An einem trüben Novembertag des Jahres 1999 machte Awenir Owsjanow in der alten Festung am Rand von Kaliningrad einen seltsamen Fund. Der Ex-Oberstleutnant der Sowjetarmee, der seit seiner Pensionierung einen staatlichen Fonds zur Suche nach Kulturgütern leitet, inspizierte das Fort III - die mächtigste jener 14 ostpreußischen Bastionen, die das einstige Königsberg wie ein Ring umschließen. Jahrzehntelang hatte die Rote Armee dort Raketen und Granaten gelagert. Jetzt stand es leer. Im Tunnel, der hinab zu den Kasematten führt, stieß Owsjanow zwischen Munitionskisten und Militärgerümpel auf ein rostiges Stück Metall, einen handtellergroßen ovalen Ring, auf dessen Rand er fremdartige Verzierungen auszumachen glaubte. Owsjanow legte den Fund am Eingang des Forts ab. Die Archäologen Anatolij Walujew und Konstantin Skworzow vom Kaliningrader Museum für Geschichte und Kunst begutachteten den Fund und waren sicher: Der rostige Reif, Steigbügel eines Wikingerpferdes, gehörte zweifelsfrei zum Fundus einer der berühmtesten archäologischen Kollektionen Europas - der verschollenen Königsberger Prussia-Sammlung. Kurz darauf entdeckten die Forscher in den Katakomben des Forts - drei Stockwerke tief unter der Erde -16 000 Exponate des versunkenen Kulturschatzes wieder. Die Nachricht ging um die Welt.Zwei Jahre später zeigt das Kaliningrader Museum für Kunst und Geschichte jetzt in einer Sonderausstellung erstmalsTeile der legendären Kollektion. In einem eigens dafür hergerichteten Saal liegen in denVitrinen etwa 800 Exponate, sorgfältig restauriert: Bronzene Halsreifen, Glasperlen aus der Steinzeit, filigrane Bügelfibeln, wie sie in der Epoche der Völkerwanderung in Mode waren, Bartpinzetten, Gürtelschnallen. Daneben steinzeitliche Pfeilspitzen aus Feuerstein, Silbermünzen der römischen Kaiserzeit, Hacksilber, ein Tüllenbeil aus der Bronzezeit, auf dem noch die alte Signatur des Prussia-Museums zu lesen ist. Eine einzigartige Demonstration der Geschichte des westbaltischen Raumes zwischen Weichsel und Memel - dem Land der alten Pruzzen, ehe dort im 13. Jahrhundert die Ritter des Deutschen Ordens einfielen, das heidnische Volk unterwarfen und christianisierten. Illustrieren die Bernsteinperlen und Schwertspitzen nun wieder die bewegte Frühgeschichte jener Ostseeregion, so ist das Schicksal der Sammlung selbst nicht weniger spannend.Den Anfang markiert das Jahr 1844, als der Königsberger Historiker Ernst August Hagen zusammen mit engagierten Laien die "Altertumsgesellschaft Prussia" gründete. Bald war die Anzahl der Exponate so angewachsen, dass die "Prussia" als ständige Ausstellung in den Südflügel des Königsberger Schlosses einzog. Am Ende umfasste sie mehr als 240 000 Einzelexponate. Das Prussia-Museum war ein Haus von europäischem Rang geworden.Dann kam der Krieg - und das Ende. Im August 1944 legten englische Bomben das Zentrum Königsbergs in Schutt und Asche, auch das Schloss wurde schwer zerstört. Wie durch ein Wunder überstand die Prussia-Sammlung die Feuerhölle, und Walter la Baume, dem letzten Direktor des ostpreußischen Landesamtes für Vorgeschichte, gelang noch die Auslagerung der kostbaren Exponate. Einen Teil der Studiensammlung, einschließlich des gesamten Prussia-Fundarchivs, schickte er im letzten Kriegswinter mit der Eisenbahn in Richtung Westen. Die Ladung tauchte, wenngleich stark geplündert, 1946 in einem Gutshaus nahe der vorpommerschen Kleinstadt Demmin auf und gelangte von dort aus in die Magazinkeller der Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften, wo man die 125 Kisten nach der Wende, seit vier Jahrzehnten unangetastet, entdeckte. Ein kleinerer Teil der Prussia fand sich nach dem Krieg in einem Bunker bei Rastenburg, dem nun polnischen Ketrzyn, wieder. Das Herz des Kulturschatzes aber, die kostbare Schausammlung mit ihren reichen Funden der Eisen- und Bronzezeit, schien für immer verloren zu sein. Der umsichtige la Baume hatte auch diese Stücke noch aus Königsberg herausschaffen wollen, doch die Front rückte näher, und so ließ er die in Kisten verpackten Exponate in einem bombensicheren Fort am nördlichen Stadtrand einlagern. Nach dem Krieg verwandelte Moskau die Region in ein hermetisch geschlossenes Militärsperrgebiet.Dabei gab es auch im sowjetischen Kaliningrad Hinweise auf die Sammlung. Awenir Owsjanow, der seit über 20 Jahren auf den Spuren preußischer Kulturgüter forscht, erinnert sich: "Einige unserer Soldaten, die am Sturm auf Königsberg teilgenommen hatten, berichteten übereinstimmend von Kisten voller fremdartiger Plastiken, Gegenständen aus Elfenbein, Bernstein und Bronzestatuen in den Kasematten des Forts III. " Mehrmals versuchte Owsjanow, damals Dozent für Militärarchitektur an der Kaliningrader Armeehochschule, eine Untersuchung der so genannten Festung Quednau zu erwirken. Vergeblich. Die alten Preußen-Forts unterstanden der Sowjetarmee. Und die duldete keine Forscher in den Raketenbunkern.So mussten die Archäologen warten, bis die Armee auszog. Da waren die schönsten Prussia-Preziosen längst von illegalen Schatzsuchern gestohlen oder von Soldaten aus dem Fort geschmuggelt worden. In Kaliningrad, wo das Graben nach preußischen Schätzen auch mit der Suche nach der eigenen Identität zu tun haben mag, ist Archäologie eine Art Volkssport, und mafiose Raubgräber treiben mit den Funden einen schwunghaften Handel. Anatolij Walujew wusste seit 1997, dass Stücke aus der Königsberger Prussia-Sammlung auf dem Markt sind. Schließlich fand er selbst die Bestätigung: Die fehlende Hälfte eines bronzenen Halsringes, den das Museum von einem Schwarzhändler erworben hatte, entdeckte der Wissenschaftler in den Kasematten der Festung. Beide Fragmente des 3 000 Jahre alten Kleinods passten zusammen.Zweimal haben Walujew und sein fünfköpfiges Team inzwischen im Fort weitergesucht. Dabei fanden sie in einem alten Wallgraben, in den die Armee Schutt aus den Kasematten abgekippt hatte, noch einmal 12 000 Prussia-Stücke, darunter einzigartigen Wikingerschmuck. Doch die geborgenen Funde waren nach fünf Jahrzehnten in Schutt und Abfall in einem so erbärmlichen Zustand, dass eine baldige Präsentation als reine Illusion erschien. Anfangs nahmen Walujews engagierte Leute sich Schmuckfibeln und Pfeilspitzen mit nach Hause, setzten in Kochtöpfen und Einweckgläsern Konservierungsmixturen an, verglichen die gereinigten Stücke mit den Abbildungen in der "Vorgeschichte Ostpreußens" von Wilhelm Gaerte, dem letzten Direktor des Prussia-Museums. Doch angesichts der Dimension des Fundes war das ein sinnloses Unterfangen. Der Museumsetat reichte nicht einmal für die fachgerechte Lagerung der Exponate: Die Archäologen bewahrten den Schatz in ihrem Magazin in hunderten von Zigarettenschachteln und Pappkartons auf.Dass jetzt die erste Sonderausstellung möglich wurde, ist vor allem das Verdienst der Zeit-Stiftung Gerd und Ebelin Bucerius. Immer auf Distanz zur sensiblen Beutekunstdebatte bedacht, förderte die Hamburger Stiftung den Aufbau einer "Prussia-Arbeitsstelle" im Kaliningrader Museum: Eine moderne Restaurationswerkstatt entstand, Computer und eine Digitalkamera ermöglichen eine zeitgemäße Erfassung und Archivierung der Funde. Mit dem Archäologischen Landesmuseum Schleswig Holstein, Schloss Gottorf, fand sich ein fundierter wissenschaftlicher Partner. Dessen Direktor, Claus von Carnap-Bornheim, kann sich inzwischen vorstellen, dass ein großer Teil der Königsberger Prussia-Sammlung wieder zusammenkommt. Zwar befürchten viele Fachleute, dass die schönsten Stücke von Raubgräbern gefunden und verschachert worden sind. Doch aus privaten Kollektionen tauchen immer mehr Exponate auf. Gerade meldete sich in Kaliningrad ein Moskauer "Sammler" und bot dem Museum mehrere tausend Prussia-Exponate zum Kauf an. "Es sind Juwelen der Sammlung. Feinste Bronzezeit", sagt Konstantin Skworzow, der die Stücke an geheimem Ort begutachten durfte. 15 000 Dollar will der Mann haben. Das ist so gut wie nichts, meint Skworzow. Doch in Hamburg zögert man. "Wir würden mit solchen Aufkäufen kriminelle Handlungen unterstützen", sagt Dr. Philipp Adlung, in der Zeit-Stiftung für das Prussia-Projekt zuständig. In diesem Jahr wollen die Kaliningrader Archäologen ein viertes Mal nach Prussia-Funden graben. Die Sonderausstellung im Kunsthistorischen Museum ist bis Ende Mai zu sehen. Wenn alle geborgenen Exponate restauriert sind, soll die Sammlung einen festen Platz in der einstigen Königsberger Stadthalle bekommen. Museumsdirektorin Elena Penkina kann sich vorstellen, dass der wiederentdeckte Kulturschatz eines Tages in Deutschland gezeigt wird: "Die Prussia-Sammlung ist doch ein Erbe unserer gemeinsamen europäischen Geschichte. "FOTO Filigrane Schmuckfibeln aus der Bronzezeit, sie zählen zu den kostbarsten Preziosen der Prussia- Kollektion.Awenir Owsjanow, pensionierter Offizier der Sowjetarmee, fand im Fort III des Festungsrings Teile der verschollenen Prussia- Sammlung.