Sie sind klein, sie sind schnell und - das ist ihre eigentliche Stärke - sie sind viele: die männlichen Samenzellen. Vor allem ihre Vielzahl erschwert die Entwicklung eines Anti-Baby-Medikamentes für den Mann ungemein. "Ein Verhütungsmittel für die Frau muss es mit nur einer Eizelle im Monat aufnehmen", sagt Andrea Wagenfeld. "Ein Mittel für den Mann muss jeden Tag gegen fast 80 Millionen Spermien ankämpfen. " Wagenfeld forscht bei dem Pharmaunternehmen Schering an einem Kontrazeptivum für den Mann.Fast fünfzig Jahre nach Einführung der Pille betrachten vor allem viele Frauen ein neues Verhütungsmittel für den Mann als überfällig. Denn was die Kontrazeption angeht, sind Männer im 19. Jahrhundert stehen geblieben: Kondome gibt es seit 1840 und eine Vasektomie - die Durchtrennung der Samenleiter - wurde erstmals um 1890 durchgeführt. Eine Umfrage schottischer Forscher im Jahr 2000 ergab, dass mehr als 90 Prozent der befragten Frauen in den westlichen Ländern eine Pille für den Mann gut fänden. Knapp 80 Prozent sähen es gerne, wenn ihr Partner ein solches Verhütungsmittel einnehmen würde. Nur 2 Prozent der Frauen wollten sich bei der Verhütung nicht auf den Partner verlassen, schreiben die Forscher im Fachblatt Human Reproduction.Spätestens im Jahr 2010 soll das erste hormonelle Kontrazeptivum für den Mann auf dem Markt sein. Verhütungswillige Männer müssten sich dann einmal im Jahr ein Gestagen-Implantat in den Oberarm pflanzen lassen und erhielten zudem alle drei Monate vom Arzt eine Testosteron-Spritze. Hören Männer das Wort Spritze, sinkt ihr Interesse an der Methode rapide. Bei der schottischen Umfrage hatte zwar mehr als die Hälfte der Männer angegeben, an einer Verhütungspille interessiert zu sein. Doch nur jeder Fünfte war bereit, sich viermal im Jahr spritzen zu lassen. "Gäbe man das Testosteron oral, würde es in der Leber aber in wenigen Minuten abgebaut", sagt Wagenfeld. Sie und ihre Kollegen suchen daher nach einer modifizierten Version des Hormons, das den Angriffen der Leberenzyme standhält.Viele Männer befürchten zudem, dass ihre Libido und Potenz durch die Hormonattacke Schaden nehmen könne. Nicht ganz zu Unrecht, denn das Gestagen bewirkt unter anderem, dass in den Hoden kein Testosteron mehr gebildet wird. Genau aus diesem Grund muss das Testosteron mit der Spritze zugeführt werden. Sinkt dessen Spiegel im Blut dennoch unter einen bestimmten Wert, würde der Mann seiner Männlichkeit beraubt: Nicht nur die Lust auf Sex würde nachlassen, auch seine Hoden und Muskeln würden schrumpfen.Obwohl ein Mittel mit derartig gravierenden Nebenwirkungen niemals zugelassen würde, suchen Forscher angesichts solcher Schreckgespenster nach einer Verhütungsmethode, die ohne Hormone auskommt. Wagenfeld und ihre Kollegen arbeiten gemeinsam mit australischen Forschern um David de Kretser von der Monash University an einer alternativen Methode, mit der die Spermienproduktion in den Hoden gestört werden soll.Die männlichen Keimzellen gehen in den Hoden aus Stammzellen - so genannten Spermatogonien - hervor, die in den Wänden der Samenkanälchen liegen. Bis die Spermien herangewachsen sind und ihre typische Form angenommen haben, vergehen etwa 64 Tage. Ernährt und festgehalten werden sie in dieser Zeit von so genannten Sertoli-Zellen. "Unser Ziel ist es, die Interaktion zwischen den Keimzellen und den Sertoli-Zellen zu stören", sagt Wagenfeld. Damit wolle man die Samenzellen schon vor Ende ihrer Reifung in die Samenkanälchen entlassen.Sertoli-Zellen haben noch eine andere wichtige Funktion: Sie bilden die so genannte Blut-Hoden-Schranke, welche die empfindlichen Keimzellen vor Schadstoffen oder Abwehrzellen des Blutes schützt. Die Schranke wird nur dann geöffnet, wenn die Spermien ins Innere der Samenkanälchen abgegeben werden. Substanzen des Immunsystems, die Cytokine, und Stickstoffmonoxid könnten diese Schranke dauerhaft geschlossen halten. Damit gelangten weder reife noch unreife Zellen in die Samenkanälchen, berichteten Forscher um Yan Cheng vom Population Council in New York vergangenen Oktober in der Fachzeitschrift Biology of Reproduction.Noch sind Mittel, die ihre Wirkung über die Blut-Hoden-Schranke ausüben, Zukunftsmusik. Ein anderes Medikament, das die Spermienentwicklung in den Hoden stört, existiert hingegen schon. Per Zufall entdeckten Forscher um Aarnoud van der Spoel von der britischen Oxford University vorvergangenes Jahr, dass Mäuse, denen sie die Substanz NB-DNJ (N-Butyldeoxynojirimycin) injiziert hatten, vier Wochen später missgestaltete Spermien produzierten, die kaum beweglich waren. Derzeit werden mit NB-DNJ nur Patienten behandelt, die an der Fettspeicherstörung Morbus Gaucher erkrankt sind. Wurde das Mittel bei den Mäusen abgesetzt, produzierten diese wieder normale Samenzellen. "Bislang wissen wir aber nicht, ob das Mittel auch beim Menschen als Kontrazeptivum wirkt", schreibt van der Spoel in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS).An einer weiteren Methode, die Spermien ihrer Fruchtbarkeit zu berauben, wird derzeit an der Universität Münster geforscht. Ort des Angriffs sind dieses Mal die Nebenhoden (siehe Grafik). Dorthin gelangen die Spermien, nachdem sie von den Sertoli-Zellen in die Samenkanälchen entlassen worden sind. In den Nebenhoden reifen die Spermien innerhalb von zehn Tagen so weit heran, dass sie später im Eileiter schwimmen und ein Ei befruchten können."In den Nebenhoden herrscht ein im Körper einzigartiges Ionenmilieu - es gibt kaum eine andere Körperflüssigkeit, in der so viele gelöste Stoffe enthalten sind", sagt Trevor Cooper, der Leiter der Münsteraner Forschungsgruppe. Er und seine Kollegen wollen herausfinden, inwieweit sich die Samenzellen durch eine Veränderung der Ionenzusammensetzung in ihrem Reifungsprozess stören lassen. Cooper: "Hierfür müssen wir allerdings erst die beteiligten Ionentransporter - sowohl der Nebenhoden als auch der Spermien - identifizieren. " In den Nebenhoden werden die Spermien gespeichert, bis sie bei einer Ejakulation den Körper des Mannes verlassen - das tun sie über die Samenleiter, die indische Forscher als Schauplätze für ihren Krieg gegen die Samenzellen gewählt haben. Bei ihrer als Risug (Reversible Inhibition of Sperm under Guidance) bezeichneten Methode wird eine Substanz namens Styrol-Maleinsäure-Anhydrid (SMA) in die Samenleiter injiziert, wo sie sich an den Wänden ablagert (siehe Grafik).Spermien, die durch den Samenleiter hindurchströmen, erhalten durch die elektrische Ladung der Substanz einen Stromschlag und platzen. Die Samenflüssigkeit hingegen könne den Samenleiter ungehindert passieren, schreibt das Team um Lohiya Nirmal von der University of Rajasthan im Asian Journal of Andrology. Eine einzige Dosis SMA soll zehn Jahre wirken und bei Bedarf problemlos ausgespült werden können.In zwei Jahren rechnet man mit den Resultaten einer klinischen Studie, die Wirkung und Nebenwirkung der Methode überprüfen soll. Sollte das Verfahren so genial sein wie es klingt, könnte der Kampf gegen die Spermien bald gewonnen sein - müheloser als erwartet.Human Reproduction, Bd. 15, S. 637 Biol. of Reproduction, Bd. 70, S. 267 PNAS, Bd. 99, S. 17173 Asian J. of Andrology, Bd. 3, S. 87Wie die Männerpille wirkt // Die Pille für den Mann besteht aus dem Testosteron-Abkömmling Undecanoat des Pharmakonzerns Schering und dem Gestagen Etonorgestrel der niederländischen Firma Organon. Das Gestagen wird dem Körper über ein Implantat zugeführt, das Testosteron muss gespritzt werden. Die Kombination soll die Spermienproduktion der Hoden drosseln.Manche Männer sprechen auf die verabreichten Hormone nur schlecht an - ihnen bietet die Mixtur keinen ausreichenden Schutz. Um sicher zu gehen, müsste daher jeder Mann seine Samenflüssigkeit drei Monate nach Beginn der Behandlung untersuchen lassen - so lange brauchen die Hormone, um ihre Wirkung zu entfalten.Erst wenn das Ejakulat weniger als 6 Millionen Spermien enthält, ist der Mann nicht mehr befruchtungsfähig. Zum Vergleich: In einem normalen Ejakulat finden sich zwischen 200 und 400 Millionen Spermien.Nebenwirkungen sind bei dieser Art der Verhütung möglich. Experten rechnen damit, dass einige Männer Akne entwickeln, andere hingegen zunehmen oder nachts stärker schwitzen werden. Außerdem könnten sich die Blutfettwerte verschlechtern und vorhandene Krebszellen verstärkt wuchern. In einer vor wenigen Wochen gestarteten Studie mit 350 Freiwilligen soll die neue Verhütungsmethode in der Praxis getestet werden. (bro. ).Grafik: In den Hoden werden Keimzellen produziert, die in den Nebenhoden zu beweglichen Spermien reifen. Zukünftige Verhütungsmittel greifen in diesen Prozess ein und verhindern, dass fruchtbare Spermien nach außen gelangen.