Keine Namen! Diesen Satz hört man oft in diesen Tagen im Viertel zwischen Metzer und Belforter Straße in Prenzlauer Berg. Es gibt Versammlungen, anonyme Mieterinfos werden verteilt, Gerüchte kursieren. Die Bewohner der 60er-Jahre-Bauten haben nur noch ein Thema. Der neue Eigentümer will einen Teil der Wohnungen abreißen und die Freiflächen bebauen.Die Bewohner wissen, dass sie in diesem sehr begehrten Wohnviertel immer noch sehr geringe Mieten zahlen. Eine Zweieinhalbzimmerwohnung mit 56 Quadratmetern kostet etwa 300 Euro kalt. Es sind die letzten bezahlbaren Wohnungen im Kollwitzplatzgebiet, sagt Michail Nelken (Linke), Stadtrat für Stadtentwicklung.Die alten Mieter in der Siedlung kennen sich seit langer Zeit. Viele sind über 70 Jahre alt, sie haben beim Aufbau der Häuser mitgeholfen. Sie waren Ärzte, Professoren, Dozenten und Krankenschwestern, die Genossenschafts-Wohnanlage gehörte der Humboldt-Universität mit ihren Einrichtungen, wie Charité und Kitas. Nach der Wende wechselten mehrfach die Besitzer.Der neue Eigentümer, der selbst in Prenzlauer Berg lebt, fühlt sich von den Bewohnern falsch verstanden und spricht von einem "komplexen Projekt" und "Interessenabwägungen". Rainer Bahr ist Geschäftsführer der Firma Econ Cept, war einst Gründungsmitglied der Grünen und ist heute erfolgreicher Immobilienbesitzer. Bahr hat vor zwei Jahren an der Kollwitz-/Ecke Belforter Straße die luxuriöse Wohnanlage Kolle Belle gebaut. Bis zu 800 000 Euro zahlten die neuen Besitzer für die großen Neubauwohnungen im Altbaustil. Jetzt will Bahr die Freiflächen an der Straßburger Straße mit einem Wohnhaus bebauen, geschlossene Blockrandbebauung nennen das Fachleute. Eine Tiefgarage mit 120 Plätzen ist geplant, Dachgeschosswohnungen sollen auf den bestehenden Häusern entstehen. Bahr nennt es eine "ansprechende städtebauliche Lösung". Etwa 20 der 110 Wohnungen will er abreißen, Bewohnern, die ausziehen würden, bietet er Abfindungen an. Die alten Mieter will Bahr nicht vertreiben. "Ich habe eine hohe soziale Verantwortung", sagt er. "Die alten Mieter sollen bleiben." Doch ihre Miete wird steigen.Bahr hätte das den Mietern gern auch mal selbst gesagt. Doch zu ihren Treffen wird er nicht eingeladen. Stattdessen warnen sich Nachbarn, bloß nicht mit Bahr zu reden, "da hier über psychologische Taktiken gezielt versucht wird, den Willen der Mieter zu brechen", steht in einem Brief an alle Bewohner.Unterstützung bekommen die Bewohner von Bezirkspolitikern. Die Grünen erkennen in der vorhandenen Bebauung "ein Stück Zeitgeschichte" und "keinen städtebaulichen Missstand". Die SPD plant einen Schutzschirm für die Bewohner mit Gebietssozialplänen und Mieterberatungen."Doch wir haben keine rechtlichen Instrumente, den Abriss von Wohnungen auszuschließen", sagt Stadtrat Nelken, der die Bebaubarkeit des Grundstücks gern beschränken würde. "Ein Rückbau und Abriss von Wohnungen wäre ein weiterer Schritt der sozialen Verdrängung." Noch ist nicht geklärt, in welchem Umfang Bahr seine Pläne realisieren kann. Er hat noch keine Baugenehmigung, sondern erst die Bauvoranfrage gestellt. Im Sommer 2011 will er mit dem Bauen beginnen.------------------------------Karte: Umbaupläne