Im kapitalistischen Teil Chinas hofft man auf die Architektenstars aus Europa und Amerika: Hongkong will vom Potsdamer Platz lernen

Die ehemalige britische Kronkolonie Hongkong muss ihr Image polieren. Seit der Übernahme durch China im letzten Jahr litt die Stadt unter der Konkurrenz von Schanghai und Schenzen sowie immer wieder unter Eingriffen der Pekinger Zentrale, die den Autonomiestatus Hongkongs mit seinem britischen Rechtssystem gefährden. Um im Rennen um internationale Investoren besser mithalten zu können, orientiert sich die Stadtverwaltung nun am Berliner Wettbewerb um die Bebauung des Potsdamer Platzes. Er hatte vor zehn Jahren weit über die Fachwelt hinaus für weltweites Interesse gesorgt, war zu einem Werbeträger für die Stadt geworden. Diese Berliner Baustelle mit ihren vielen Kränen und schließlich die Bauten selbst dienten dazu, die deutsche Hauptstadt wieder auf der Landkarte der Immobilienmanager erscheinen zu lassen. Diesen Berliner PR-Erfolg möchte man sich in Hongkong zum Vorbild nehmen. Die Planungsverwaltung der Inselstadt fordert derzeit Architekten aus aller Welt auf, eine Landaufschüttung in West-Kowloon zu bebauen. Für Aufsehen ist gesorgt: Das Preisgericht wird von Ieoh Ming Pei präsidiert, dem berühmtesten Architekten chinesischer Abkunft, der als Legende von Moderne und Postmoderne zugleich gilt. In Berlin baut er gerade die Erweiterung des Deutschen Historischen Museums. In Hongkong entstand in den achtziger Jahren die Bank of China - bis heute der höchste Bau auf Hongkong Island. Für die ersten drei Preisträger wird die horrende Summe von umgerechnet etwa 1,5 Millionen Mark vergeben. Wenn jetzt noch einige der Global Players in der Architekturszene mitmachten, so die Koordinatorin des "West Kowloon Concept Plan", Doreen Chan, sei für Hongkong die weltweite Aufmerksamkeit und damit der PR-Erfolg vorprogrammiert. Ade für Flughafen Kai TakEin ähnlich auf Außenwirkung angelegtes Projekt ist die architektonische Neugestaltung des ehemaligen Flughafengeländes von Kai Tak. Er wurde überflüssig, nachdem 1998 der neue Flughafen Chek Lap Kok von dem britischen Architekten Norman Foster übergeben worden war. Chek Lap Kok wurde als letztes großes Projekt der britischen Kolonialherren auf einer künstlichen Insel errichtet, 30 Kilometer vom Geschäftszentrum entfernt. Mit der neuen Flughafenbahn ist er dennoch schneller zu erreichen als früher Kai Tak. Mit der Schließung von Kai Tak hatte das ständig unter Landnot leidende Hongkong über Nacht fast 250 Hektar an kostbarem innerstädtischem Baugrund gewonnen. Dort, wo bis vor drei Jahren nur Piloten mit Sondergenehmigung ihre Jumbo-Jets nach einem Steilflug durch den Hochhauswald landeten, soll nun ein neuer Stadtteil mit Parks und Erholungsflächen entstehen. Zwar musste unmittelbar nach Schließung das Flugfeld unter die Aufsicht von Toxikologen gestellt werden, die im Boden neben Kerosin und Ölrückständen auch Schwermetalle nachwiesen. Doch inzwischen ist die Erde zu einem Fünftel entgiftet, unterirdische Kraftstoff-Tanks wurden beseitigt und nahezu alle alten Gebäude abgerissen. Lediglich die weitläufige Abfertigungshalle und das Parkhaus sind noch als Gebrauchtwagenmarkt, Bowling- und Go-Kart-Bahn vermietet, in den oberen Geschossen haben zeitweise Büros Platz gefunden - die Kaufmannsstadt Hongkong verschwendet keine Gelder. Die jährlichen Mieteinnahmen von umgerechnet zwölf Millionen Mark tragen bei, die enormen Kosten der aufwändigen Sanierung zu reduzieren. Wenn die Abbrucharbeiten Anfang 2002 abgeschlossen sind, wird vom historischen Flughafen Kai Tak nur die schmale Landebahn übrig bleiben, die sich wie eine Mole in das Meer hinausschiebt. Hier sollen ein Fährschiff-Terminal entstehen, ein Luftfahrt-Museum und ein Aussichtsturm. Nur ein Hubschrauberflughafen wird noch an die einstige Bestimmung erinnern.1Das städtebauliche Muster des dann hier entstehenden neuen Stadtteils South East Kowloon unterscheidet sich allerdings kaum von den monotonen Hochhaussiedlungen, die sich entlang der Küste von Hongkong erstrecken. Auch die Einzelgebäude verheißen kaum Individualität. Die Türme stehen entweder auf kreuzförmigem Grundriss, um eine möglichst große Oberfläche für Fenster zu erhalten, oder sie sind in ihrer Höhe gestaffelt, um zahlreiche Wohnungen mit Weitblick anbieten zu können.Doch mit 53 000 Einwohnern pro Quadratkilometer wird man in dem neuen Quartier fast zehn Mal mehr Bevölkerung unterbringen als sonst in Hongkongs dicht bebauter Innenstadt. Die Parks, die im Modell wie grüne Schneisen im Häuserdickicht erscheinen, können diesen fragwürdigen Superlativ kaum relativieren. Ursprünglich sollten hier in der neuen "Garden City" sogar knapp 320 000 Menschen ein neues Zuhause finden. Erst nach Einsprüchen der Bevölkerung wurde von den Behörden diese Bewohnerdichte zurückgenommen. Dies als eine demokratische Entscheidung auszugeben, wird in Bankkreisen nur als reine Propaganda betrachtet, um den Wirtschaftsstandort Hongkong nicht durch schlechte Nachrichten zu schwächen. Grund für die geringere Anzahl von Wohnungen sei nämlich eher die korrigierte Bevölkerungsprognose, nach der Hongkong in der kommenden Dekade mit weit weniger Neubürgern zu rechnen habe als geplant. Leer stehende Wohnungen aber sind ein Indiz für wirtschaftlichen Niedergang und verschrecken so die Investoren; Leerstand muss also unbedingt vermieden werden. Neuer Bau-OptimismusMit den neuen Projekten wird vor allem an die wohlhabenden und gut ausgebildeten Schichten gedacht, die der Stadt das Überleben garantieren sollen. Zwar entstanden im Bezirk East Kowloon immerhin noch auf einem Drittel der neuen Flächen Sozialwohnungen. Das neue Quartier an der Südseite der Insel Lantau hingegen, gelegen an der malerischen Discovery Bay, ist ganz auf die Bedürfnisse des oberen Mittelstandes und der Reichen zugeschnitten. Hier wird auf Autoverkehr verzichtet, dafür verfügt die Siedlung über einen Yacht-Hafen und direkte Fährverbindungen nach Hongkong Island. Breite Uferpromenaden und ein noch breiterer Sandstrand erzeugen permanente Urlaubsstimmung - wären da nicht die 20-geschossigen Wohnhochhäuser, die auch hier trotz aller sozialen Abgrenzung das Bild prägen. Hongkong ist klein und muss mit Platz geizen. Die großen Stadtentwicklungsmaßnahmen sind Ausdruck für einen neuen Optimismus im kapitalistischen Teil Chinas. Die Skepsis den neuen Machthabern gegenüber scheint verflogen - zumindest in der Stadtplanung und in der Immobilienwirtschaft. Ob die Architektenstars aus Europa und Amerika ihren Lockruf hören werden, wird sich am 9. Juni zeigen. Dann läuft die Bewerbungsfrist für den "Potsdamer Platz" in Hongkongs West Kowloon aus.In Hongkong scheint die Skepsis gegenüber den neuen Macht- habern verflogen - zumindest in der Stadt- planung und in der Immobilien- wirtschaft.REUTERS/BOBBY YIP Letzter Fensterputz für Hongkongs neue Zentralbibliothek vor der Einweihungsfeier Mitte Mai. Mehr als 12 Millionen Bücher finden hier Platz.