TEHERAN. Niemand weiß, was mit Mustafa geschehen ist. Keiner hat ihn in den letzten Tagen gesehen. In dem kleinen Raum, der ihm in der Tiefgarage des Hauses im Norden Teherans als Wohnung zur Verfügung stand, sind die dunklen, dichten Vorhänge zugezogen. Der Müll, den Mustafa jeden Abend pünktlich um neun vor den Etagentüren einsammelte und zu dem Container ein Stück die Straße hinunter brachte, steht jetzt direkt neben dem Eingang. Katzen haben die Plastiktüten zerrissen, Milchkartons und leere Yoghurtbecher liegen in den ausgetrockneten Blumenbeeten.Nicht jeder Bewohner der 18 Apartments hat sofort einen Zusammenhang zwischen Mustafas Verschwinden und der zunehmenden Verwahrlosung rund um die Haustür hergestellt. Der Müll war bis vor kurzem einfach von der Etagentür verschwunden, so wie der Strom einfach aus der Steckdose kommt. Niemand will oder muss so genau wissen, wie es funktioniert.Leben im SchattenMustafa war es nur recht, unscheinbar zu bleiben. Zum einen war es nicht seine Natur, in den Vordergrund zu treten, zum anderen war es sein Schutz. Kaum 1,70 Meter groß, besaß er zwar einen muskulösen Körper mit etwas kurz geratenen Beinen, aber er stand nicht im Weg oder fiel irgendwie auf. Er hatte eine leise, weiche Stimme, und wenn er mal lachte, dann erschien eine Reihe kräftiger, makellos weißer Zähne. Aber sein Mund blieb stumm.Still fegte er die Bürgersteige, das Treppenhaus und die Tiefgarage, kümmerte sich um kleinere Reparaturen, schnitt Hecke und Sträucher, verteilte Post und Rechnungen, die der Briefträger jeden Tag auf den unteren Treppenabsatz neben den Eingang legte. Dafür wurden ihm im Monat 200 000 Toman (140 Euro) gezahlt. Dies ist etwa die Hälfte des Betrages, die im Iran als Armutsgrenze veranschlagt wird. Die Nutzung des Raumes in der Tiefgarage war frei.Einmal im Monat sammelte er die Umlage ein, die jede Mietpartei für die allgemeinen Ausgaben wie Strom oder Müllabfuhr zu zahlen hat. Dies war für die meisten Bewohner die einzige Gelegenheit, bei der sie Mustafa persönlich sahen - aber nicht unbedingt wahrnahmen.Man erzählt, Mustafa sei einmal mit der Mieterin im fünften Stock in Streit geraten, eine streng religiöse Frau, die jedes Jahr zum Geburtstag der Ehefrau des Propheten in der Wohnung eine Frauenparty organisiert, bei der religiöse Lieder gesungen werden. Aus unbekannten Gründen zog sie es vor, den Müll aus dem Fenster auf ein leeres Nachbargrundstück zu werfen statt ihn vor die Tür zu stellen. Mustafa bat sie darum, dies einzustellen. Es kam zu einem Gerangel, bei dem Mustafa die Treppe heruntergestoßen wurde und sich den Unterarm brach. Wochenlang trug er einen Gips. Er selbst hat von diesem Vorfall nie gesprochen.Mustafa ist Afghane und stammt aus Kabul. Vor vier Jahren kam er in den Iran, um, so wie viele seiner Landsleute, im reicheren Nachbarland Arbeit zu suchen.Es gibt noch eine andere Version, warum er nach Teheran kam: Er soll in Kabul ein Auge auf ein Mädchen geworfen und seine Mutter gebeten haben, die Hochzeit zu arrangieren. Die Mutter hielt die ausgesuchte Braut aber nicht für passend, und das Mädchen wurde kurze Zeit darauf mit einem anderen verheiratet. Verletzt und voller Zorn verließ Mustafa Kabul und brach jeden Kontakt mit seinen Eltern ab.Wie viele andere kam er ohne gültige Papiere mit Hilfe einer Schlepperorganisation über die Grenze. Geschätzt eine knappe Millionen Afghanen leben legal, eine weitere Million illegal im Iran, viele von ihnen seit dem sowjetischen Einmarsch in ihr Heimatland. Im vergangenen Jahr hat die iranische Regierung damit begonnen, Flüchtlinge ohne gültige Papiere zwangsweise abzuschieben. An belebten Plätzen, Bushaltestellen und Basaren wird kontrolliert, und wer nicht den richtigen Stempel hat, der wird in einen Polizeiwagen gepackt und zur nächsten Sammelstelle transportiert. Die Möglichkeit, Familie oder Freunde zu benachrichtigen, gibt es nicht mehr. Was immer sich der Aufgegriffene zusammengespart hat, seine Wohnungseinrichtung, sein Hab und Gut, bleiben zurück; alles wandert in den Besitz der Polizei. Dies mag der Grund sein, warum gelegentlich Afghanen deportiert werden, die sich durchaus legal im Iran aufhalten.Fast 500 000 wurden nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks in den letzten anderthalb Jahren abgeschoben. Meist sind es alleinstehende Männer. Von ihrem Einkommen hängt oft eine ganze Familie ab. Sie werden von Bussen des Flüchtlingshilfswerk kurz hinter der Grenze abgeladen. Die Regierung in Kabul, von der Rückkehrerwelle überwältigt, bat die iranische Regierung, die Zwangsabschiebungen auszusetzen. Teheran, das sonst gern seine Unterstützung für den afghanischen Wiederaufbau herausstellt, zuckte mit den Schultern und rechnete vor, dass die ungebetenen Gäste, die über mehrere Jahre beherbergt wurden, zu teuer geworden sein.Die Verhaftungen und Abschiebungen sind der wahre Grund, warum Mustafa so unscheinbar wie nur irgend möglich sein wollte. Nicht mehr als der Schatten eines Schattens, oder besser noch unsichtbar. Als die Festnahmen begannen, verließ er nicht mehr das Haus. Die private Erwachsenenschule, in der er Lesen und Schreiben lernen wollte, brach er ab, obwohl er die Gebühren für das ganze Schuljahr schon gezahlt hatte. Zu viele Afghanen an einem Ort. Zu gefährlich. Seine wöchentlichen Besuche bei einem entfernten Verwandten stellte er ein. Zu gefährlich, mit dem Bus zu fahren.Seine sozialen Kontakte waren auf einen gelegentlichen Plausch mit den afghanischen Arbeitern auf der Baustelle auf der anderen Straßenseite beschränkt. Man redete über die Situation zu Hause und tauschte neueste Informationen sowie Gerüchte zu Festnahmen und Abschiebungen aus.Die Bauarbeiter brauchten die Polizei nicht zu fürchten. Ihr Arbeitgeber hatte der Polizei eine kleine Summe bezahlt, damit keine Kontrollen durchgeführt werden. Das ist billiger als einen Einheimischen zu beschäftigen. Die Arbeiter dürfen nicht die Baustelle verlassen, in der Regel leben sie auf iranischen Baustellen allesamt in einer kleinen improvisierten Hütte direkt neben der Baugrube und ziehen dann in den nach oben wachsenden Rohbau um. Probleme gibt es eigentlich nur, wenn einer der Illegalen bei einem Arbeitsunfall zu Tode kommt. Es werden Papiere verlangt, um die Leiche nach Afghanistan zu überführen, aber auch das lässt sich mit Geld regeln.Das Geld blieb zurückAbdul von der Baustelle durfte gelegentlich Mustafas Badezimmer benutzen - ein fensterloser Raum im Keller des Hauses, der mal als Waschküche gedacht war - um den beißenden Zementstaub vom Körper zu waschen. Die beiden stammen aus dem selben Stadtteil in Kabul und kannten sich. Abdul glaubt, Mustafa sei vielleicht nach Afghanistan zurückgefahren. "Er wollte heiraten, aber das Brautgeld für afghanische Mädchen im Iran ist zu hoch. Die Väter sind, wenn es um Geld geht, hier auf den Geschmack gekommen, selbst wenn sie selber arme Flüchtlinge sind."Hat Mustafa sich bei ihm verabschiedet? Abdul verneint, sinnt nach, hebt ratlos die Schultern.PS: Gestern ließ die Hausverwaltung die Tür zu Mustafas Raum in der Tiefgarage aufbrechen. Auf dem ordentlich gemachten Bett lagen zwei neue Koffer mit all seinen Habseligkeiten. Zwischen der Kleidung steckte ein Briefumschlag voller Geld: umgerechnet etwa 2 000 Euro. Mustafas Ersparnisse.------------------------------Flucht vor Krieg und ArmutIllegale: Rund eine Million Afghanen verdienen nach Angaben des afghanischen Flüchtlingsministeriums illegal ihr Brot auf dem Bau und in den Fabriken des Irans, nach Angaben des Irans sollen es bis zu 1,5 Millionen sein. Die Arbeitslosigkeit in Afghanistan wird auf bis zu 60 Prozent geschätzt. Im Iran können Afghanen als Tagelöhner bis zu zehn Dollar am Tag verdienen, in Afghanistan zwischen einem und drei Dollar. Vom Lohn aus dem Iran leben oft 20 und mehr Familienangehörige in der Heimat.Legale: Nach UN-Angaben leben noch 900 000 Afghanen legal mit Flüchtlingsstatus im Iran. Sie waren in Folge der sowjetischen Besatzung, des Bürgerkriegs und der Talibanherrschaft ins Nachbarland gekommen. Auch diese legalen Flüchtlinge sind permanent von Abschiebung bedroht. Teheran organisierte schon im vergangenen Jahr regelrechte Deportationswellen. Afghanistan versuchte jeweils in Regierungsverhandlungen, das Tempo der Abschiebungen zu drosseln.------------------------------Karte: Iran, Afghanistan------------------------------Foto: An der Grenze zwischen Iran und Afghanistan: In Bussen werden abgeschobene Afghanen hertransportiert und abgesetzt.

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