Zu allen Zeiten haben Herrscher versucht, der Nachwelt von ihren Taten, ihrer Macht und ihrem Reichtum zu berichten. Sie ließen Tempel und Paläste bauen. Sie gaben Fresken in Auftrag, die sie auf dem Kriegszug und bei der siegreichen Heimkehr zeigten, bei der Jagd und bei Festen. Zu allen Zeiten auch wurde nach dieser Geschichte und deren Zeugnissen gesucht. Von den einen, um die Kunstwerke und andere wertvollen Hinterlassenschaften zu rauben. Von den anderen, um herauszufinden, wie unsere Vorfahren lebten, was sie dachten, wie sie bauten, was ihnen wichtig war - und damit Antworten zu erhalten auf die Frage, woher wir kommen, wer wir sind.Im Irak werden derzeit ganze Kapitel der Menschheitsgeschichte ausgelöscht. Dort kämpfen nicht nur Aufständische und Besatzer gegeneinander, sterben und leiden Menschen. Nacht für Nacht, Tag für Tag sind dort auch tausende Raubgräber am Werk: Sie wühlen und graben nach Tontafeln und Rollsiegeln, Statuen und Juwelen, Keilschrifttafeln und Terrakotten. Sie plündern berühmte antike Metropolen und bislang unerforschte Orte. Sie verwandeln die Ebenen des Iraks bei ihrer Suche nach diesen besonderen Bodenschätzen in Mondlandschaften - vernichten dabei Ruinen und Kunstwerke aus vorislamischer und islamischer Zeit.Zwischen Babylon und der Stadt Al Hilla, einige Kilometer abseits der Hauptstraße gen Basra, erheben sich mehrere kleine Hügel. Bei einem Besuch im Frühjahr 2004 sind etwa drei Dutzend Männer über das Areal verteilt. Einige sind in Bodenlöchern fast verschwunden. Nur das Schaben ihrer Schaufeln, das Tak-Tak ihrer Hacken macht auf sie aufmerksam. Andere ziehen Bastmattenkörbe und Eimer aus der Tiefe herauf. Kinder filtern den Sand durch Siebe. Die Erde ist mit Scherben übersät. Krater grenzt an Krater. An einigen Stellen stecken Mauerreste im Erdreich wie Knochen. Dem Wind und Regen ausgesetzt, zerfallen sie zu Staub. Langsam nähern sich drei bewaffnete Männer. Der Motor eines Jeeps jault auf, den ein Fahrer in Richtung der ungebetenen Zuschauer lenkt.Schon damals war ein Besuch solcher Plätze riskant. Seither aber hat sich die Sicherheitslage in vielen Teilen des Iraks dramatisch verschärft. Die meisten ausländischen Zivilisten haben das Land längst verlassen. Erkundungsfahrten zu den archäologischen Stätten kommen Selbstmordaktionen gleich.Die libanesische Archäologin und Journalistin Joanne Farkah war eine der wenigen Ausländer, die es noch Ende des letzten Jahres wagten, durch den Südirak zu reisen. "Das Schlimmste für mich war es zu sehen, wie hunderte Leute auf dem Gelände der sumerischen Stadt Umma schaufelten. Dort haben noch nie Grabungen stattgefunden", berichtet sie. "Während ich zwischen den Löchern herumwanderte, trat ich überall auf Keramikscherben. Das waren Stücke zerstörter Vasen und Schalen, zerbrochene Lehmziegel von Gebäuden und Fundamenten", sagt sie. "Ich habe fast eine halbe Stunde gebraucht, um zu begreifen, dass da eine Zivilisation zu Grabe getragen wird."Am 20. März 2003 hatte der Krieg der amerikanischen Truppen und ihrer Alliierten gegen Irak begonnen. Die Kampfhandlungen waren noch in vollem Gange, als einige Raubgräber schon ihre Spaten ansetzten. Nach Kriegsende wuchs diese Schar an zu einem Heer: Dorfbewohner laufen Kilometer weit zu wissenschaftlich schon erkundeten oder bislang unberührten Ausgrabungsstätten. Männer, die einst im Auftrag ausländischer Archäologenteams die Stätten bewachten, werden zu Dieben. Arme Familien, denen seit dem Sturz Saddam Husseins jegliches Einkommen fehlt, schicken ihre Kinder auf Schatzsuche aus. Organisierte Banden arbeiten im Auftrag einer internationalen Antiquitätenmafia.Der Diebstahl einer Tontafel oder einer Statue ist nicht der schlimmste Aspekt dieser Katastrophe, die im Irak passiert. Professionelle Archäologen suchen in Ausgrabungsstätten mit Pinsel und Skalpell. Mauern und Fundamente, die Lage von Objekten, deren Beschaffenheit und Kontext zu anderen Artefakten werden akribisch dokumentiert und fotografiert. Denn nur dann erzählen Fundstücke und Mauerreste ihre Geschichte: Wer dort vor vielleicht mehr als 5 000 Jahren lebte, von welchen Göttern er sich Segen erflehte, welche Geräte er benutzte, was ihm so wichtig war, um es auf Tontafeln zu notieren."Einige Plünderer sind sich vielleicht nicht einmal bewusst, welche Folgen ihr Tun hat", räumt Joanne Farkah ein. "Es erscheint ihnen legitim, weil das Gelände doch in der Nähe ihrer Häuser liegt. Sie stehen morgens auf, gehen quasi in ihren Vorgarten und was sie dort finden, denken sie, gehört ihnen." Die Händler würden alles nehmen, was in einem guten Zustand sei - und die Iraker könnten dann Brot, Medizin, Kleidung kaufen, sagt sie. "Dabei wäre es so einfach. Wenn die irakische Regierung oder die Besatzungssoldaten ihnen abkaufen würden, was sie an Getreide oder Fleisch produzieren, dann hätten sie das nötige Geld." Aber die US-Truppen flögen ihre Nahrungsmittel ein, die Regierung kümmere sich nicht, die Wirtschaft sei zusammengebrochen. "Es lässt sich gar nicht ermessen, welchen Verlust die Iraker und die ganze Welt langfristig durch diese Zerstörung antiker Stätten erleiden."Mesopotamien, das Land zwischen zwei Strömen, gilt als eine Wiege der Zivilisation. Dort soll das Paradies gelegen haben. Nur hier könnten die Ursprünge unserer Kultur erforscht werden, so der Archäologe Michael Müller-Karpe schon Ende 2003 nach einem Irak-Besuch. "Was es hier zu schützen gilt, ist ein einzigartiges Fenster, durch das wir in die Welt dieser Menschen zu blicken vermögen. . Und jetzt?" fragte er und konstatierte: "Vollständige Vernichtung."Aber nicht nur die Raubgräber tragen zur Auslöschung der Geschichte bei. Unmittelbar nach dem Sturz des Saddam-Hussein-Regimes hatten US-Truppen auf dem Gelände von Babylon einen Militärstützpunkt errichtet. Diese Basis wurde inzwischen aufgelöst, aber ein Bericht des Britischen Museums in London listet irreparable Schäden auf: Flächen für Hubschrauber-Landeplätze wurden planiert. Alles, was in diesem Boden ruhte, ist zu Staub zermahlen. Die Luftwirbel beim Starten und Landen der Helikopter haben wie Sandstrahlgebläse auf die antiken Ruinen gewirkt. Gräben wurden durch das Gelände geschratet - und damit durch antike Fundamente und Mauern. Neun der geflügelten Drachenreliefs an den Lehmmauern sind beschädigt worden, weil Soldaten Teile davon als Souvenirs mitnehmen wollten. Die hohen Tempelruinen in Kish dienen den Amerikanern als Beobachtungsposten zur Kontrolle der nahe gelegenen Autobahn und werden von irakischen Aufständischen sowie ausländischen Terroristen ständig attackiert. Wie in Babylon und Kish werden im ganzen Land Stätten und Gebäude aus vorislamischer wie islamischer Zeit bei den Kämpfen beschädigt oder zerstört.Ignoranz und Not, Gesetzlosigkeit, Gier und eine immense internationale Nachfrage nach Antiken aus Mesopotamien begünstigen den Vernichtungsfeldzug der Plünderer. An Fundobjekten mangelt es den Räubern nicht. Etwa 10 000 Plätze sind als archäologisch wertvolle Stätten bekannt und aufgelistet. Nur zehn Prozent davon sind bisher erforscht. Unter jedem Hügel in der flachen Landschaft des Iraks werden die Reste antiker Städte vermutet.Vor über 6 000 Jahren hatten sich die Sumerer zwischen Euphrat und Tigris angesiedelt und hier den Schlüssel zur Entwicklung einer Hochkultur gefunden: die kontrollierte Nutzung der Flüsse durch Schleusen, Kanäle und Schöpfräder, durch Be- und Entwässerung. Das ermöglichte ihnen Ackerbau in einer Gegend, die acht Monate im Jahr unter Dürre und Hitze stöhnt. Üppige Ernten erlaubten Arbeitsteilung, die Herausbildung von Eliten und Armeen.Städte entstanden, Stadtstaaten und Großreiche. Deren Bewohner erfanden und entwickelten die Schrift, das Rad und das Bier und auch das auf der Zahl 60 basierende Arithmetiksystem. Sie schufen beeindruckende Kunstwerke aus Stein und Ton, aus Gold und Silber. Aus Lehm errichteten sie himmelan ragende Tempelbauten für ihre Götter und Paläste für ihre Könige.Ob Sumer, Assyrien oder Babylon - diese Namen sind den Menschen heute vertraut. Das Wissen um einige dieser Hochkulturen überdauerte im Alten Testament, in den Überlieferungen der Beduinen und in historischen Reiseberichten. Erste Expeditionen auf der Suche nach diesen untergegangenen Kulturen fanden bereits im 12. Jahrhundert statt. Aber erst ab dem 19. Jahrhundert begannen Diplomaten, Abenteurer und Archäologen mit der systematischen Erkundung. Was sie im 19. und 20. Jahrhundert in Nippur oder Niniveh, in Ur oder Uruk fanden, versetzte die Welt in Staunen: Grandiose Palastanlagen und Tempel, riesige Skulpturen von Löwen mit Menschenköpfen, Reliefs mit Schlachtenszenen, Bibliotheken mit tausenden Keilschrifttafeln, reich ausgestattete Grabanlagen.Viele Funde haben schon damals - illegal oder legal - das Land verlassen und gehören heute zu den Prunkstücken der Museen in London, Paris, Chicago oder Berlin.Mit der britischen Herrschaft über Irak und dem Erlass eines neuen Ausgrabungsgesetzes zog Ordnung ein: Grabungslizenzen wurden nur noch an professionelle Teams vergeben. Ab 1930 trat ein striktes Ausfuhrverbot für alle antiken Objekte in Kraft. 1970 schließlich, zwei Jahre nach der Machtergreifung durch Saddam Hussein, wurden im Irak sogar der Privatbesitz und der Handel mit ausgegrabenen Objekten verboten. Raubgräber mussten mit der Todesstrafe rechnen. Wächter und eine Spezialeinheit der Polizei schützten die Stätten.Erst nach dem Überfall Iraks auf Kuweit 1990 und infolge des internationalen Embargos änderte sich vieles: Die Bevölkerung verarmte und suchte nach Einkommensquellen. Die Überwachung des riesigen Gebietes aus der Luft war wegen des Flugverbots nicht mehr möglich. Die Polizisten wurden bestechlich. Gerüchte kursierten, dass Mitglieder der Saddam-Familie Antiquitätenschmuggel in großem Stil organisierten. Angeblich sollten sie sogar Teile des Goldschatzes aus den Königinnengräbern von Nimrud verhökert haben. Die Preziosen waren erst 1988 von irakischen Archäologen gefunden worden.Doch dieser Schatz lagerte im Tresor der Zentralbank, wo er nach dem Sturz des Regimes unversehrt aufgefunden und wenig später von der amerikanischen Besatzungsbehörde stolz präsentiert wurde.Das blieb jedoch die einzige Erfolgsmeldung der Amerikaner im Irak auf dem Gebiet des Schutzes unersetzlicher Kulturgüter der Menschheit. Der Krieg der USA fegte erst das Saddam-Hussein-Regime hinweg, dann die Ordnung, dann alle Hemmungen. In den letzten Kriegstagen brannten überall Bibliotheken und Handschriftenarchive. Neun der 13 Regionalmuseen wurden ausgeraubt. Als die US-Soldaten Bagdad besetzten und vor dem Ölministerium aufmarschierten, eroberten Plünderer das Irakische Nationalmuseum. Sie brachen Türen auf, zertrümmerten Glasvitrinen, stahlen ihren kostbaren Inhalt, raubten die Köpfe großer Steinfiguren und zerstörten, was sich nicht mitnehmen ließ.Die meisten der geraubten Kunstschätze aus den Ausstellungssälen kamen mehr oder weniger beschädigt zurück. Einige der wertvollsten Stücke aber sind noch nicht wieder aufgetaucht, tausende Objekte aus der einzigartigen Rollsiegel-Sammlung, aus den Magazinen werden vermisst. Sie gelten als unwiederbringlich verloren.Noch im April letzten Jahres war Donny George optimistisch gestimmt. Der Direktor des Museums berichtete, die Ausstellungssäle und Verwaltungsgebäude seien zu großen Teilen aufgeräumt und renoviert. Gerade seien neue Archivschränke aus Deutschland angekommen. "Die USA schickten Sicherheitsanlagen. Italienische Institute stellten Laborausrüstungen zur Verfügung und italienische Spezialisten helfen, Objekte zu restaurieren. Frankreich, Japan, Großbritannien und andere Staaten vergeben Stipendien, um Mitarbeiter auszubilden", sagte Donny George. "In einem halben Jahr können wir das Museum wieder eröffnen."Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Im Sommer 2004 eskalierten die Auseinandersetzungen zwischen Besatzern und Aufständischen. Geiselnahmen und Selbstmordattentate häuften sich. Die italienischen Restauratoren zogen ab, die internationalen Delegationen blieben aus. Statt über eine Wiedereröffnung des Museums mussten die Mitarbeiter über neue Sicherheitsmaßnahmen nachdenken. Das Gelände wurde noch stärker verbarrikadiert, Türen wurden wieder zugemauert, Scheinwände zur Irreführung von Plünderern errichtet. Man habe Angst, dass Banditen vorfahren, sich mit Dynamit und Maschinengewehren den Weg bahnen und die Schatzkammer restlos plündern, sagte Donny George Anfang des Jahres auf einem Kongress in den USA. Es gebe immer wieder Hinweise auf solche Pläne.Die deutsche Archäologin Susanne Osthoff ist eine engagierte und unerschrockene Frau. Seit dem Krieg war sie mehrfach im Irak, zuletzt im Mai diesen Jahres. Sie bringt Hilfsgüter nach Irak und kümmert sich um eine alte Karawanserei in Mosul: um sie vor dem Verfall zu retten und um Arbeitsplätze zu schaffen. Sie hat irakische Freunde und sagt, dass man lerne, mit der Angst zu leben. Womit sie sich allerdings nicht abfinden kann, ist die Verheerung der Ausgrabungsstätten.Die irakische Regierung und die US-Besatzungsmacht könnten mit Patrouillen zu Lande und aus der Luft die Plünderungen verhindern, sagt Susanne Osthoff. Das Argument, dass diese derzeit andere Sorgen und dringlichere Aufgaben hätten, lässt sie nicht gelten: "Bewaffnete sichern die Trucks mit den Waren auf ihrem Weg von der Grenze. Wenn man durch die Einkaufsstraßen von Bagdad geht, sieht man vor jedem Geschäft private Sicherheitskräfte stehen. Um diesen Konsummüll zu bewachen, sind genügend Leute und Geld vorhanden. Aber die archäologischen Stätten im Irak gehen vor die Hunde."Italienische Karabinieri haben ein paar Monate lang archäologische Stätten auf dem Land und aus der Luft überwacht. Auf Drängen von Archäologen in aller Welt wurde auch eine irakische Antiken-Polizei gegründet. Doch gegen ihre Gegner können sie wenig ausrichten: Es sind viel zu wenig, sie kennen die Einsatzorte nicht, sie trauen sich nicht in abgelegene Gebiete - aus Angst vor Terroristen und den Stämmen, zu denen die Plünderer gehören.So schaufeln, hacken und suchen die Räuber ungehindert und emsig weiter. Jeder Fund aber hat nur den Wert, den ein Käufer ihm beimisst - wenn es also eine Nachfrage durch zahlungskräftige Kunden gibt. Das ist nach Ansicht von Archäologen das eigentliche Problem. Raubgrabungen würden eingedämmt, meinen sie, wenn niemand die Funde abnehmen würde. Doch trotz einer grandiosen Kampagne der internationalen Archäologengemeinde, strengerer Gesetze und internationaler Ächtung - die Nachfrage steigt.Nach dem Sturz des Saddam-Hussein-Regimes wurden Ausländer von Jugendliche auf dem Markt, vom Hotelpersonal oder von Taxifahrern direkt gefragt, ob sie schöne, alte Dinge kaufen wollten. Besitzer von Antiquitätengeschäften hatten vorn den Trödel liegen - und breiteten im Hinterzimmer ihre Schätze aus. Selbst Museumskataloge wurden gezeigt mit dem Hinweis: "Wählen Sie sich etwas aus. Wir können es beschaffen."Mittlerweile sind außer den abgeschirmten Soldaten kaum noch Ausländer da. Zwar werden hin und wieder einige Rollsiegel oder Keilschrifttafeln in Hosentaschen oder dem Gepäck von US-Soldaten und auch Journalisten gefunden und konfisziert. Die meisten Stücke aber werden in Lkw-Lieferungen oder mit Jeeps nach Irakisch-Kurdistan geschmuggelt, über die unbewachten Grenzabschnitte in die Nachbarländer Jordanien, Saudi-Arabien, Kuweit oder Syrien. Manche dieser Objekte schmücken die Häuser reicher Scheichs am Golf, doch die Hauptmasse wird auf dem Landweg oder per Schiff nach Großbritannien, die USA, Israel, die Schweiz oder Deutschland gebracht - wo Kunsthändler und Auktionatoren keine Skrupel haben, wo gewissenlose Privatleute und Museumskuratoren ihre Sammlungen ergänzen wollen.Es gibt nur Schätzungen darüber, was und wie viel Irak derzeit verlässt. Zoll- und Grenzbeamte spüren wahrscheinlich nur einen Bruchteil auf. Nur selten gelingt ihnen ein solch großer Coup wie israelischen Zollbeamten im August diesen Jahres: Auf dem Ben-Gurion-Flugplatz in Tel Aviv stellten sie "eine gigantische Sendung archäologischer Objekte sicher", bei denen es sich um Stücke aus dem Irakischen Nationalmuseum handeln soll, berichtete die israelische Zeitung Maariv. In den USA sollen mittlerweile rund 1 000 aus Irak stammende Artefakte konfisziert worden sein, in Jordanien rund 2 000, in Frankreich etwa 500, in Italien 300 und in Syrien 300 Objekte.Gemessen an Ausmaß und Dauer der illegalen Grabungen im Irak ist bisher erst wenig öffentlich aufgetaucht. Die Exponate aus dem Bagdader Museum lassen sich nicht auf dem freien Markt verkaufen. Das ist viel zu riskant. Die weniger bekannten Objekte ebenso wie die Funde aus Raubgrabungen aber, so vermutet die englische Archäologin Elizabeth Stone, würden in Lagern gehortet. "Die weltweite Aufmerksamkeit für den Antikenhandel und die Beobachtung des Marktes verhindern bislang große Geschäfte mit gestohlenen Artefakten", sagt die Direktorin des Deutschen Archäologischen Instituts Margarete van Ess, die viele Jahre das deutsche Ausgrabungsteam in Uruk geleitet hat. "Mit dem öffentlichen Verkauf wird gewartet, bis sich das Interesse gelegt hat." Es gebe allerdings schon Plätze, wo eine ganze Menge auftauche. "Im Internet ist bereits mehr drin, als man denkt", sagt Margarete van Ess.Auf der Seite "baghdadmarketplace" zum Beispiel werden Schalen, Statuen und Siegel aus Mesopotamien angeboten, manche davon einige tausend Jahre alt. "Willkommen auf der baghdadmarketplace-Seite," heißt es dort. "Iraks neuster Quelle für handgemachte, schöne Gegenstände aus Nahost. Unser Unternehmen hat Beziehungen zu irakischen Händlern aufgenommen, deren Familien schon seit Generationen im Antiquitätengeschäft sind." Und unverfroren wird gelogen: "Unter Saddam Hussein war der Verkauf von Antiquitäten auf dem freien Markt erlaubt. In dieser Zeit reisten diese Händler durch die Wüste von Irak um von der ländlichen Bevölkerung zu kaufen und zu handeln."Auch in Auktionskatalogen und Ausstellungen tauchen trotz internationaler Ächtung Objekte aus Mesopotamien auf. Vielfach wird die Herkunft verschleiert: Statt Irak werden Syrien oder Iran als Fundorte genannt - deren Gebiete einst zu Mesopotamien gehörten. So ersteigerte ein Bieter im Dezember 2004 im Londoner Auktionshaus Christie's eine Beterstatue: 13 Zentimeter hoch, fast 5 000 Jahre alt, Herkunft angeblich Syrien. Für 95 600 Dollar.Nur mit Drogen- oder Menschenhandel, schrieb eine Zeitung, lasse sich mehr Geld verdienen als auf dem illegalen Kunstmarkt. Das Geschäft mit Antiken ist aber nicht nur fast so einträglich. Es ist auch fast so mörderisch. Im April 2004 sollte ein Angestellter der Antikenverwaltung Geld für den Ankauf gestohlener Objekte nach Basra bringen. Er wurde auf der Rückfahrt überfallen und ermordet. Wenige Monate später, im Oktober 2004, sollten konfiszierte Raubgrabungsfunde aus Südirak nach Bagdad ins Museum gebracht werden: 70 Keilschrifttafel-Fragmente, Münzen und Schmuck. Der Autokonvoi mit seiner kostbaren Fracht wurde zum letzten Mal gesehen, als er die Stadt Nasirija passierte. Wenige Tage später wurden die Leichen der acht Polizisten gefunden, die den Transport begleitet hatten. Die Objekte sind seither verschwunden. Und vor zwei Wochen, am 26. Oktober, wurde Nabeel al Moussawi, der Manager des Nationalmuseums in Bagdad auf dem Weg von seinem Haus zu seinem Arbeitsplatz von Unbekannten erschossen.------------------------------Fotos : In den Ruinen der Assyrer-Stadt Nimrud hat ein irakischer Posten Stellung bezogen: Plünderer scheuen sich nicht, die tonnenschweren Köpfe solch geflügelter Steinfiguren zu stehlen.Dieses altbabylonische Rollsiegel gehört seit Jahrzehnten dem Louvre in Paris. Die schönste Siegel-Sammlung der Welt aber besaß das Museum in Bagdad - bis es 2003 geplündert wurde.Eine Luftaufnahme der historischen Ausgrabungsstätte Umma Al Akrab: Mitunter waren hier 300 Raubgräber am Werk.Diese Elfenbeinschnitzerei wurde aus dem Bagdader Museum geraubt. Sie ist noch nicht wieder aufgetaucht.Kunstwerke wie dieser parthische Goldkranz aus dem 3. Jahrhundert vermitteln eine Ahnung, was Raubgräber im Irak finden können.Der Direktor des Irakischen Nationalmuseums Donny George zeigt ein Tafel und eine Beterstatue, die illegal ausgegraben und dem Musum zum Kauf angeboten wurden.Diese handtellergroße Keilschrifttafel wollte ein Schmuggler aus Irak herausbringen. Sie wurde von jordanischen Zöllnern entdeckt und konfisziert.