Es war bereits dunkel an jenem 14. März 1966, als Jörg Hartmann und Lothar Schleusener an den Wachtürmen in Treptow ankamen. Was die zehn und dreizehn Jahre alten Jungen dort taten und warum sie bereits morgens aufgebrochen waren, ist bis heute unklar. Vielleicht wollten sie tatsächlich in den anderen Teil der Stadt. Vielleicht aber war es auch nur eine Mutprobe. Die beiden überlebten diesen Tag nicht. 42 Mal schossen zwei Grenzsoldaten der DDR auf die Jungen. Der eine erlitt einen tödlichen Kopfschuss, der andere starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Offiziell hieß es später, Jörg sei ertrunken und Lothar an einem Stromschlag gestorben. 31 Jahre lang wurden die Angehörigen der Kinder mit dieser Lüge allein gelassen. Eine Frau ist über das plötzliche Verschwinden von Jörg Hartmann besonders beunruhigt. Damals hieß sie noch Ursula Lemberg, war 29 Jahre alt und Lehrerin in einer Friedrichshainer Schule. Jörg Hartmann war ihr Schüler. "Als Jörg nicht zur Schule kam, hat mich das gewundert", sagt sie. Dem schmächtigen, semmelblonden Jungen mit dem Prinz-Eisenherz-Haarschnitt fiel es nicht leicht, im Unterricht mitzukommen. Aber unentschuldigt zu fehlen, war nicht seine Art. Ursula Moers Unruhe steigert sich, als Jörg auch am nächsten Tag fehlt und am übernächsten. Und so beginnt die Lehrerin, nach ihrem Schüler zu forschen, Fragen zu stellen und mit anderen zu reden.Am dritten Tag nach Jörgs Verschwinden macht sich die Lehrerin auf die Suche. Zuerst in der Schreinerstraße in Friedrichshain, wo Jörg mit Bruder und Schwester bei seiner Großmutter und der Tante lebt. Aber auch dort weiß niemand etwas: Jörg ist spurlos verschwunden. Die Vermisstenanzeige, die die Großmutter aufgegeben hat, bringt auch nichts Neues.Beteiligte mussten schweigenUrsula Moers war keine Frau, die ihr Land in Frage stellte. Sie war Mitglied der SED, irgendwann auch mal zuständig fürs Parteilehrjahr. Westfernsehen und Westradio hatte sie nicht. So entgeht ihr auch eine Meldung des Rias, der am 15. März 1966 über zwei an der Mauer erschossene Kinder berichtet. Als Ursula Moers andere davon erzählen, will sie es nicht glauben. "Ich musste das selbst hören", sagt sie heute. Und sie hört es. Zwar ist die Rede von einem Jungen und einem Mädchen, doch die Beschreibung des Mädchens passt so exakt auf Jörg, dass Ursula Moers keine Zweifel hat: Dort in Treptow wurde ihr Schüler erschossen.Sorgen machen sich während dieser Tage auch jene, die diese Schüsse zu verantworten haben. Die Wahrheit darf nicht publik werden. Die Staatssicherheit schaltet sich ein, Protokolle werden angefertigt, Leute bespitzelt. Die Beteiligten werden verpflichtet zu schweigen, die Schützen belobigt. Wenige Tage nach den Schüssen schreibt ein Informeller Mitarbeiter der Stasi über seine Treptower Kameraden: "Bei einer Unterhaltung zwischen dem Gefreiten (Namen von der Gauck-Behörde geschwärzt) und dem Gefreiten ging es um das Problem, wie man es den Eltern sagen wird. Dabei äußerte der Gefreite , dass man den Eltern bestimmt nicht die Wahrheit sagt. Vielleicht sagt man den Eltern, dass die Kinder beim Spielen unter ein Armee-Fahrzeug gekommen sind. Und sich es um ein Unfall handle. Darauf fragte der Gefreite ihn: Wenn nun die Eltern die Kinder noch mal sehen möchten, dann fällt es ihnen doch auf, dass es kein Verkehrsunfall war. Darauf antwortete Man kann es den Eltern nicht genehmigen, die Kinder noch einmal zu sehen. Oder man nimmt die Kinder, fährt mit einem Fahrzeug drüber hinweg und zeigt sie dann den Eltern." Ursula Moers fängt an, sich Notizen zu machen: Sie schreibt die letzten Zensuren von Jörg Hartmann ab und beschreibt ihren ersten Besuch bei seiner Großmutter. Anfang April fährt sie wieder zu ihr. Der Familie war mittlerweile mitgeteilt worden, der Zehnjährige sei am 17. März ertrunken. Weil Seuchengefahr bestand, habe man die Leiche bereits eingeäschert. Kein Grab, kein Totenschein, nichts. Nur ein Stückchen Stoff befestigt auf Papier wurde der Großmutter hingehalten zum Identifizieren. Als Ursula Moers davon erfährt, bricht für sie eine Welt zusammen.Auch die Familie von Jörg Hartmann zerbricht an seinem Tod. Jörgs Mutter damals in psychiatrischer Behandlung wird von den Behörden für unmündig erklärt und darf ihre Kinder nicht mehr erziehen. Noch vor dem Sommer 1966 wird Jörgs vierjährige Schwester von der Straße in ein Auto verfrachtet und wenig später zwangsadoptiert. Bruder Michael, damals acht, lebt noch eine Weile bei der Oma. Den Rest seiner Kindheit verbringt er im Kinderheim. 20 Jahre auf BewährungUrsula Moers lässt die Lüge um den Tod der Jungen keine Ruhe. "Es gab da einen Herrn Wagner im Polizeipräsidium", erinnert sie sich. "Der sollte mir das alles ins Gesicht sagen." Aber sie kommt nicht mal bis vor Wagners Tür. Dafür wird sie zu ihrem Schulleiter zitiert. "Der sagte mir, dass ich von nun an stets die offizielle Version erzählen soll. Das habe ich abgelehnt." Natürlich weiß sie, dass das gefährlich ist. "Aber dass es mich selbst Kopf und Kragen kosten konnte, war mir nicht klar." Und doch begreift sie, dass sie in diesem Land nicht mehr leben kann. Und auch nicht will. Noch im Sommer 1966 flüchten sie und ihr Sohn mit Hilfe eines Freundes über Bulgarien in den Westen versteckt in einem Wohnwagen. Nichts hat sie an diesem Tag dabei außer ihrer Handtasche und dem Zettel mit ihren Notizen. "Ich habe mir immer vorgenommen, das alles an die Öffentlichkeit zu bringen", sagt sie heute. Und doch schweigt Ursula Moers. "Ich hatte Angst um meinen Sohn", sagt sie. "Ich hatte immer dieses Bild vor Augen, wie Jörgs Schwester von der Straße weggefangen wurde. Außerdem hatte ich doch gar keine Beweise."Ursula Moers schweigt auch noch, als die Mauer fällt. Und so arbeiten andere in mühevoller Kleinarbeit auf, wofür Jörgs Lehrerin stets die Beweise fehlten. Als im November 1997 das Gericht in Berlin sein Urteil gegen den einen noch lebenden Schützen fällt, ist Ursula Moers auch in der Stadt und mit ihr dieser kleine Zettel von damals. Als sie schließlich im Moabiter Gericht ankommt, hört sie gerade noch die Urteilsverkündung: 20 Monate auf Bewährung für den Todesschützen.Am kommenden Dienstag wird Ursula Moers zum ersten Mal an jenem Ort stehen, an dem vor 33 Jahren ihr Schüler erschossen wurde. Diesmal wird sie nicht schweigen sie spricht anlässlich der Einweihung des Denkmals, für das sie selbst 5 000 Mark gespendet hat. Ihr Schüler Jörg Hartmann wäre heute 43 Jahre alt.DAS MAHNMAL Der Bezirk ließ ein Denkmal für die Maueropfer bauen // Am kommenden Dienstag wird an der Kiefholzstraße in Treptow ein Mahnmal für die Maueropfer im Bezirk enthüllt. Das Denkmal hat die Form zweier Mauersegmente und trägt die Inschrift: "In Treptow starben fünfzehn Menschen an der Berliner Mauer. Unter den Opfern waren zwei Kinder. Jörg Hartmann, 10 Jahre alt, und Lothar Schleusener, 13 Jahre alt, erschossen am 14. März 1966. " Als der Fall der beiden Kinder im November 1997 publik wurde, beschlossen die Treptower Bezirksverordneten, mit einer Gedenktafel an die Kinder zu erinnern und die Geschichte ihres Todes zu dokumentieren. Zwei Jahre lang suchte die Leiterin des Heimatmuseums, Barbara Zibler, nach schriftlichen Beweisen und Zeitzeugen. Sie fragte bei der Gauck-Behörde nach, der Staatsanwaltschaft, der Zentralen Ermittlungsstelle Regierungs- und Vereinigungskriminalität und dem Krematorium Baumschulenweg; sie besuchte die ehemalige Schule von Jörg Hartmann und versuchte, Einblick in die Prozessakten zu bekommen.Barbara Zibler schrieb auch an die Familien der Erschossenen. Der Bruder von Jörg Hartmann reagierte nicht; die Angehörigen von Lothar Schleusener wollten nicht reden. "Weil sie noch immer an den Erinnerungen kranken. " Schließlich stieß Barbara Zibler auf die ehemalige Lehrerin von Jörg Hartmann.Als Barbara Zibler mit ihren Recherchen begann, wusste sie von zehn Menschen, die an dem 13 Kilometer langen Mauerstück zwischen Treptow und Neukölln umgekommen waren. Heute weiß sie: Es sind mindestens 15. Und: "Ich bin mir sicher, dass sich die Zahl weiter verändern wird. "