Wird sich mit dem Tod von Abu Mussab al-Sarkawi die Situation im Irak grundlegend verändern? Die Wahrscheinlichkeit ist gering, selbst US-Präsident George W. Bush scheint pessimistisch. Tatsächlich hat die aktuelle politische Gewalt im Irak zahlreiche Spielarten. Die Sarkawi-Terroristen, die den Irak als Schlachtfeld im globalen heiligen Krieg gegen den Westen betrachten, sind nur eine der agierenden Gruppierungen.Neben dem von ausländischen Islamisten dominierten El Kaida-Ableger gibt es zum einen den bewaffneten Widerstand irakisch-sunnitischer Aufständischer. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem die "Armee Mohammeds", die "El Haq-Armee" und die "Islamische Armee des Irak". Schätzungen gehen dabei von rund 20 000 Kämpfern aus, die vor allem gegen die US-geführten Besatzungstruppen und die Abdrängung der Sunniten im politischen Prozess kämpfen. Beobachter verweisen darauf, dass sich der irakisch-sunnitische Widerstand in jüngster Zeit verstärkt um Distanz zu den zugereisten Gotteskriegern - schätzungsweise 1 000 bis 2 000 Mann - bemüht hat. Die Blutbäder der Sarkawi-Terroristen unter irakischen Zivilisten werden vielfach abgelehnt, desgleichen die Versuche des El Kaida-Ablegers, sich als politisch-ideologische Führung des Widerstandes darzustellen.Eine dritte Gruppierung bilden die schiitischen Milizen, vor allem die Badr-Brigaden, schätzungsweise 10 000 Mann, und die Mahdi-Armee mit wohl mehreren tausend Kämpfern. Erstere gehören zum regierenden Revolutionsrat Sciri, letztere unterstehen dem radikalen Schiitenprediger Muktada al-Sadr. Zwischen beiden bestehen schwere Spannungen, in der Vergangenheit gab es auch offene Gewalt. Der Revolutionsrat will vor allem eine weitgehende schiitische Autonomie im Süden, seine Badr-Brigaden sind dort in großen Regionen die eigentliche militärische Macht. Sadr dagegen tritt für einen irakischen Einheitsstaat ein und strebt eine enge Kooperation der Mahdi-Armee mit dem sunnitischen Widerstand an - gegen die US-geführten Besatzungstruppen.Irak-Experten betrachten die Konstellation zwischen Schiiten und Sunniten sowie die Spannungen unter den schiitischen Gruppen längst als das weitaus größte Problem des Irak. Daran konnte auch der schrittweise Neuaufbau irakischer Sicherheitskräfte nichts ändern, im Gegenteil. Sowohl in Armee als auch in Polizei gewannen Vertreter der bestehenden schiitischen Milizen entscheidenden Einfluss, im Norden agieren die zwei großen Kurdenparteien ohnehin nahezu unkontrolliert. Immer wieder kam es zu schweren Menschenrechtsverletzungen gegenüber der sunnitischen Bevölkerung, wodurch die Bildung einer sunnitischen Miliz geradezu provoziert wird.Ein neutrale staatliche Autorität, welche sich dieser Entwicklung entgegen stellen könnte, gibt es nicht. Die schiitisch dominierte Regierung von Nuri al-Maliki versucht mit demonstrativen Gefangenenfreilassungen derzeit zwar Spannungen abzubauen. Doch die Ethnisierung der irakischen Politik ist im Gefolge der US-Invasion weit fort geschritten. Möglicherweise ist sie schon nicht mehr umkehrbar.