Im Frühjahr 1953 suchte der Posaunist und Student Hans-Wolf Schneider eine Auftrittsmöglichkeit für seine Band "Spree-City-Stompers". Zusammen mit Kommilitonen verkleidete er die Kellerwände einer Kriegsruine am Rathaus Schöneberg mit Eierverpackungen und Säcken und machte ein Lokal draus. Zunächst hieß es "Kajüte". Die Musik, die gespielt wurde, war Jazz. "Vom ersten Tag an war es voll", erinnert sich Schneider. Als er Jemandem in der Küche beim Eierpellen zusah, benannte er sein Lokal in "Eierschale" um. In den Club, der anfangs den Zusatz "Studentenkeller" hatte, kamen die ganz Großen nach ihren Konzerten für einen zusätzlichen Gig: Louis Armstrong, Ella Fitzgerald oder Duke Ellington. Als die Ruine abgerissen wurde, zog die Eierschale 1956 in einen Keller am Breitenbachplatz. Der provisorische Touch blieb. "Es war eine wilde Zeit", erinnert sich Hans-Wolf Schneider. "Zu uns kamen die schönsten Frauen." Getanzt wurde zur Livemusik, und zwar im so genannten "Rühr-Stil" eine Eigenkreation der Besucher, die mit den Armen in der Luft ruderten und ansonsten stehen blieben. "Es war eng", begründet Schneider. Weil die Mieten am Breitenbachplatz unbezahlbar wurden, siedelte die Eierschale 1977 nach Dahlem um, in ein Landhaus mit Kastaniengarten am U-Bahnhof Podbielskiallee. Eine runde Holztheke mit Kupferbeschlag beherrscht den Raum. In einer Ecke gibt es ein paar Meter Tanzfläche, in der anderen eine Bühne. An den Wänden hängen nicht mehr Säcke, sondern gerahmte Fotos aus den Fünfzigern und alte Werbeplakate. An guten Tagen drängeln sich auf 350 Quadratmetern bis zu 1 000 Leute. Schneider, der sein Lokal Ende der Sechziger verkaufte, findet die heutige Eierschale "ganz hübsch", aber die Keller-Stimmung fehlt ihm. Ab Januar wieder LivemusikIm Lauf der Zeit musste die Jazzkneipe Zugeständnisse an den Zeitgeist machen. "In den Anfangsjahren sind die Leute wegen Jazz gekommen", sagt Mitarbeiter Dieter Trojan. "Heute interessiert Jazz viele Jüngere nur am Rande." Seit einiger Zeit stehen Bands wie "Western Union" und "Petticoat" auf der Bühne. Heinz-Dieter Müller, der im Dezember die Geschäftsführung übernommen hat, will künftig auch lateinamerikanische Musik bringen.Im Oktober begann die Eierschale, an Wochentagen statt Livemusik nur Disco anzubieten. Aus Kostengründen. Doch die Gäste drohten, weg zu bleiben. Ab Januar wird deshalb wieder jeden Abend eine Band auf der Bühne stehen wie es seit 45 Jahren Tradition ist. (kö.)"Eierschale": Podbielskiallee 50, Silvesterparty, Eintritt 150 Mark.