Manche Dorfbewohner glaubten erst, eine Sekte habe sich in ihrer beschaulichen Region niedergelassen. Als im Jahr 1967 die bewohnbaren Betonkugeln auf der kleinen, vom Flüsschen Plaine umschmiegten Insel in Raon-L'Etape gebaut wurden, war die Meinung in dem 90 Kilometer westlich von Strasbourg gelegenen Nest im französischen Departement Vogesen zweigeteilt. "Bei uns sind Außerirdische gelandet", unkten einige. Andere begrüßten belustigt die "Besucher aus dem All".Was Pascal Haüsermann, der Architekt dieser an Ufos erinnernden Gebilde, immerhin war: ein Utopist. Im Zeitgeist von Freiheit, Liebe und Frieden der Sechzigerjahre suchte er nach der architektonischen Entsprechung. "Er wollte Freiheit und günstigen Wohnraum für alle", sagt Bruno Tourmen, einer der heutigen Eigentümer des Pop-Art-Kleinodes. Keine wirtschaftlichen, keine baurechtlichen Zwänge, keine Massenwohnsiedlung. Als "Motel L'Eau Vive" boten die neun Betoneier für einige Jahre Gästen im welligen Land Lothringens Unterschlupf, doch dann verfielen sie.Vor drei Jahren nahmen Bruno und vier andere Haüsermann-Verehrer einen Kredit auf und kauften die kleine Insel mit dem Dorf aus Betoneiern für rund 185000 Euro. 50000 weitere Euro steckten sie in die liebevolle Restaurierung, um die Bubbles als Hotel wieder in Betrieb nehmen zu können. Herausgerissen wurde die Eiche-rustikal-Einrichtung einer Familie, die sich zu Beginn des neuen Jahrtausends für ein paar Jahre in vier der runden Unterkünfte eingenistet hatte. "Fürchterlich", entfährt es Joël, dem Hauselektriker und -meister, als er Bilder zeigt, die vom Faible der einstigen Bewohner zeugen. Seit 2007 schließlich ist das Space-Hotel als "Museumotel L'Utopie" wieder in Betrieb.Was die Betreiber mit der Wiederbelebung der weißen Wohneier auch veranstalteten, war eine Neuauflage der Aussteigerwelle der Sechziger im kleinen Stil. Joël hatte als Elektrotechniker bei der Entwicklung von Prototypen im Automobilkonzern PSA mitgewirkt -und für das Ufo-Hotel einen Schnitt gemacht. Seine Freundin Laurence gab ihren Job bei einer großen schweizerischen Supermarktkette nach zwanzig Jahren auf. Nunmehr empfangen die beiden auf der mittlerweile "Ile Haüsermann" benannten Insel die staunenden Gäste. Einzig Webmaster Bruno und ein weiterer Kompagnon blieben auch in ihren bisherigen Jobs.Wer sich für eine Nacht im Museumotel entscheidet, unternimmt eine Art Zeitreise: Mit auf Flohmärkten aufgetriebenem Original-Interieur setzen die fünf Freunde alles daran, dass die Illusion gelingt. Den Chlorophyll-Bubble -jeder Bubble trägt einen anderen Namen -schmücken Siebdrucke aus den Siebzigern. Aufhängen kann man sie wegen der runden Bauform nicht, deshalb lehnen sie an der Wand. Ausgelegte alte Zeitschriften untermauern den Zeitsprung in dem 20-Quadratmeter-Ei: "Paris Match" bringt am 22. Januar 1966 eine Ausgabe mit dem Titel "Toute la terre vue de l'espace". Die Aufnahmen, die US-Astronauten damals von Mutter Erde schossen, faszinieren als Nachtlektüre. Überhaupt schläft es sich, umwölbt von den kalkweißen Rund-Wänden, ganz formidabel. Es muss ein unbewusstes Ich-schwimme-im-Uterus-Gefühl sein, das die Geborgenheit herstellt.Das Panton-Bubble ist eine Hommage an den Dänen Verner Panton, der vor allem mit seinem geschwungenen Stuhl schon zu Lebzeiten zur Design-Ikone wurde. Zwei seiner bekannten Sitz-Artefakte sind drapiert, auch ein Wandteppich stammt aus seiner Schöpferhand. Das Orange-Bubble ist in der Farbe der Siebziger gehalten, ein anderes im Stile der Fünfziger. Und im Love-Bubble mit dem Doppelbett in Herzform finden sich zum Honeymoon immer wieder frisch Vermählte ein. Im zweistöckigen Haupt-Bubble ist die Rezeption untergebracht, im oberen Raum wird auf grünen Plastikstühlen französisch so stilecht gefrühstückt wie schon in den Sechzigern: Baguette, Croissant, Butter, Marmelade, O-Saft und ein Bol, eine Schale, wahlweise mit Kaffee oder Kakao gefüllt.Ab und an werden Konzerte oder Ausstellungen im Rezeptions-Bubble organisiert. Am liebsten würde Laurence hier einmal David Bowie aufspielen sehen. Nur ein einziges Mal. Ihr kommt ungefragt leise der Titel der Weltraum-Ballade des Popkünstlers über die Lippen: "Space Oddity". Frei übersetzt: "Kurioses aus dem All."------------------------------SERVICEAnfahrt: Der TGV von Strasbourg nach Paris hält zwischen Raon-l'Etape und Saint Dié-des-Vosges, 10 Minuten vom Museumotel entfernt.Preise: 70 Euro muss mindestens zahlen, wer zu zweit eincheckt. Eine Nacht im Love-Bubble kostet 85 Euro. Mehr Platz als für fünf Personen (130 Euro) ist aber in keiner der gemütlichen Beton-Kugeln.Internet Museumotel L'Utopie, Ile Haüsermann, 88110 Raon-l'Etape www.museumotel.com------------------------------Karte; VogesenFoto (2): Pascal Haüsermann entwarf die Hotelanlage in den 1960er-Jahren. Er wollte Freiheit und günstigen Wohnraum für alle. Offensichtlich auch für Außerirdische.