Im Kaindl-Prozeß Ist gestern die Anklage verlesen worden. Sie legt den sieben Angeklagten zur Last. Im April 1992 aus politisch motiviertem Haß den Vertreter der Deutschen Liga für Volk und Heimat (DL>, Gerhard Kaindl, ermordet zu haben.Am gestrigen zweiten Verhandlungstag war es endlich soweit: Die Staatsanwaltschaft las die Anklage gegen die sieben jungen Leute Im Alter zwischen 19 und 33 Jahren vor.Doch es wurde ein peinlicher Auftritt. Die Staatsanwältin trug eine falsche Fassung der Anklage vor. Sie lautete auf Mord an Kaindl sowie sechsfachen versuchten Mord an dessen Gästen. Doch der Vorwurf des Mordversuchs ist schon längst vom Tisch. Das Jugendschöffengericht hatte diese Beschuldigung bei Eröffnung des Verfahrens abgelehnt. Zugelassen wurde lediglich die Beschuldigung der gefährlichen Körperverletzung.Zu Recht kritisierten die Verteidiger die Staatsanwaltschaft. Nach elner 15minütigen Pause wurde die richtige Anklage vorgetragen, ihr zufolge sollen die Beschuldigten aufgrund eines gemeinsam gefaßten Tatentschlusses mit Baseballschlägern, Messern, einem Stahlspieß und einer Metallstange bewaffnet am 4. April 1992 ein China-Lokal am Kottbusser Damm gestürmt haben.Während die 22jährige Fatma B. an der Tür Schmiere gestanden habe, hätten die übrigen Beschuldigten Kalndl und seine Gäste, darunter den Rechtsanwalt Carsten Pagel sowie das DL-Landesvorstandsmitglied Thorsten Thaler, angegriffen. Kalndl starb an drei Messerstichen.In einer politischen Erklärung wies der 33 jährige Abidin E. die Vorwürfe zurück. Er sei an dem Überfall nicht beteiligt gewesen. Zwar sehe er sich, wie die übrigen Angeklagten, als Antifaschist und gehöre der linksautonamen Gruppe "Antifasist Gencllk" (Antifaschistische Jugend) an. Deren Zlel sei es aber, Nazis "ohne Gewalt" zu isolieren. Niemals sei Mord als Mittel des Kampfes in Betracht gezogen worden. Ähnlich auch die Erldärung von Fatima B. (22>. Sie bezeichnete es als "dubios", wie die belastende Aussage des Hauptzeugen und Mitangeklagten Erkan 5. zustande gekommen sei.In der Tat ist die Glaubwürdigkeit des I9jährigen Erkan S. eine der zentralen Fragen In diesem Verfahren. 5. hatte sich im November 1993 gestellt und sein Wissen ausgepackt. Die Ermittlungen kamen erst daraufhin ins Rollen. Allerdings: Der junge Mann ist psychisch krank. Er befindet sich derzeit in einer Klinik und soll -- sofern er schuldig gesprochen wird -- auch in eine Heilanstalt eingewiesen werden. Für fragwürdig halten es die Verteidlger zudem, daß die Aussagen des Kranken bei der Polizei nicht im Beisein eines Rechtsanwalts erfolgt sind.