Nach dem elend langen "Hungerwinter" wärmt im April 1947 endlich die Frühlingssonne das Land. Als am 28. des Monats der Bauer Gustav Taubert in der Nähe der brandenburgischen Kleinstadt Wusterhausen sein Feld pflügt, fällt ihm am Rand eine Erhebung auf, als ob ein Versteck angelegt worden sei.Unter Stroh findet er die Leiche einer Frau, nach Einschätzung der Gerichtsmedizin etwa 60 Jahre alt. Sie ist teilweise entkleidet, gefesselt, mit Blutergüssen übersät. Eine eingeleitete Untersuchung verläuft ohne Ergebnis. Niemand kennt die Tote, Ausweispapiere werden nicht gefunden. Nur eine Frau aus der Gegend erinnert sich an eine Fremde, die ihr durch "ein gepflegtes Äußeres" aufgefallen sei, als sie zusammen mit einem kleinen und schmächtigen Mann in der Nähe von Wusterhausen auf etwas zu warten schien. Alles deutet auf eine "Hamsterfahrerin" aus Berlin hin, die bei Bauern in der Prignitz Nahrungsmittel eintauschen wollte.Mordfälle wie dieser gehören im Nachkriegsdeutschland zum Alltag. Allein im zerstörten Berlin werden von August 1945 bis Dezember 1946 insgesamt 641 Morde gezählt. Nur mit der durch den Krieg verursachten seelischen Abstumpfung der Menschen und der lebensbedrohlichen materiellen Not lässt sich die hohe Zahl an Verbrechen erklären.Deshalb setzen die alliierten Siegermächte sofort nach Kriegsende auf eine rigorose Bekämpfung der Kriminalität. Sie schaffen zunächst eine eigene Gerichtsbarkeit, die sich mit der Aburteilung von deutschen Kriegsverbrechern, aber auch mit normalen Kriminellen befasst.Da alle vier Siegermächte in ihrer Rechtsprechung die Todesstrafe vorsehen, wird diese von den Alliierten auch im besetzten Deutschland angewendet. Aus Abschreckungsgründen wird sie für unverzichtbar gehalten. Entsprechend oft ergehen Todesurteile. Allein in der britischen Besatzungszone werden zwischen Juli 1945 und Dezember 1946 insgesamt 166 Hinrichtungen gezählt. Sie ergehen wegen verübter Gewaltverbrechen, schwerem Raub oder Verstößen gegen das Verbot des Waffenbesitzes.Im Fall der bei Wusterhausen ermordeten Frau kommt es am 23. Mai 1947 zur ersten Vernehmung zweier Verdächtiger im Kriminalkommissariat Berlin-Steglitz. Es sind der Schlosser Berthold Wehmeyer (21), geboren in Berlin, und der Bäcker Hans Wagner (27), geboren in Breslau und von dort bei Kriegsende nach Berlin geflüchtet. Beide kennen sich erst wenige Wochen. Zwischen Wagners Ehefrau und Wehmeyer entwickelt sich ein Liebesverhältnis. Gerda Wagner will ihren Mann verlassen, zu dem sie sich nicht mehr hingezogen fühlt.Um in Ruhe ihre Sachen packen zu können, muss ihr Mann für ein paar Tage aus der Wohnung. Deshalb überredet sie ihn, gemeinsam mit Berthold Wehmeyer auf Hamsterfahrt zu gehen. Beide Männer brechen am 22. April in die Prignitz auf, um Kartoffeln zu besorgen. Wehmeyer hat etwas Gardinenstoff und ein Überschlaglaken zum Eintauschen dabei, Wagner eine lange Hose und ein solides Paar Stiefel. Am Morgen des folgenden Tages treffen sie bei Wusterhausen auf eine ihnen nicht bekannte Frau aus Berlin. Auch sie befindet sich auf Hamsterfahrt.Als sie abends die Frau wieder treffen, ist Berthold Wehmeyer der einzige ohne Kartoffeln. Hans Wagner hat dagegen fast einen halben Zentner einhandeln können. Auch die Frau ist mit 20 Kilo recht erfolgreich. Ein Erfolg, der ihr Todesurteil bedeutet. Die beiden Täter kennen nicht einmal ihren Namen. Später wird man sie als Eva Kusserow aus Berlin-Weißensee identifizieren. Nachdem sich alle gegen 20 Uhr in Richtung Wusterhausen auf den Weg machen, hat sie wahrscheinlich keine zwei Stunden mehr zu leben. Eva Kusserow stirbt wenige Tage vor ihrem 61. Geburtstag.Bis zu diesem Zeitpunkt stimmen die Aussagen in der Vernehmung weitgehend überein, danach widersprechen sich die Verdächtigen. Berthold Wehmeyer ist frustriert darüber, dass nur er keine Kartoffeln bekommen hat. Der Polizei gibt er zu Protokoll, dass ihm daraufhin Hans Wagner vorschlägt, die Frau umzubringen und ihre Kartoffeln zu stehlen. Wagner soll so lange auf ihn eingeredet haben, bis Wehmeyer dem schließlich zustimmt. Beide sollen sich an ihr vergangen, sie geschlagen und erwürgt haben.Anders wird der Tathergang von Hans Wagner beschrieben. Keineswegs habe er Wehmeyer angestiftet. Nur aus Angst vor dem körperlich weit Überlegenen, habe er ihm geholfen, Eva Kusserow in den Strohschober zu tragen.Dass Berthold Wehmeyer und Hans Wagner den Tathergang jeweils anders schildern, war zu erwarten. Erkennt das Gericht auf Mord, droht zumindest einem von beiden das Schafott. Es ist allerdings nicht mehr ein alliiertes Gericht, das über das Schicksal der beiden Inhaftierten entscheidet. Denn schon ein Jahr nach Kriegsende war den Alliierten klar, dass sie mit normaler Strafverfolgung auf Dauer überfordert sein würden. Mehr und mehr gehen sie dazu über, sich auf die Bestrafung von Kriegsverbrechern zu konzentrieren.Weil die Alliierten nach Kriegsende sofort alle von den Nationalsozialisten erlassenen Gesetze für null und nichtig erklären, behält vor dem 30. Januar 1933 erlassenes Recht vorerst seine Gültigkeit. Bei der Verfolgung von Straftaten ist damit wieder das Reichsstrafgesetzbuch von 1871 maßgeblich. Und das sieht für Mord ohne mildernde Umstände die Todesstrafe durch Enthaupten vor.Doch es sind nicht nur traditionelle, sondern vor allem praktische Gründe, weshalb die Alliierten für von deutschen Gerichten verhängte Todesurteile wieder das Enthaupten anordnen. Im Umgang mit der Guillotine geübte deutsche Scharfrichter stehen nach dem Krieg noch in ausreichender Zahl zur Verfügung. Ebenso sind noch einige der bis Kriegsende eingesetzten Guillotinen verfügbar.Auch nach mehreren Vernehmungen kann der im Mordfall von Wusterhausen ermittelnde Kriminalbeamte nicht eindeutig einschätzen, wer von den beiden Verdächtigen das Verbrechen angestiftet und wer das Opfer missbraucht hat. Eine Tendenz lässt sich dem Abschlussbericht dennoch entnehmen. Berthold Wehmeyers Aussage wird als "sehr bestimmt" bewertet und festgestellt, dass er sich "in keiner Weise in Widersprüche verwickelt". Dagegen bestreitet Hans Wagner mehrfach früher von ihm gemachte Aussagen selbst dann, wenn diese protokolliert und von ihm mit Unterschrift bezeugt wurden. Dennoch entwickelt sich der weitere Verlauf der Ereignisse für Wehmeyer ungünstig. Gerda Wagner steht plötzlich wieder zu ihrem Mann und belastet Wehmeyer als Haupttäter, der Hans Wagner mit in das Verbrechen hineingezogen habe.Beide Verdächtige werden einem psychiatrischen Gutachten unterzogen. Wagner wird eine normale Sexualität attestiert, die in geordneten Bahnen verlaufe. Dass er das viel ältere und damit weniger attraktive Opfer missbraucht haben soll, wo er doch mit einer jungen Frau verheiratet ist, kann sich der untersuchende Arzt nicht vorstellen. In Wehmeyer sieht derselbe Arzt dagegen einen "grobschlächtigen Gewaltverbrecher, der von einem ungewöhnlichen Sexualtrieb beherrscht wird".Am 5. Juli 1948 wird Wehmeyer vom Berliner Schwurgericht als Haupttäter wegen Mordes zum Tode verurteilt. Wegen sexuellen Missbrauchs ergeht zusätzlich eine Zuchthausstrafe von fünf Jahren. Hans Wagner wird dagegen nur wegen Beihilfe zum Mord zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Vom Vorwurf des Missbrauchs wird er freigesprochen.Wehmeyers Verteidiger, der für seinen Mandanten auf Totschlag plädiert hatte, stellt sofort einen Antrag auf Revision. Doch die Chancen auf Umwandlung des Urteils in eine lebenslange Freiheitsstrafe stehen nicht gut. Erst als im August 1948 der Verfassungskonvent auf der Insel Herrenchiemsee den Entwurf für das Grundgesetz erarbeitet, wird auch über eine Abschaffung der Todesstrafe diskutiert. Während die Gegner der Todesstrafe vor allem unter Sozialdemokraten und Kommunisten zu finden sind, ist das konservative und liberale Lager mehrheitlich für eine Beibehaltung. Weil keine Einigung erzielt werden kann, wird in diesem Grundgesetzentwurf dann auch ausdrücklich festgestellt, dass die Todesstrafe Bestand hat.Doch im Verlauf der weiteren Beratungen zum Grundgesetz im Parlamentarischen Rat fordern die beiden Delegierten der Deutschen Partei (DP) im Dezember 1948 völlig überraschend einen Antrag auf Abschaffung der Todesstrafe in die Gesetzesberatungen ein. Die DP, weit rechts angesiedelt, gilt bis dahin als Verfechterin der Todesstrafe; nun will sie die Todesstrafe abschaffen und zugleich die Gesetzgebung bezüglich der Abtreibung verschärfen. Offenbar verunsichert dieser Vorstoß der beiden DP-Vertreter vor allem die Delegierten von CDU/CSU zutiefst. Als der Parlamentarische Rat am 6. Mai 1949 endgültig über die Todesstrafe abstimmt, ist nun auch rund die Hälfte der CDU/CSU-Fraktion für eine Abschaffung. Am 8. Mai 1949 werden das Grundgesetz und damit die Abschaffung der Todesstrafe verabschiedet.Am 10. Mai um 6.30 Uhr soll Berthold Wehmeyer in Berlin enthauptet werden. Die von seinem Verteidiger am Tage der Verurteilung eingereichte Revision ist zurückgewiesen worden. Am 7. Mai laufen die Vorbereitungen für die Hinrichtung an. Der Scharfrichter wird informiert, zwölf Personen des Bezirks Tiergarten sollen als Zeugen der Vollstreckung beiwohnen. Lebensmittelkarten für die Henkersmahlzeit werden angefordert und 300 rote Zettel gedruckt, auf denen die Hinrichtung bekannt gegeben wird. Sie sollen nach der Vollstreckung an Berliner Litfaßsäulen geklebt werden.Durch Hinweise auf einen neuen Zeugen und einen allerdings rasch abgelehnten Antrag auf ein neues Verfahren erreicht Wehmeyers Anwalt zumindest eine Aufschiebung der Hinrichtung um einen Tag. Hinter der Aktion steht offenbar auch der Versuch, die Verabschiedung des Grundgesetzes für eine Neubewertung des Falls zu nutzen. Doch noch haben die drei westlichen Alliierten dem Grundgesetz nicht ihre Zustimmung erteilt. Außerdem soll es zunächst nur in den westlichen Ländern gelten und nicht im von den vier Siegermächten verwalteten Berlin.Es ist zu spät für Berthold Wehmeyer. Am 11. Mai um 6.30 Uhr wird er in den Hinrichtungsraum im Zellengefängnis Lehrter Straße geführt. Die Hände sind auf dem Rücken gefesselt, die Guillotine ist hinter einem schwarzen Vorhang verborgen. Der Staatsanwalt verliest das Urteil und die Ablehnung der Begnadigung durch die Alliierten. Drei Minuten dauert diese Verkündung, vermerkt das Hinrichtungsprotokoll.Danach wird der Vorhang zurückgezogen und Berthold Wehmeyer von zwei Gehilfen des Scharfrichters auf die Richtbank gelegt. "Alsbald darauf wurde der Kopf durch das Fallbeil vom Rumpf getrennt", notiert das Protokoll weiter. Nur fünf Sekunden dauert die eigentliche Vollstreckung. Berthold Wehmeyers Haltung "war würdig".Einen Tag nach der Hinrichtung genehmigen die westlichen Alliierten das Grundgesetz. Elf Tage danach, am 23. Mai 1949, tritt es in Kraft. Fortan wird kein von einem deutschen Gericht zum Tode Verurteilter mehr hingerichtet, in den westlichen Ländern nicht und auch nicht in West-Berlin. Nach dem 23. Mai wäre Wehmeyer nicht mehr getötet worden. In der DDR wurde die Todesstrafe 1987 abgeschafft.Hans Wagner wird drei Monate vor dem Ende seiner Haftstrafe begnadigt und entlassen. Mehrfach bedroht er den neuen Ehemann seiner früheren Ehefrau, die während seiner Haftstrafe die Scheidung eingereicht hatte. Wagner muss deshalb wieder ins Gefängnis. Am 15. April 1988 meldet er sich noch einmal bei der Berliner Staatsanwaltschaft, um Einsicht in seine Strafakte zu beantragen. Danach verliert sich seine Spur.------------------------------Foto: In West-Berlin ist die Guillotine bis 1949 in Betrieb, in der DDR bis 1968. Danach wird per "unerwartetem Genickschuss" von hinten hingerichtet, bis auch dort die Todesstrafe 1987 abgeschafft wird.