Sadro bringt nichts so leicht aus der Fassung. Auf dem Feld war der 1,90-Meter-Mann ein unerbittlicher Handballspieler, bis ihn eine Knieverletzung außer Gefecht setzte. Als Redaktionsleiter entpuppt er sich dagegen als allürenfreier Leitwolf mit Kumpel-Charisma. Sadro nennen ihn die, die ihn gern haben; nicht aber die, die ihn gern haben können. Denn Jörg Sadrozinski steht im anhaltenden Kreuzfeuer der Kritik: Vor allem die Kollegen der Presse haben ihn auf dem Kieker. Der Chefredakteur des Nachrichtenportals "Tagesschau.de" ist Adressat beißender Kommentare und Anfeindungen all derjenigen, die es weniger leicht haben als er, weil sie über keine Finanzmittel aus dem Gebührentopf verfügen. Ob es ihm passt oder nicht: Jörg Sadrozinski ist ein Alpha-Onliner qua Anstellung, aber auch ein Fernsehmann solider Schule. 1991 kam er zum NDR, wurde nach einem Praktikum bei den "Tagesthemen" Redakteur bei "ARD Aktuell". Geholt hatte ihn Hanns-Joachim Friedrichs, auch heute noch eines seiner Vorbilder.Dass ARD und ZDF im Internet aktiv sind und ihr Engagement in Zukunft noch ausweiten möchten, macht die private und privatwirtschaftliche Konkurrenz schon seit Langem fuchsig. Die intellektuelle Tiefe der Mitarbeiter von ARD und ZDF bewege sich in Sachen Neue Medien auf dem Wasserstandsniveau einer Pfütze, heißt es im Blog von Thomas Knüwer (Handelsblatt). Polemiken wie diese perlen an Sadrozinski ab, nicht einmal sein markant-kantiges Kinn bebt für einen Moment: "Um auch einmal polemisch zu werden: Das ist gelegentlich vielleicht die schlichte Sicht eines Betroffenen oder eines, wie böse Zungen sagen würden: ,Lohnschreibers', der seine Verlagssicht vertritt und vielleicht nicht die Gelegenheit hat, auch mal über den Tellerrand hinauszuschauen, um zu registrieren, was wirklich passiert."Seinen Ruf als Sprachrohr einer öffentlich-rechtlichen Expansion hat sich der 44-jährige Sadrozinski redlich verdient: Er kämpft an vielen Fronten, hüben, drüben, überall, von einem Podium zum nächsten tingelnd und trotz oder gerade wegen des neuen Rundfunkstaatsvertrags fortwährend mit dem Verlegergroll konfrontiert, gegen deren "Kampfbegriff der elektronischen Presse" er sich zur Wehr setzt.Dafür muss er mittlerweile nicht mehr gegen das Räderwerk der ARD im eigenen Haus ankämpfen: Die Stimmung in der Intendanz ist vielmehr ins Gegenteil umgeschlagen. Online ist auch bei der ARD endlich ,in'. Noch stehen die Online-Mitarbeiter beim NDR in der Verdienstskala ganz unten, hinter den Fernseh- und Hörfunkjournalisten. Zusätzliche Arbeit für das Internetangebot ist für diese Mehrheit der Angestellten vertraglich nicht geregelt.Während Sadrozinski hier klare Verhältnisse fordert, ist für ihn genauso klar, dass die Fernsehredaktion der "Tagesschau" auf Dauer nicht die Oberhand behält: Online muss seiner Ansicht nach das tonangebende Medium werden. On Demand gibt die Priorität vor. Nicht mehr linearer Programmplan, sondern ereignisbezogene multimediale Tiefenaufbereitung mittels Text, Audio und Video. Alles deute darauf hin, dass Fernsehen in Zukunft nach den Prinzipien des Internet funktionieren werde: "Dann kann ich nicht mehr ein Sendeschema vorgeben, das die Onliner dann nachsenden müssen, sondern anders herum: Informationen werden ereignisbezogen veröffentlicht und mit Fernsehinhalten unterfüttert, um das, was passiert, darzustellen."Dabei gibt es für ihn trotz oder gerade wegen der Diskussionen über die Rechtmäßigkeit der öffentlich-rechtlichen Internet-Aktivitäten noch viel zu tun, zu viel, um sich beschränken zu lassen, wie er meint: "Wir müssen Formate entwickeln, die Rundfunk und Internet noch stärker zusammenwachsen lassen." Die Leitfragen der Zeit sind für ihn zu Leidfragen geworden: "Wie verändert sich das Mediennutzungsverhalten? Wie sichern wir die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks?" Die Nutzer wandern in Horden ins Internet, aber kommen sie auch zurück zu den klassischen Medien? "Ich glaube, dass alle Sender, egal ob private oder öffentlich-rechtliche, in den jungen Zielgruppen verlieren werden, weil sich Kinder und Jugendliche ein anderes Nutzungsverhalten angewöhnen."Wer mag es sich da anmaßen, die öffentlich-rechtliche Informationsverbreitung über das Internet von der verfassungsrechtlich garantierten Grundversorgung der Bevölkerung auszuschließen? Kein Mensch, sagt Sadrozinski, sei schließlich auf die Idee gekommen, mit dem Aufkommen des Privatfernsehens zu fordern, dass die Öffentlich-Rechtlichen nur noch in Schwarz-Weiß senden dürfen, weil es sonst zu Wettbewerbsverzerrungen käme.Der Text ist ein gekürzter Vorabdruck aus dem im April erscheinenden Band "Die Alpha-Journalisten 2.0: Deutschlands neue Wortführer im Portrait", hrsg. von Stephan A. Weichert und Christian Zabel. Mitarbeit: Leif Kramp. Köln: Herbert von Halem Verlag.------------------------------Foto: Jörg Sadrozinski------------------------------Foto: Auf der Website der "Tagesschau" können die Nachrichtensendungen "on demand" abgerufen werden.