"Es war dies ein Jahr der Trübsal für die Kinder Jakobs, und es kam über sie viel Elend und Verwüstung." Es war das Jahr 1096, das der französische Rabbiner Joseph Ben Joshua Ben Meir derart beschrieb, das Jahr, als erstmals rheinische Synagogen in Flammen aufgingen, als jüdische Viertel gebrandschatzt wurden, als fast 12 000 jüdische Männer, Frauen und Kinder den Tod fanden - ermordet von sogenannten Kreuzfahrern, die auf ihrem Weg zur Befreiung des Heiligen Landes zunächst mit den "Feinden Gottes" im eigenen Land kurzen Prozeß machten.Dem Pogrom im Rheinland war eine wechselvolle Geschichte vorausgegangen. Der Legende nach sollen die ersten Juden als Beutegut an den Rhein gekommen sein - als der spätere Kaiser Titus im Jahre 70 n. Chr. Jerualem belagerte, habe er den germanischen Hilfstruppen gefangene jüdische Frauen und Mädchen als Belohnung für besondere Tapferkeit zugesprochen. Historisch faßbar ist die Existenz einer jüdischen Gemeinde auf deutschem Boden dagegen erst im 4. Jahrhundert; in einem Schreiben, datiert ins Jahr 321, forderte Kaiser Konstantin den Kölner Stadtrat auf, auch Juden in öffentliche Ämter einzusetzen - Köln hat damit die älteste jüdische Gemeinde Deutschlands.Im römischen Reich waren die Juden demnach gleichberechtigte Bürger - doch seit der Spätantike verschlechterte sich allmählich die rechtliche Stellung der Juden: Sie allein waren im weitgehend christianisierten Abendland dem Glauben ihrer Väter treugeblieben, als abgesonderte religiöse Gemeinschaften gerieten die Juden fast zwangsläufig in die Rolle der "klassischen" Minderheit. Ihre herausgehobene Rolle im Handel und später im Geldwesen führte zu weiteren Anfeindungen. Die fränkischen und deutschen Könige hatten die Juden daher schon frühzeitig unter ihren besonderen Schutz genommen - damit verbunden war das Recht auf Besteuerung. Wirrköpfe auf Eseln Das erste große Judenmassaker des Hochmittelalters fand 1066 im muslimischen Granada statt; im christlichen Abendland kamen erst nach dem päpstlichen Kreuzzugsaufruf im Jahr 1095 fanatische Wanderprediger auf die Idee, die Juden - in theologischen Streitschriften längst zu Feinden des Christentums verdammt - auch physisch auszumerzen.Papst Urban II. löste mit seinem Aufruf zur Eroberung Jerusalems und zur Befreiung der heiligen Stätten (die sich seit 637 in islamischer Hand befanden) nicht nur in der Ritterschaft, sondern auch in den Volksmassen einen regelrechten Kreuzzugswahn aus, der in der Bildung irregulärer Heerhaufen gipfelte, vor allem in Lothringen, am Oberrhein und im Rheinland. An deren Spitze setzten sich Wirrköpfe wie Peter der Eremit, ein schmutzstarrender, predigender Eselsreiter, der angeblich einen Brief des Himmels erhalten hatte, der Ritter Walter ohne Habe und der Graf Emicho von Leiningen. Schlecht bis gar nicht bewaffnet, verschafften sich die Horden ihren Proviant vor allem durch Raub und Plünderung - und schließlich ließen sie sich vom Reichtum der jüdischen Gemeinden anlocken.Rheinabwärts - also nicht auf dem Weg gen Osten - wandten sich die "Streiter Christi" Anfang Mai 1096 zunächst nach Speyer, wo zehn Juden, die die Zwangstaufe verweigerten, umgebracht wurden. Worms und Mainz waren die nächsten Stationen der Mörder. Der Blutrausch der "Kreuzfahrer" steigerte sich ins Unbeschreibliche. Zahllose jüdische Familien begingen kultischen Massenselbstmord, um den Metzeleien der Christen zu entgehen. Die Bischöfe der drei Städte, durch außergewöhnlich hohe Geldzahlungen von jüdischer Seite an ihre Schutzverpflichtung erinnert, hatten vergeblich versucht, die Gemeinden vor dem wütendem Mob zu retten.Köln erreichten mehr oder weniger organisierte Voraustrupps der "Kreuzfahrer" am 30. Mai 1096. Sie fielen, unterstützt von aufgehetzten Kölnern, ins jüdische Viertel ein, das samt Synagoge in Flammen aufging. Morde konnten zunächst noch verhindert werden, viele Juden fanden bei befreundeten christlichen Familien Unterschlupf. Schließlich nimmt sich der Kölner Erzbischof Hermann III. "seiner" Juden an und verteilt sie auf sieben Gemeinden der Umgebung - doch auch er kann nicht verhindern, daß sie von den Kreuzfahrern aufgespürt und getötet werden.Ein Zeitgenosse, der Rabbiner Joel Halevy, hat in einem erschütternden Bericht das Martyrium der Kölner Juden festgehalten: "Die tückischen Feinde verdammten sie zu Tode, stachen sie nieder mit Schwert und Lanze, dennoch blieb ihre Seele anhänglich ihrem Gott. Väter küßten ihre winselnden Säuglinge, sie zum Opfer weihend, Mütter verbargen ihr Angesicht, um nicht den Tod ihrer Kinder zu schauen. Die Grausamen aber schlitzten Schwangeren die Leiber auf und begruben sie lebendig, andere wurden greulich gemartert, in siedende Kessel geworfen, lebendig aufs Rad geflochten." Tragischer Irrtum Von Köln aus wandten sich die "Kreuzfahrer" gegen Neuss, Moers und Xanten, schließlich zogen sie in ungestillter Hab- und Blutgier Richtung Prag ab. Die wenigen Kölner Juden, die das Massaker überlebten, kehrten wenige Tage später in die Stadt zurück und bemühten sich um den Wiederaufbau ihrer Häuser - sie betrachteten diesen ersten Pogrom als vorübergehendes, einmaliges Unheil. Welch tragischer Irrtum dies war, zeigte sich schon 50 Jahre später: Da begann der zweite Kreuzzug. Und wieder das große Morden. +++

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