SCHWERIN, 16. Juni. Der juristische Schlussstrich unter die pogromartigen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen wird an diesem Montag gezogen. Das Landgericht Schwerin spricht sein Urteil über drei Angeklagte im Alter von 27 bis 29 Jahren, die im August 1992 als Jugendliche in einer größeren Gruppe zur Randale nach Rostock fuhren. Dort sollen sie aus einer gewaltbereiten Menge heraus unter dem Beifall Tausender Schaulustiger Brandsätze gegen ein Ausländerheim geworfen haben, in dem sich mehr als hundert Vietnamesen und ihre deutschen Betreuer aufhielten. Die Staatsanwaltschaft, die ihnen schwere Brandstiftung und versuchten Mord vorwirft, fordert Jugendstrafen von je anderthalb Jahren. In zwei Fällen sollen diese zur Bewährung ausgesetzt werden. Die Angeklagten hätten aus "dumpfem Ausländerhass" gehandelt, sagte Staatsanwalt Wulf Kollorz in seinem Plädoyer vor zwei Wochen. Den niedrigen Strafantrag begründete der Ankläger unter anderem mit der langen Zeit, die seit der Tat verstrichen sei. Das Gericht hatte sich dafür mit "Überlastung" entschuldigt. Der späte Prozessbeginn verstoße gegen die europäische Menschenrechtskonvention und das Jugendstrafrecht, das den Erziehungsgedanken betone, erklärten die Verteidiger, die für Freispruch plädierten. Ihren Mandanten seien zudem weder Stein- noch Brandsatzwürfe nachgewiesen worden. Unbescholten sind die drei Angeklagten im letzten Prozess um die ausländerfeindlichen Krawalle von Lichtenhagen freilich nicht. Ihre Vorstrafenregister sind lang. Ronny S. sitzt in Haft wegen Körperverletzung. Auch André B. wird in Handschellen zur Verhandlung gebracht, weil er kürzlich einen Kneipenbekannten ins Koma geprügelt haben soll. Enrico P., ebenfalls einschlägig vorbestraft, hat immerhin eingeräumt, er habe "als Teil der Meute" den Menschen im Ausländerheim damals Todesangst eingejagt. Stumme Zeugen"Für uns war Lichtenhagen ein Abenteuer, uns war nicht klar, was da passiert", hat Enrico P. in seinem Schlusswort gesagt. Er und seine beiden rechtsradikalen Kumpane wurden neun Jahre lang nicht belangt, weil ihr Fall von Rostock nach Schwerin abgeschoben wurde, wo er liegen blieb. In Rostock hatte das Jugendschöffengericht nach den Krawallen 44 Jugendliche meist zu Bagatellstrafen verurteilt.Nur vier Skinheads erhielten 1993 höhere Gefängnisstrafen zwischen zwei und drei Jahren. Drei von ihnen belasteten in damaligen Verhören die jetzigen Angeklagten. Als Zeugen im Schweriner Verfahren aber blieben sie stumm. "Ich kann mich nicht erinnern", lautete ihr Standardsatz. Die Staatsanwaltschaft stützt sich nun vor allem auf eine weitere Zeugin, die zwar vor Gericht die Angeklagten als Brandstifter identifizierte, sich aber zugleich in Widersprüche verwickelte.Immerhin hat sich die Schweriner Kammer unter dem Vorsitzenden Richter Horst Heydorn um eine umfassende Aufklärung bemüht. Das Gericht veranlasste eine Reihe von Ermittlungen, die Polizei und Staatsanwaltschaft versäumt hatten. Videofilme wurden beschafft und Zeugen gehört, für die sich nie zuvor jemand interessiert hatte - der Hausmeister des Ausländerheims, ein Brandgutachter oder jene mutige Frau, die damals Vietnamesen in ihrer Wohnung versteckte. Doch wichtige Fragen, die in den parlamentarischen Untersuchungsausschüssen 1993 nicht geklärt wurden, blieben weiter offen. Etwa: Wieso zog sich die Polizei in der größten Gefahr zurück? Wieso versagten die polizeilichen Ermittler, so dass keine Rädelsführer belangt werden konnten? Werden Ronny S., André B. und Enrico P. am heutigen Tag verurteilt, wäre dies das erste und einzige Urteil wegen versuchten Mordes im Zusammenhang mit den Krawallen. Werden sie freigesprochen, so wäre es ein neuer Beleg für die "nie vollendete Aufarbeitung des Lichtenhagener Pogroms", wie es der Schweriner SPD-Abgeordnete Wolfgang Rissmann ausdrückt. Er saß damals für seine Partei im Untersuchungsausschuss. Eines wäre es gewiss nicht: ein echter Schlussstrich.