich selbstständig machen. Auf dem Land, weit weg von Mumbai, dort, wo ein Lächeln nicht käuflich ist.------------------------------"Ich habe meine Augen und mein Herz geschlossen, und es ist dunkel geworden." LackyFoto: Zarina (23) mit den Kindern einer befreundeten Prostituierten. Zarina war elf, als sie nach Mumbai kam. Heute verdient sie 1,60 Euro pro Freier.